DDR, mon amour: So lebten die wenigen Türken in Ost-Berlin

Es ist der 22. September 1981, als Tanju Tügel, ein Kommunist, Arbeitskämpfer und politischer Flüchtling, groß geworden in Istanbul, ins Land seiner Träume übersiedelt. Hinter dem Grenzübergang am S-Bahnhof Friedrichstraße empfangen ihn Gesinnungsbrüder, darunter ein FDJ-Genosse. Sodann chauffiert ein Taxi den Gast, Mitte 20, an seinen Bestimmungsort: die Treskowallee 8 in Karlshorst.
Tanju Tügel soll an einer dortigen Kaderschmiede der DDR-Intelligenzija zum Top-Akademiker reifen. Die Hochschule für Ökonomie in Karlshorst, auch als „Rotes Kloster“ bekannt, gilt als Olymp der marxistisch geprägten Wirtschaftswissenschaften.
Dabei ist ein Türke in Ost-Berlin zu diesem Zeitpunkt so gang und gäbe wie kritische Berichterstattung in der „Aktuellen Kamera“.
Während der Taxi-Fahrt bewundert Tügel die „schönen Bauten“. Glücklich sei er gewesen, erinnert er sich.
Während in Westdeutschland die so genannten Gastarbeiter aus den armen Gegenden an der Schwarzmeerküste eine neue Population stellen – Männer, die an den Fließbändern malochen, sowie Frauen, die putzen –, sind Migrationsbewegungen vom Bosporus in den Arbeiter- und Bauernstaat eine Anomalie.
Ost-Berlin den 1980er-Jahren: Hier büffelte die akademische Elite
Als Tügel, ein Mitglied der Türkischen Kommunistischen Partei (TKP), sich im Studentenwohnheim einquartiert, dürften in der Hauptstadt des Warschauer-Pakt-Staates allenfalls ein paar Dutzend Menschen türkischer Abstammung leben. Botschaftsmitarbeiter sowie deren Angehörige, vielleicht ein paar Handelsleute und Künstler, die ungewöhnliche Aufenthalte tätigen. Und eben Tügel, der an seiner neuen Lehrstätte immerhin einen Genossen namens Selçuk wiedertrifft, ein Landsmann, der schon immatrikuliert ist. Etwas später, in den mittleren 1980ern, erweitert sich die Mini-Community um fünf weitere türkische Studierende, die teils auch an der Humboldt-Uni studieren. Allesamt sind sie junge, tiefrote Polit-Nerds im Zeichen von Marx und Lenin – als Jungelite der TKP.

Überhaupt leben in den 1980er-Jahren nur knapp 200 Türken in der ganzen DDR. Zugleich wanderten bis 1990 mehr als eine Million Menschen aus Vorderasien in die verfeindete BRD ein.
Wie ist es den Phantomen in Ost-Berlin ergangen?
Tügel entwickelt sich an der Leuchtturm-Akademie zu einer Gelehrtenpersönlichkeit. In seinem politisch fragilen Heimatland hat er noch in den 1970er-Jahren für den Jugendverband der TKP seine Jugend geopfert. Unter Lebensgefahr habe er dort für den Sozialismus gekämpft, so tönt er heute. Dahinter steckt mehr als Selbstheroisierung. Die Unterdrückung in der kemalistischen Attrappenrepublik kulminiert in Folter und Mord gegenüber radikalen Linken.
Ost-Berlin und Tanju Tügel: Zuerst lebt er im Rheinland
Ihm kommt ein Detail aus seiner schulischen Vergangenheit zupass: Der junge Oppositionelle machte sein Abitur an einem Gymnasium in Istanbul, das der Deutsche Akademische Auslandsdienst (DAAD) mitbetreibt. So findet er 1977, im Jahr des übelsten RAF-Terrors, erst einmal Zuflucht in der Bundesrepublik der Helmut-Schmidt-Ära, genau genommen im teils multikulturellen Köln. Weil seine Hochschulreife von der selbst ernannten Bildungsnation anerkannt wird, kann Tügel dort BWL studieren.
Im Rheinland leistet Tügel vor allem Parteiarbeit im Umfeld von Fabriken und anderen sozialen Treffpunkten. Er vernetzt sich mit Gewerkschaftern, wirbt unter Werktätigenbataillonen in der Großindustrie für antikapitalistische Ideen. Beispielsweise verschafft er sich Gehör in der Belegschaft des Autoherstellers Ford in Köln-Niehl. Er bildet, wenn man so will, eine Zelle in Almanya, geführt vom TKP-Politbüro.
Bis ihn die Parteiführung in die Kapitale der SED-Diktatur beordert. Mitgetragen wird der Transfer von der ostdeutschen Einheitspartei. Ein solcher Ruf ins geistig-kulturelle Zentrum der DDR hat auch die anderen jungen TKP-Mitglieder ereilt.
Tügel macht dort Party im Studentenklub, er verliebt sich in eine ostdeutsche Frau, bekommt Kinder. Zugleich ist seine Peer Group auch international. Kein Wunder: An der Hochschule für Ökonomie sind zwischen 1957 und 1984 Studenten und Studentinnen aus 86 Nationen eingeschrieben. Sie stammen etwa aus sozialistischen Bruderländern, vereinzelt auch aus den Einflusszonen von Coca-Cola, Adidas und Hollywood. Überzeugungstäter, die ein Gesellschaftsmodell jenseits der freien Marktwirtschaft verinnerlichen wollen.
An der Humboldt-Universität studiert unterdessen Kadriye Karcı, später Lokalparlamentarierin im Berliner Abgeordnetenhaus zwischen 2010 und 2011 für die Linkspartei. Sie büffelt an der Alma Mater marxistisch-leninistische Philosophie.
Auf den Nachwuchswissenschaftlern liegen die Hoffnungen von SED & Co., sie sind privilegiert. Im Gegensatz zu Vertragsarbeitern aus Vietnam oder Mosambik, die Schweißarbeit in den VEBs verrichten. Im Land der Weltzeituhr, des Hochleistungssports und der DEFA profitiert die ausländische Bildungsoberschicht von Salvador-Allende-Stipendien.
Ost-Berlin verliert seine Anziehungskraft in den späten 1980er-Jahren
Angesichts des moralischen Bankrotts, den die Nomenklatura in der späten DDR verschuldet, macht sich Desillusionierung breit. Tügel entwickelt ein Faible für Michail Gorbatschow, den neuen KP-Chef in der Sowjetunion, der die Herrschaftsverhältnisse zwischen Kaliningrad und Kamtschatka auflockern möchte. Vollends verliert Tügel den Glauben ans realsozialistische Projekt, als das Honecker-Regime im Jahr 1988 in der DDR die Zeitschrift „Sputnik“ verbietet, eine reichweitenstarke Postille aus der UdSSR, die „Glasnost“ und „Perestroijka“ anpreist.
Nach der Wende, im Jahr 1991, schreibt Tügel zumindest Lokalhistorie. Der Reformer macht Karriere bei der PDS – und wird in Prenzlauer Berg ein Bezirksstadtrat für Jugend und Familie. Somit ist er Berlins erster Bezirksstadtrat mit türkischen Wurzeln. Heute sitzt Tanju Tügel, ausstaffiert mit der deutschen Staatsbürgerschaft, im Ältestenrat der Linkspartei. Der Rentner ist in einer Wohnung in Friedrichsfelde zuhause.
Über sein zweites Leben sagt er: „Ich habe mich verändert.“