Ausgezeichnete Berliner Bilderbücher vom Kraus Verlag

Ein Junge sucht seinen Kater. Gemeinsam mit dem Papa steht er zwischen langen Baumstämmen in blaubraunen, flirrenden Farbtönen, die im Himmel verschwinden. Keine Katze weit und breit. Das Buch „Auf der Suche nach Georg“ des norwegischen Autors Ragnar Aalbu berührt tiefe Fragen um Trauer und Verlust. In „Dürfen Elefanten mit dem Bus zu ihren Tanten?“ von Patricia Cleveland-Peck geht es dagegen turbulent zu, wenn wilde Tiere in Verkehrsmitteln für allerlei Chaos sorgen. Beide Bücher sind dieses Frühjahr im kleinen Berliner Kraus Verlag erschienen. Ein Verlag, der seit seiner Gründung 2021 mit nur zwölf Büchern mächtig eingeschlagen ist in der deutschen Bilderbuchwelt: Im vergangenen Herbst hat er sowohl den Deutschen als auch den Berliner Verlagspreis bekommen.

„Mir ist wichtig, dass die Bücher einen gewissen Charme und Charakter haben und für sich selbst stehen“, sagt André Zeugner, der den Verlag ganz allein führt und hauptberuflich zudem in der Werbebranche arbeitet. „Es darf auch gern eine Botschaft transportiert werden, die sollte aber nicht wie in einem pädagogischen Ratgeber daherkommen.“
Die Initialzündung, einen Verlag zu gründen, kam durch ein verkorkstes Vorleseerlebnis mit seiner Tochter während der Pandemie. „Das Buch war furchtbar langweilig, und ich dachte mir: Es muss doch möglich sein, Bilderbücher herauszubringen, die sowohl für Kinder als auch für Erwachsene spannend und unterhaltsam sind.“ Auch viele Animationsfilme funktionieren schließlich auf zwei Ebenen. „Die Kinder müssen natürlich die Geschichte verstehen, wenn es eine gibt, aber nicht alle Anspielungen“, sagt Zeugner. Das erste Buch in seinem Verlag, „Von Schildflöten, Herdmännchen und Großmaulnashörnern“, stammt vom Berliner Autor Juri Johansson und ist ein verrücktes Tier-Lexikon voller schräger, hintergründiger Sprachspiele um Schlamasselasseln, Pyjamalamas und Fragetiere wie das Wiesel, das Wiesosel und das Warumsel. „Gerade im Bilderbuch hat man die Chance, Grenzen der realen Welt zu durchbrechen. Ich finde es schön, wenn diese Möglichkeit auf originelle Art und Weise genutzt wird“, sagt André Zeugner.
Fuchsteufelswilder Stinksauer-Tag
Die meisten seiner Stoffe hat er bislang im Ausland gefunden. Oft sind es Bilderbücher, die in ihren Herkunftsländern bereits Preise gewonnen haben und die Zeugner dem deutschen Vorlesepublikum zugänglich machen möchte. Auch hier hat das Lesen mit seiner Tochter ihn inspiriert. Den Band „Mein fuchsteufelswilder Stinkesauer-Tag“ der englischen Autorin Rebecca Patterson las er ihr immer wieder vor, wobei er den Originaltext simultan übersetzte. „Irgendwann konnte sie den Text vollständig selbst zu den Bildern sprechen“, sagt Zeugner. Trotzdem hatte er zunächst Bedenken, da das Buch bereits vor zehn Jahren erschien und er unsicher war, ob es noch den aktuellen Zeitgeschmack traf. Die deutsche Version ist mittlerweile in der dritten Auflage.

Bilderbücher vom Kraus Verlag: Quatsch mit mindestens drei Herzen
Dass sein Verlag so schnell Preise bekam, hat Zeugner überrascht. „Ich dachte, ich übe erst mal, bewerbe mich dort und bekomme dann Absagen“, erzählt er, „aber es ist natürlich eine tolle Bestätigung.“ In der Laudatio für den Berliner Verlagspreis heißt es in Anspielung an das „Kraken-Tagebuch“ der tschechischen Autorin Magdalena Rutová und das gesamte Programm des Verlags: „Es handelt sich um Quatsch mit mindestens drei Herzen.“
Am Herzen liegt André Zeugner auch: Vorlesen ist nicht nur Frauensache, auch wenn die Bilderbuchwelt aktuell stark von Lektorinnen, Autorinnen, Jurorinnen und daheim von Vorleserinnen geprägt ist. „Das möchte ich ändern und auch Männer mehr zum Vorlesen ermuntern“, sagt Zeugner.
Darum hat er die Lesereihe „Vorleseväter“ ins Leben gerufen. Noch bevor er im März seinen Verlagsstand auf der Leipziger Buchmesse aufbaut, steigt die zweite Ausgabe in Berlin. Dabei lesen aus ihren Lieblings-Bilderbüchern unter anderem der Buchhändler und Verleger Benedikt Viertelhaus, sowie der Storyteller und Seelsorger Christian Lisker für Väter, Großväter sowie für alle am Bilderbuch Interessierte – egal welchen Geschlechts. Für den Herbst sind schon weitere Neuerscheinungen geplant, dann werden voraussichtlich noch mehr Berliner Bilderbuch-Autor:innen vertreten sein, darunter der Filmregisseur Dietrich Brüggemann.