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Der Esel und ich: Wanderung im Brandenburger Wald

Esel sind stur? Unsere Autorin wagt den Selbstversuch und erfährt dank der besonnenen, sozialen Tiere mehr über sich selbst
Text: Anthea Schaap
Veröffentlicht am: 08.04.2026
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Dank Esel im Hier und Jetzt: die Wanderungen im Naturpark Dahme Heidesee. Foto: Anthea Schaap 

Kira und ich trotten nebeneinander her. Mein Blick schweift durch den Wald. „Schau dort, ein Waldtäubchen!“, rufe ich aus, zeige aufgeregt in die Baumkrone und schaue sie erwartungsvoll an. Die Eseldame zeigt sich recht unbeeindruckt.

Esel kommunizieren nicht mit Worten, sie kennen keine Kommandos, sie reagieren nicht auf Hü oder Hott. Das hält mich nicht davon ab, Kira vom Wind zu erzählen, der die Blätter der Pappeln zum Tanzen bringt, von der Weite des Moors, ihr jeden Stein zu zeigen, der an unserem Wegesrand liegt, jeden Stock, dessen Form mich an ein Tier denken lässt. Ich möchte Kameradschaft erzeugen mit dieser Eseldame, ihr beweisen, dass wir ein Team sind, sie und ich. Für diesen Nachmittag im Brandenburger Wald. Und so tue ich, was Menschen nun mal so tun, und plappere sie voll. Es ist eine meiner ersten Erkenntnisse an einem erkenntnisreichen Tag: Bei einer Eselwanderung lernt man mehr über den Menschen als über das Tier.

Die Zusammenarbeit zwischen Menschen und Eseln ist – aus unserer Sicht – eine Jahrtausende währende Erfolgsgeschichte. Der Esel trottete bereits ergeben neben unseren Vorfahren her, als Pferde noch ungezähmt über wilde Wiesen galoppierten. Alle unsere heutigen Hausesel stammen vom Afrikanischen Wildesel ab, dessen Domestizierung etwa 5.000 v. Chr. in Nordostafrika begann. Die zähen Tiere waren für die Nomadenvölker der Sahara ideal, ihnen genügte karge Nahrung und noch weniger Wasser. Von Ägypten aus gelangten sie über den Nahen Osten nach Europa und wurden schnell unverzichtbar für die Entwicklung unserer Kultur – sei es im römischen Militär oder im griechischen Weinanbau.

Unsere Autorin war mit Eseldame Kira unterwegs. Foto: Anthea Schaap

Mit dem harten Arbeitsalltag ihrer Vorfahren hat Kiras Leben auf dem Hof von Nicole und Daniel hier im Naturpark Dahme-Heideseen nichts mehr zu tun. Zusammen mit fünf weiteren Eseln verbringt sie hier das ganze Jahr draußen auf der Weide, geht mit Gästen auf Wanderung, hilft an Teamtagen Kolleg:innen dabei, wieder zusammenzufinden oder lässt sich bei Schmusestunden ausgiebig massieren. Seit 1750 ist der Hof in Familienbesitz; Nicole und Daniel, die mit ihren Kindern hier leben, betreiben ihn in der sechsten Generation. Früher war es ein klassischer Selbstversorgerhof, auf dem Schweine im Schlamm wühlten, Kühe auf Wiesen grasten und Bienen in Obstbäumen von Blüte zu Blüte summten.

Doch wie für so viele landwirtschaftliche Betriebe in der Region – und in ganz Deutschland – ist es immer schwerer geworden, sich mit klassischer Landwirtschaft über Wasser zu halten. Die Konkurrenz mit den großen Betrieben macht dies nahezu unmöglich, kreative Ansätze sind gefragt. So hat Nicole inzwischen einen Imkerschein und erzeugt Honig in traditionellen französischen Bauernbeuten. Daniel erklärt als zertifizierter Natur- und Landschaftsführer im Naturpark Gästen die Besonderheiten dieser wunderschönen Gegend. Zudem haben die beiden einen alten Bienenwagen mit viel Liebe zum Detail als Ferienwohnung für kurze oder längere Aufenthalte restauriert.

Esel sind nicht stur, sie sind analytisch

Vor allem aber stehen seit 2018 auf der großen Wiese neben dem roten Backsteingebäude die Esel, deren Ohren sich neugierig aufstellen, sobald jemand am Zaum vorbeispaziert. Und wir Menschen? Strahlen zumeist über beide Backen, sobald wir die Esel sehen. Esel sind unschlagbare Sympathieträger.

Nach einer Pause an einem kleinen See genieße ich mit Kira am Seil die Ruhe des Waldes, die nur vom rhythmischen Klackern ihrer Hufe unterbrochen wird. Zu Beginn unserer Wanderung war ich nervös. Ich hatte Angst, Kira könnte stehen bleiben und sich weigern, weiterzugehen. Wie so ein sturer Esel halt. Bei der Einführung am Hof erzählte Daniel Geschichten von Familien, die ihn schon nach einer Viertelstunde mit dem Esel zur Hilfe rufen mussten, weil er sich nicht mehr vom Fleck bewegte. Und von Paaren, die stritten, wer denn nun Schuld sei an der Verweigerung des Tiers.

Dabei ist die Sturheit der Esel, das wohl am weitesten verbreitete Vorurteil über diese Tiere, ein klares Missverständnis. Esel sind bedächtige, vorsichtige Tiere mit einem stark ausgeprägten Selbsterhaltungstrieb. Im Gegensatz zu Pferden, die, sobald sie irgendwo eine Gefahr wittern, Hals über Kopf davonlaufen, bleibt ein Esel, dem etwas komisch vorkommt, stehen. Er analysiert die Situation mit Ruhe und Aufmerksamkeit. Mir scheint, auch hier könnte der Mensch etwas lernen vom Tier.

„Ist der Mensch nicht bei der ­Sache, merkt das der Esel sofort“

Wenn ein vermeintlich sturer Esel nun also stehen bleibt, liegt das daran, dass er eine neue Situation nicht einschätzen kann. Esel sind hochsoziale Herdentiere und wenn Menschen mit ihnen wandern, sehen sie diese als Teil ihrer Herde an. In freier Wildbahn leben sie in lockeren Verbänden, pflegen enge Freundschaften zu anderen Eseln, aber haben – im Gegensatz zu Pferden – keine starren Hierarchien. Führe ich also einen Esel an der Leine, werde ich zur Pfadfinderin. Es ist eine Zusammenarbeit, die auf Vertrauen beruht, nicht auf Dominanz.

Meine eigene Hektik und jede Unsicherheit überträgt sich direkt auf das Tier. Dem Esel kann man nichts vormachen. In allen von Daniels Geschichten, in denen er aufs Rad steigen und zur Rettung eilen musste, lag der Grund immer beim Menschen: Entweder es standen fünf Personen um einen Esel, kuschelten ihn und fütterten ihn mit Leckerlis – warum sollte ein Esel da weitergehen? Oder die Gäste waren abgelenkt, nicht bei der Sache, zu sehr mit sich selbst beschäftigt – das merkt ein Esel sofort.

Nicht nur am Heidesee laufen Esel nach ihrem eigenen Tempo. Foto: Anthea Schaap

In der Tat muss ich nur an mein Handy denken und Kira bleibt stehen. Und recht hat sie: Wie könnte ich mit dem Kopf am Telefon eine verlässliche Pfadfinderin sein? So bietet einem ein Eselspaziergang die Chance, etwas unglaublich Wertvolles zu tun: voll und ganz im Hier und Jetzt zu sein. Kira und ich, wir trotten nebeneinander her. In stiller Harmonie. Es hat sich ein Gefühl von Vertrauen eingestellt, von Ruhe und Gelassenheit. Drei bis vier Kilometer pro Stunde läuft ein Esel, nicht schneller, aber auch nicht langsamer. Es ist wissenschaftlich belegt, dass Wandern in Begleitung von Eseln auf Menschen eine beruhigende Wirkung hat. Ihr langsames Tempo überträgt sich auf uns, schon nach einer Stunde sinkt der Stresspegel nachweislich. Nicht umsonst werden Esel sogar in Therapien eingesetzt.

Am Ende unserer Runde, kurz vorm Dorfeingang, kommen Kira und ich an einem Klapptischchen vorbei, auf dem ein Eimer mit Äpfeln zum Verschenken steht. Ich biete ihr einen an, und natürlich sagt sie nicht Nein. Glücklich tätschle ich ihren Kopf und warte, bis sie zu Ende gekaut hat. Bevor ich mich zum Weitergehen drehe und sie mir ohne Murren folgt. Einen Esel zu hetzen hat keinen Sinn. Die Esel wissen es besser als wir.

Heideesel-Eselerlebnisse

/Ganzjährig möglich sind Spaziergänge oder Tagestouren mit Packtasche, Picknickdecke und Wanderkarte – kein Eselreiten! Von November bis März gibt’s auch Winterwanderungen. Einmal monatlich lädt die Eselschmusestunde zum Kennenlernen und Lernen ein. Für Gruppen werden geführte Wanderung am Seeufer mit Grill & Bio-Verpflegung angeboten, gerne auch für entspannte Teamtage.
Eselspaziergang (2,5 h, ganzjährig) Mo–Fr 1 Esel 165 €, 2 Esel 220 €Sa+So, Feiert. 1 Esel 220 €, 2 Esel 275 €
Tagestour (4–6 h, ganzjährig) Mo–Fr 1 Esel 275 €, 2 Esel 330 €Sa+So, Feier. 1 Esel 330 €, 2 Esel 385 €
Winterwanderung (4 h, November bis März) Mo–Fr 1 Esel 220 €, 2 Esel 275 €Sa+So, Feiert. 1 Esel 275 €, 2 Esel 330 €
Eselschmusestunde (1 h, von April bis September) Erwachsene 50 €, Kinder (4–14 J.) 25 €, bis 3 J. frei

Heideesel Streganzer Dorfstr. 12a, 15754 Heidesee OT Streganz, Telefon: 03 37 68-85 99 94, E-Mail: [email protected], mehr Infos online


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