Berlins schönster Park? Warum ein Tag am Lietzensee glücklich macht

Verliebt am Ufer entlang spazieren oder verträumt unter einer alten Platane liegen – eigentlich braucht es nicht mehr zum Glücklichsein. Auf der großen Liegewiese trösten sich Hertha-Fans nach dem fünften verlorenen Heimspiel mit einer Pizza von Rocco, während der Charlottenburger Adel Arm in Arm durch die farbenfrohen Staudenbeete flaniert. An den Tischtennisplatten duelliert sich die Jugend vom Kaiserdamm mit schnellen Bällen – und mittendrin liegt der Lietzensee, unbeeindruckt von all dem Treiben.
Stille Idylle in lauter Umgebung: Am Lietzensee findet Charlottenburg zur Ruhe
Ein Picknick mit der Familie, ein Glas Wein im Bootshaus Stella, ein Bier zu viel auf der Parkbank. Ein Nickerchen im Schatten, ein nackter Rücken in der Sonne, ein Nagetier im Baum. Ein perfekter Frisbeewurf, ein Boule-Spieler mit ausgestrecktem Arm, ein Kind, das vom Einrad fällt. Vor über 100 Jahren träumte Erwin Barth von einem Landschaftspark für alle – einem Garten für die Nachbarschaft, einem Treffpunkt, einem stillen Idyll inmitten des Großstadtlärms. Mit dem Lietzenseepark hat der grüne Visionär seiner Stadt ein zeitloses Geschenk gemacht: zehn Hektar Erholung, an denen sich die Menschen bis heute erfreuen.

Sein Vermächtnis ist nicht nur ein Musterbeispiel der modernen Volksparkbewegung, sondern auch ein Meisterwerk des Jugendstils. Die 35 Meter lange Große Kaskade am südlichen Ende des sichelförmigen Sees – mit steinernen Blumenkübeln, Pergolaanlage und Aussichtsterrasse – und die Kleine Kaskade mit Rundbecken und Fontäne im Norden bilden die architektonischen Höhepunkte. Das charmante Parkwächterhaus am Westufer, ab 1925 nach Plänen des Charlottenburger Magistratsbaurats Rudolf Walter im Heimatschutzstil errichtet, unterstreicht den Eindruck ländlicher Gelassenheit – nur wenige Schritte entfernt von der stark befahrenen Neuen Kantstraße, dem ikonischen ICC und dem gewaltigen Messegelände. Und über allem wacht der Funkturm.
Der Lietzenseepark ist das Meisterwerk eines grünen Visionärs

Von der Großstadthektik merkt man nichts, wenn man unter den jahrhundertealten ahornblättrigen Platanen entlangschreitet und im Schatten der majestätischen Trauerweiden alles andere als traurig ist. Spannend sind auch die Skulpturen, die im Park verteilt sind. Die bekannteste: der „Sandalenlösende Knabe“ des Bildhauers Fritz Röll aus dem Jahr 1909. Ein Gefallenendenkmal von Eugen Schmohl erinnert an das Königin-Elisabeth-Garde-Regiment Nr. 3 – preußische Geschichte, wie sie in Charlottenburg allgegenwärtig ist. Vom Ufer aus schweift der Blick über die prunkvollen Bauten der Kaiserzeit, die den Park säumen. Und wer noch immer glückstrunken am Wasser sitzt, während die Sonne langsam untergeht, sieht die Lichter in den Altbauwohnungen aufblinken. Gelegentlich klirrt ein Glas. Nicht zu laut, nicht zu leise. Wer hier nicht leben möchte, war noch nie am Lietzensee.