Der Teltowkanal bündelt Berlin

Zunächst die Fakten: Der Teltowkanal ist eine 38 Kilometer lange Wasserstraße, die durch den Süden Berlin verläuft, erbaut zwischen 1900 und 1906 von insgesamt 2.500 Arbeitern auf Initiative des Landrates Ernst von Stubenrauch. Die Fließgeschwindigkeit beträgt atemberaubende zehn Zentimeter pro Sekunde. Fakt ist leider auch: Will man den ganzen Kanal abwandern oder -paddeln, muss man sich zunächst auf sehr viel Langeweile gefasst machen; erst im westlichen Teil wird es schön.
Von der Mündung an der Grünauer Brücke an führt der Kanal durch extrem öde Industrieanlagen, vorbei an Laubenpieperkolonien und parallel zur Autobahn A 113. Lediglich die alte, inzwischen funktionslose Späthbrücke ist interessant, ist dies doch historisch die einzige Brücke über den Kanal, die den Zweiten Weltkrieg überlebt hat. Am Britzer Hafen stößt von Osten kommend der Britzer Verbindungs- auf den Teltowkanal. Erst dahinter beginnt der städtebaulich interessantere Teil des Teltowkanals, der einen komplett anderen Blick auf jene Stadtquartiere ermöglicht, an denen man auf der Straße schon dutzendmal vorbei gefahren ist. Wie clever diese Anlagen ins Stadtgrün eingebaut wurden, wie angenehm das Wohnen mit Wasser und Stadtgrün ist, erfasst man nur von der Wasserseite aus.
Teltowkanal: Brutalismus, Lost Places und Umweltsünden
Nach dem Britzer Hafen folgen bis zum Tempelhofer Hafen wieder Industrieanlagen, die beim Bau des Kanals die Dunkelheit am Rande der Stadt markierten. Die lustige Wurst, die hier unter der Stubenrauchbrücke über dem Wasser hängt, ist übrigens der U-Bahnhof Ullsteinstraße. Auf Höhe des ehemaligen Gaswerks Mariendorf kann man nachvollziehen, mit welchem Aufwand die Stadt früher mit Energie versorgt wurde: Das Hafenbecken ist riesig, und über den Kanal führte einst eine eigene Eisenbahnlinie, deren Gleise heute funktionslos sind. Erst hier beginnt der wirklich spannenden Teil des Kanals. Direkt gegenüber vom Heizkraftwerk Steglitz mündet nämlich die vom Fichtenberg kommende Bäke, ein kleines, bei ruhigem Wetter harmloses Rinnsal, das sich bei Regen in einen reißenden Bach verwandelt. Auf dem Verlauf vom Bäkefließ wurde der gesamte Rest des Kanals erbaut.
Der Uferweg führt vorbei am Charité Campus Benjamin Franklin, einst das modernste Krankenhaus von West-Berlin. An der Kramerstraße lohnt ein Blick auf den Mäusebunker, von 1971 bis 1981 das Tierlaboratorium der Freien Universität und ein drastisches Beispiel für den Architekturstil des Brutalismus. Spannender sind jedoch die industriellen Überreste der Treidelbahn, die bis 1945 die Lastkähne gezogen hat. Leider war die Wasserqualität des Kanals nie besonders gut, leiten doch Klärwerke in Waßmannsdorf und Stahnsdorf ihre Abwässer hier ein; sogar vom Klärwerk in Ruhleben führt eine Druckleitung zum Teltowkanal.
Die größten Umweltverschmutzer waren jedoch die DDR, die ihren giftigen Schutt teilweise im Kanal entsorgte, und die legendäre Spinne in Zehlendorf, eine Zellstoff-, später Polyesterfaserfabrik („Trevira“), die von 1904 bis 1999 den Kanal regelrecht verseuchte. Das Gelände der Spinne ist heute ein faszinierender, aber auch brandgefährlicher „lost place“.
Melancholie und Tränen am Teltowkanal
Ab hier wird der Verlauf des Teltowkanals kurios: Das südliche Ufer gehörte zur DDR, das nördliche zu West-Berlin. Auf der Teltower Seite stehen deshalb immer noch die Ruinen eines Grenzkontrollgebäudes. Auf Höhe des Machnower Sees tritt auf der südlichen Seite die gute alte Bäke wieder zu Tage, nördlich davon steht seit 700 Jahren die Hakeburg. Vom alten Ensemble sind leider nur noch ein paar Fundamente und das Medusenportal übrig. Direkt hinter dem See kann man auf dem Gelände der Machnower Schleuse viele technische Artefakte des Kanals bewundern.
Folgt man jetzt auf dem südlichen Ufer dem Kanalauenweg, läuft man durch eine Sumpflandschaft, die sich seit Jahrhunderten kaum verändert hat, voller kleiner Weiher und Pfuhle und mit seltenen, streng geschützten Amphibien und Vögel. Auf der gegenüberliegenden Seite, wo heute ein Campingplatz liegt, war einst ein weiterer DDR-Grenzkontrollpunkt. Der ehemalige Wachturm dient heute als Vereinslokal.
Der letzte interessante Schauplatz, bevor der Teltowkanal im Griebnitzsee mündet, findet sich auf der Höhe der Ortslage Albrechts Teerofen. Da sind zunächst die Widerlager der 2018 geschleiften Friedhofsbahnbrücke zu sehen, die vom S-Bahnhof Wannsee mitten durch den Wald zum Friedhof Stahnsdorf führte, zu sehen. Nur wenige Meter weiter quert die Teltowkanalbrücke mit dem früheren Checkpoint Bravo. Auf der Brücke sieht man noch immer die Spuren der Kontrollfahrbahnen und die Dreimastflaggenanlage der Alliierten – und auch der Rasthof, für jeden vor 1960 geborenen West-Berliner ein Ort der Melancholie und bitterer Tränen, ist noch erhalten.