65 Jahre Mauerbau: Wie die DDR eine Jugendrevolte brutal niederschlug

Der Mauerbau hat gerade begonnen, da fassen die jungen Aufrüher den Entschluss, auf die Barrikaden zu gehen.
Am 13. August 1961 ist erstmals am Bollwerk zwischen der SED-Diktatur und Westdeutschland gearbeitet worden. Jenem Isolationsprojekt, das die ostdeutsche Einheitspartei zum „antifaschistischen Schutzwall“ erklärt.
Zwei Tage später schmieden Gerd Resag, 17, Oberschüler, und Gerd-Peter Riediger, 18, Malergehilfe, den Plan, zivilen Ungehorsam gegen die Freiheitsberaubung zu leisten. Ihr Lebensmittelpunkt: Strausberg, die märkische Kleinstadt unweit von Ost-Berlin.
Zwei weitere junge Oppositionelle gesellen sich hinzu: Michael Gartenschläger, 17, Schlosserlehrling, und Karl-Heinz Lehmann, 18, Schlosser. In der Kleinstadt pinseln sie Parolen auf Oberflächen. „SED – Nee“, „Nazis und Kommunisten raus“ oder „Heute rot – morgen tot“. Auch eine LPG-Scheune mit Erntegut stecken sie in Brand. In wechselnden Konstellationen vollführen sie die Aktionen. Schnell nimmt der Sicherheitsapparat die Rebellen fest. Von „Diversion“ und „staatsgefährdenden Gewaltakten“ schwadroniert die Staatsanwaltschaft.
Mauerbau: Die Subversion des Ted-Herold-Fanclubs
In einem dreitägigen Prozess im örtlichen NVA-Kulturhaus verurteilen Richter die Jugendlichen zu Strafen, deren Maßlosigkeit für ein System steht, deren Entscheidungsträger letztlich Staatsterror gegen die eigenen Bürger ausüben. Zwei Jungs müssen lebenslänglich ins Gefängnis, nur ihre Minderjährigkeit rettet sie vor der Todesstrafe mit dem Fallbeil. Ein anderer erhält 15 Jahre Haft, einer zwölf Jahre. Eingebuchtet wird auch ein unbeteiligter Junge namens Jürgen Höpfner.
Politisiert hat die Youngster die Rock’n’Roll-Bewegung, im Jahr zuvor haben sie einen Ted-Herold-Fanclub gegründet. Sie huldigen also dem „deutschen Elvis“, der Teenagern zwischen Buxtehude und dem Breisgau die Sinne raubt. Inspiriert haben sie Trips nach West-Berlin, ebenso unwiderstehliche Hits aus den USA im Rias-Programm. Wegen ihrer Renitenz waren die Jungs schon vor dem Aufstand im Visier der Stasi.
Jemand, der sich lebhaft an die Jugendrevolte und deren Niederschlagung erinnert, ist der heute 83-jährige Detlef Grabert. Der alteingesessene Strausberger, der nach der Wende 89/90 im brandenburgischen Landtag als Mitglied der Bündnis-90-Fraktion disputierte, ist damals Schuljunge – und ebenfalls anti-mäßig eingestellt. Zwei der inkriminierten Jugendlichen besuchen in der Oberschule eine Klasse unter ihm. Die jungen Leute wollen sich auch ausleben. Auf dem Familiengrundstück eines Jungen sei mit Mädchen zu Rock’n’Roll getanzt worden, erzählt er. Der Partygeber war Michael Gartenschläger, der Schlosserlehrling.
Die Strafen stehen für ein System, deren Mächtige letztlich Staatsterror gegen eigene Bürger ausüben
Noch heute, als älterem Herrn, gehen dem Zeitzeugen Detlef Grabert die Schrecknisse der Diktatur nahe. Auch ihn hat das Regime in den frühen 1960ern in den Bau gezwungen – ins Jugendgefängnis in Luckau, wegen einer anderen Angelegenheit.
Das Gerichtsverfahren in Strausberg wiederum gegen die selbsternannten „furchtlosen Fünf“ habe die junge Generation abschrecken sollen, gibt er zu Protokoll. In den Verhandlungssaal haben Erzieher linientreue Schüler entsendet. Sie sollen das Verfahren beobachten, um danach in den Klassenzimmern zu pädagogischen Zwecken von den Konsequenzen des Abweichlertums zu berichten.
Seit Mai diesen Jahres gemahnt im heutigen Strausberg ein Gedenkstein an die Turbulenzen. Befestigt ist er am Schauplatz der damaligen Justizschikane, dem einstigen NVA-Kulturhaus, heute der Festsaal Strausberg. Die kleine Texttafel am Denkmal haben Zehntklässler aus dem Theodor-Fontane-Gymnasium im Geschichtsunterricht hergerichtet.
Mauerbau: Versuchte Gefängnisausbrüche
Zu einer Reizfigur des DDR-Widerstands entwickelt sich vor allem Michael Gartenschläger, jener Schlosserlehrling, dessen Elterngrundstück der Dancefloor für Ausdruckstanz gewesen ist. Während der Erhebungen vor 65 Jahren schlüpft der Sohn von Gastronomen in eine Rolle als Anführer. Zwei Mal versucht er später, aus dem Knast auszubrechen.
Das Honecker-Regime schiebt ihn am 5. Juni 1971 in die BRD ab; deren Diplomaten haben den Systemfeind vorher freigekauft. Auch im Westen macht er sich einen Namen. So will er die Existenz der DDR-Selbstschussanlagen am Grenzstreifen nachweisen. Unter Lebensgefahr montiert er Splitterminen vom Typ SM 70 ab. Die berüchtigten Exekutionsmaschinen. Von „tödlichen Würfeln“ berichtet hernach der „Spiegel“. Gartenschläger hat dem Nachrichtenmagazin zuvor eine Mine als Corpus Delicti verkauft – und seine Lebensgeschichte obendrein. Für 12.000 D-Mark. Bei einem weiteren Sabotageversuch am innerdeutschen Limes lauert ihm der Geheimdienst auf. Er stirbt im Kugelhagel von Stasi-Schergen – nachdem der bewaffnete Gartenschläger selbst das Feuer eröffnet haben soll.
Die biografischen Spuren der anderen Misfits verlieren sich hingegen. Nur Jürgen Höpfner, jener Szenegänger, der nur am Rande mitmischte, tritt später in Erscheinung – als Schriftsteller, der den Justizhorror im Roman „Gleisverwerfung“ verarbeitete. Die DDR-Zensur duldete bloß die Verbreitung einer geschönten Fassung.
Nach der deutschen Einheit kommt es zumindest in einer Causa zum juristischen Nachspiel: Im Jahr 1992 hebt das Landgericht in Frankfurt/Oder nach einem Rehabilitierungsantrag das Urteil gegen Michael Gartenschläger, den Frontmann, in weiten Teilen auf. Seine Schwester wollte ihn entlastet wissen. Eine kleine symbolische Wiedergutmachung post mortem.