Ausstellung am Tempelhofer Flughafen: Die Lufthansa und ihre Nazi-Verstrickungen

Wer die Zerlegung eines deutschen Mythos erleben will, muss sich bloß in den südlichen Gebäudeblock des ehemaligen Tempelhofer Flughafens begeben.
Dort erinnert eine kleine Ausstellung an einen Sündenfall der Industriegeschichte. Es geht um die willfährigen Dienste jenes Luftfahrtunternehmens, dessen Kranich im Logo in weltbekannt ist, im Zusammenhang mit den Kriegs- und Ausbeutungsmaschinerien der Nazis. „Lufthansa. Berlin-Tempelhof 1926-1945“ lautet die Schau.
Die Verstrickungen von Konzernen, die in der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit die Wirtschaftsnachrichten bestimmten, sind ja eigentlich schon oft luzide zutage gefördert worden. Unter aufgeklärten Menschen ist die Faktenlage hinreichend bekannt: Der ökonomische Erfolg vieler Firmen der Deutschland AG gründete in schamlosen Aktivitäten im Dritten Reich. Von BMW bis Krupp.
Umso erkenntnisfördernder ist es nun, dass auf einem Gelände, das einst Sitz der in den 1920ern gegründeten Fluggesellschaft war, in der Weimarer Republik, aber auch in der NS-Ära, die Schattenseiten der Lufthansa in den Blick genommen werden.
Der Parcours vermittelt Wissen an Einsteiger jenseits von Lehrstühlen und Forschungsinstituten. Große Wandtafeln veranschaulichen die Gemengelage in Diagrammen und Zeitstrahlen, Bildern und Erläuterungen.
Offiziell war die Lufthansa vor einem Jahrhundert als ziviles Projekt in die Welt gesetzt worden – in einem Staat, der wegen des Versailler Vertrags zu geopolitischer Mäßigung verpflichtet war. Unter dem Dach des harmlosen Beförderungsunternehmens sollten Ingenieure jedoch zur Wiederaufrüstung beitragen. Heimlich leisteten sie technologische Vorarbeiten für eine neue Luftwaffe nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg. Ein trojanisches Pferd.
Lufthansa: Nazi-Verbrecher Hermann Göring wollte ein „Volk von Fliegern“
Von Beginn an pflegten Chefs beste Beziehungen zu Wehrministern. Nach der Machtübernahme der NSDAP ist das prestigeträchtige Unternehmen ein elementarer Bestandteil des militärisch-industriellen Komplexes. „Ein Volk von Fliegern“ ersinnt Hermann Göring, der von 1935 an der Oberbefehlshaber der Luftstreitkräfte der Wehrmacht war. Die Lufthansa soll Cockpits, Motoren und Tragflächen liefern.
In den späten 1930ern entsteht das riesige Halbrund des Tempelhofer Flughafens, entworfen von Ernst Sagebiel, das dort heute noch die Szenerie prägt. Ein steinernes Symbol für die nationalistische Obsession rund um die Lufthoheit. Baupläne lassen die Gigantomanie erkennen. Ein Horst soll den Kult um so genannte „Fliegerhelden“ befeuern.
Außerdem ist ein neues, 28.000 Quadratmeter großes Büro für das junge Lufthansa-Unternehmen errichtet worden. Symptomatisch: Erhard Milch, damaliger Direktor, steigt zum Generalinspekteur der Luftwaffe auf. In der Ausstellung erkennt man sein Gesicht auf dem Cover des „Time“-Magazins. Eine janusköpfige deutsche Karriere, am Vorabend von Bombenterror und Holocaust. Sowie Paradebeispiel für einen militärisch-industriellen Komplex.
Die Lufthansa ist während des Zweiten Weltkriegs vollends ein Rädchen im Getriebe eines verbrecherischen Tötungs- und Unterdrückungsapparats. In Hangars am Tempelhofer Flughafen fertigen Zwangsarbeiter zahllose Rüstungsfabrikate. Nebenan müssen sie in Baracken unter elenden Bedingungen hausen. Ein Aviatik-Unternehmen, das unschuldige Passagiere in andere Erdteile chauffiert, ob Handelsvertreter oder reiche Touristen, ist die Lufthansa nur am Rande.
Nach einer Neugründung im Jahr 1953 transportiert das PR-Narrativ der Lufthansa ein Bild in die deutsche Öffentlichkeit, das die dunkle Vergangenheit ausspart. Ganz im Sinne der Illusion einer „Stunde Null“, die in der frühen BRD verbreitet war. Angesiedelt ist das Hauptquartier nunmehr in Köln. Noch in den 1990er-Jahren halten Lufthansa-Manager eine hauseigene Studie über die schäbige Rolle in Hitlerdeutschland unter Verschluss.
Die Räumlichkeiten der Ausstellung befinden sich übrigens ein Stockwerk unterhalb einer allgemein zugänglichen Besichtigungsplattform auf dem Dach. In beachtlicher Höhe kann man dort über Lehren der Geschichte nachdenken.