Wendezeit des Krebses

Auf einer Anlage draußen in Hoppegarten hält August Micha, der sagenumwobene Frischwarenmagnat, seinen Bestand. Rund eine Viertelmillion Flusskrebse vegetieren dort zeitweise in Behältnissen, die mit Quellwasser gefüllt sind – jedenfalls im Winter, wenn Vorräte aus den Erträgen des Sommers angelegt werden. Eine Zuchtwirtschaft, die August Micha, Sohn eines Pantoffelhändlers, zum Großimperium ausgebaut hat. Auf dem Gelände steht neben den Wasserbecken auch eine Villa, die ansehnliche Residenz des „Krebskönigs“. Diesen schmucken Titel hat dem Unternehmer die Lokalpresse verliehen.
In den 1860er- bis 1880er-Jahren floriert das Geschäft mit der Spezialität aus Fanggründen in der Mark, in Pommern, in Ost- und Westpreußen. Der Edelkrebs, von Zoologen auch „Astacus astacus“ genannt, ist eine gefragte Delikatesse.
Kruste und Fleisch werden bis nach Paris und London verfrachtet – streckenweise befördert mittels Eisenbahnen auf neuartigen Schienennetzen. Auch die Menschen im Kaiserreich verspeisen das Lebensmittel in rauen Mengen.
Der Hauptumschlagplatz: Das dynamische Berlin, wo in Markthallen aquatisches Getier aller Art für reißende Absätze sorgt. In der Hauptstadt importieren Firmenbosse wie Oskar Micha die Krebse von Fischern in naher und ferner Umgebung, um das Massenprodukt danach lokal wie international zu vertreiben. Im lebendigen Zustand.
Die Kreaturen landen später als auf Tellern von Arbeiterschicht bis Adel. Eine Esskultur, die heutigen Tierschützern ein Graus sein muss.
In den Küchen wird das Schalentier auf fantasievolle Weise zubereitet. Bodenständig geht’s zu, wenn die Krebse nach „Alt-Berliner Art“ serviert werden, getränkt in Buttersoße. „Krebse à la Bordelaise“ dagegen sind ein fein-frankophiles Vergnügen – gekocht in Weißweinwasser. Es ist eine Kost mit Tradition. „Karrebsä, billije Karrebsä“, so erschallte es bereits in der Mitte des 19. Jahrhundert im markigen Ton öfters auf den Straßen und Gassen. Ein Verkaufsstandort war auch der Spittelmarkt.
Edelkrebse: Glanz und Gloria
Zurück zu den Besitztümern des „Krebskönigs“ August Micha: Die Wassertanks stehen für einen hohen Grad der Technisierung. Von Glanz und Gloria kündet ein Artikel in der „Gartenlaube“, erschienen 1877. Im heutigen Mitte führte er ein Ladenlokal; In Köln-Deutz betreibt August Mich…