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Spaziergang durch Siemensstadt: Zwischen zwei Türmen

Die Brüche des 20. Jahrhunderts lassen sich in Berlin selbst in der Architektur eines kleinen Ortsteils wie Siemensstadt verfolgen
Text: Lutz Göllner
Veröffentlicht am: 01.04.2026
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Der „Panzerkreuzer“ genannte Wohnblock steht im Gegensatz zur Siemensstädter Architektur. Foto: Imago/Imagebroker/J. Hildebrandt 

Hans Hertlein hieß der Hausarchitekt der Siemens & Halske AG, der ab 1912 einen rasanten Aufstieg hinlegte: Innerhalb von 13 Jahren avancierte er vom einfachen Bauleiter zum Chef des gesamten Bauwesens – und prägte den Stadtteil im Guten wie im Schlechten. Die Bauten aus rotem Klinker, das alte Wernerwerk am Eingang zur Siemenstadt, das Blockwerk, das alte Forschungslabor und das gewaltige Verwaltungsgebäude, sie alle tragen Hertleins Handschrift, schlicht und doch beeindruckend wuchtig, modern-funktional, aber in den Details mit klassizistischen Elementen.

Wir beginnen den Spaziergang am Rohr-/ Ecke Wohlrabedamm, mit Blick auf den Uhrenturm, der in Wahrheit einen Schornstein und ein Wasserreservoir verdeckt. Auf der östlichen Rohrdamm-Seite liegt die ab 1908 erbaute Keimzelle der zukünftigen Siemensstadt. Die Gebäude mögen aussehen wie Mietskasernen aus der Stadtmitte, boten aber damals schon erstaunlichen Komfort, darunter ein – großer Luxus – Innenklo. Aber kein Bad.

Nördlich der Nonnendammallee entdeckt man die Trasse der alten Siemensbahn. Zwischen 1927 und 1929 baute Siemens auf eigene Kosten diesen Damm und drei Bahnhöfe. Nach dem Reichsbahnstreik 1980 wurde der Verkehr eingestellt, Trasse und Bahnhöfe verrotteten.Im Verkehrsprojekt 2030 sind Wiederaufbau und Verlängerung der alten Siemensbahn festgeschrieben.
Hinter dem Bahndamm beginnt die eigentliche Siemensstadt. Die noch unter Hertlein erbauten Etagenhäuser und die Gartenstadt-Imitation dies- und jenseits des Wilhelm-von-Siemens-Parks zeigen deutlich die Schwächen des Architekten: Seine evangelische und katholische Kirche, die das Terrain begrenzen, sehen aus wie Fabrikhallen mit Kirchturm, die Häuser für die Arbeiter machen den Eindruck, als wäre hier ein Dorf in der Nähe einer mittelalterlichen Burg entstanden; selbst die Mülltonnenunterstände haben Schindeldächer.

Verlässt man den Rohrdamm Richtung Westen, siegt die Kunst über den Kitsch. Hans Scharoun und ein Architektenkollektiv bauten entlang des Jungfernheidewegs ein Ensemble voll spröder Eleganz, ein Denkmal für das Zeitalter der technischen Präzision. Im Kontrast dazu stehen die Bauten von Fred Forbat, die mit ihren Kommunikationsräumen und den Rasenflächen zwischen den Wohnblöcken den Wohnraum bereits zum Jungfernheidepark öffnen. Auf der anderen Straßenseite der Goebelstraße dagegen beeindruckt der „Lange Jammer“ von Otto Bartning, der diesen Teil der Siemensstadt mit Hilfe von 25 gleichgeformten Hauseinheiten vom Bahndamm abschirmt.

Wer will, kann hier nach Süden zurück zur U-Bahn gehen und kommt an Scharouns „Panzerkreuzer“ vorbei, dessen Fassade wie eine gebogene Schiffswand anmutet. Das alles steht im kompletten Gegensatz zu Hertleins Siemensstadt, bei Scharoun gab es in jeder der Ein- bis Dreizimmerwohnungen Bad, WC und eine Zentralheizung. Man kann den Spaziergang aber auch im Jungfernheidepark auspendeln lassen, vorbei am Strandbad und der Freilichtbühne bis zum alten Wasserturm, in dem noch bis 2001 das Trinkwasser aus dem Tegeler See aufbereitet wurde.

Spaziergang durch Siemensstadt: Tour-Infos

Routenplaner Von der U-Bahn- und Bus-Station Rohrdamm geht es an der alten Trasse der Siemensbahn vorbei, durch den Wilhelm-von Siemens-Park über die Goebelstraße bis hin zum U-Bahnhof Siemensdamm, alternativ über Geißlerpfad in den Volkspark Jungfernheide.
Länge & Dauer etwa 5 km, knappe 2 Stunden.
Essen & Trinken Kulturbiergarten Jungfernheide gegenüber Heckerdamm 273, Volkspark Jungfernheide, Di–So 12–18 Uhr. Kulinarisches Angebot reicht von Bratwurst bis Schnitzel, zudem gibt es Saisongerichte.
Kulturstopp Skulptur „The Wings“ von Daniel Liebeskind, Rohrdamm 85, Siemensstadt. Massives, mattgeschliffenes Alluminium-Gebilde mit integrierten LED-Lämpchen und einer Symbolik, die zu erklären man den Rest dieses Artikels bräuchte.
Fun-Fact Die Wichernkapelle hat eine Wanderung hinter sich. Zunächst am S-Bahnhof Fürstenbrunnerweg/Siemensstadt errichtet, stand sie danach vor der Schule Siemensstadt, bevor sie am dritten Standort in Spandau landete.


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