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Verkehrsforscher Andreas Knie: „Ich liebe Autos, aber nicht so viele“

Der Soziologe und Mobilitätsforscher Andreas Knie untersucht den Zusammenhang zwischen Autoverkehr und Gesellschaft. In seinem neuen Buch fragt er: „Wo kommen bloß die vielen Autos her, und wie werden wir sie wieder los?“
Text: Paula Schöber
Veröffentlicht am: 25.03.2026
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Andreas Knie
Verkehrsforscher Andreas Knie hat den siebten Sinn. Foto: Bernhard Ludewig 

Dieser Artikel ist in tip 5/2025 erschienen.

Herr Knie, haben Sie selbst ein Auto? 

Nein, habe ich nicht.

Sie wohnen in Berlin. Wie bewegen Sie sich durch die Stadt?

Multimodal. Ich fahre immer noch gerne Auto. Ich liebe Autos, aber eben nicht so viele. Carsharing ist mittlerweile eine wunderbare Alternative. Wir haben tolle Möglichkeiten durch Leihräder oder durch das eigene Rad. Oder durch E-Scooter. Wir haben also in Berlin eigentlich alles, was das Herz begehrt, um sich von A nach B zu bewegen. Und das tue ich.

Sie schreiben, das Auto wurde im Nationalsozialismus und später in Westdeutschland kolossal gefördert, man wollte mit anderen westlichen Ländern wie den USA mithalten. Inzwischen ist Deutschland längst Autoland. Warum hängen die Deutschen immer noch so an ihren Autos?

Gute Frage. Wir glauben immer noch, eine nachholende Motorisierung betreiben zu müssen. Wir haben in Deutschland sowieso ein Minderwertigkeitsgefühl. Und in der Tat lagen wir bis in die 1960er Jahre bei der Motorisierung weit hinter Spanien, Italien, England und den USA. Also haben wir alles gefördert, was ging, um das Auto zu bekommen. Und dann hatten wir es und zwar mehr als alle anderen Länder. Obwohl wir schon seit Längerem eine abnehmende Fahrleistung haben, müssen wir im neuen Koalitionsvertrag wieder lesen: Wir bekennen uns zum Auto.

Auch in Berlin warb die CDU vor zwei Jahren mit dem Wahlslogan: „Berlin, lass dir das Auto nicht verbieten“. Warum ist das Auto so hoch politisiert?

Es wurde erst mit der Zeit politisiert. Für mich ist diese Politisierung ja ein Fortschritt. Ich bin lange Jahrzehnte mit der These rumgelaufen, wir müssen uns vom Auto langsam befreien, wir brauchen weniger Autos. Damit bin ich völlig gegen die Wand gelaufen. Da hieß es: Das Auto gab es doch schon immer, das ist doch wie vom Himmel gefallen. Dass es ein Resultat politischer Entscheidungen war, den öffentlichen Raum einfach dem Auto zu schenken, das war völlig unklar. Der politische Charakter des Autos war lange nicht erkennbar. Jetzt wird das Auto begründungspflichtig, das sieht man daran, wie die CDU das hier in Berlin gemacht hat, oder die neue Koalition es jetzt offensichtlich auch auf Bundesebene machen muss. Jetzt ist das Auto nicht mehr selbstverständlich. Erst dann kann ich anfangen, es politisch zu diskutieren. 

Seit wann wird das Auto in unserer Gesellschaft als Problem wahrgenommen?

Schon seit das mit der Massenmotorisierung losging. Also eigentlich schon in den späten 60er, frühen 70er Jahren. Aber als kulturelles und soziales Problem wird es erst seit der Pandemie wirklich kritisiert. Durch die Pandemie sind wir zwangsweise in einen anderen Zustand versetzt worden. Seitdem ist ein Ruck durch uns gegangen. Nicht nur durch Deutschland, auch in anderen Ländern ist das beobachtbar. Seitdem sehen wir das Auto kritischer. 

Gerade haben Forscher an der TU Dresden eine Studie veröffentlicht, nach der in Berlin die Autonutzung in den letzten zehn Jahren von 30 auf 22 Prozent gesunken ist. Gleichzeitig werden immer mehr Autos zugelassen. Ein Widerspruch?

Das muss man differenzieren. Von den Neuzulassungen sind zwei Drittel gewerbliche Fahrzeuge, davon sind ein großer Teil Dienstwagen. Das ist das Resultat der 1-Prozent-­Steuerregelung bei Dienstwagen. Das ist unglaublich. Die privaten Autokäufe dagegen stagnieren schon seit Langem. Außerdem geht in Berlin, München und Hamburg zum ersten Mal die absolute Zahl von Autos langsam zurück. Wirklich neu ist, dass die Fahrleistung, also die zurückgelegten Entfernungen, deutlich zurückgeht. In Berlin zum Beispiel ist das Auto nicht mehr Nummer eins, weder was die Zahl der Wege noch die gemessenen Fahrleistungen angeht. Das ist jetzt der ÖPNV. Man könnte also sagen, in Berlin haben wir schon eine Verkehrswende. Allerdings ist die Autoförderung weiterhin dominant und wir bauen Straßen, als ob es kein Morgen gäbe.

Berlin baut zum Beispiel die A100 aus und plant mit der TVO eine riesige Umgehungsstraße. 

Das ist Politik aus den 50er Jahren. Und das, während wir uns zwischen zerbröselnden Autobahnen und -Brücken vorfinden, und bestimmte Autobahn-Abschnitte wie die Schlangenbader Straße schon aus dem Betrieb genommen wurden oder bald werden. Dabei ist aktuell Rückbau das Maß der Dinge und die Priorität der Zukunft. Wir müssen eine angemessene Entwicklung der Infrastruktur vorantreiben. Das heißt, bei den Stadtautobahnen langsam zurückbauen. Und auf keinen Fall noch etwas Neues bauen. Das ist wirklich fahrlässig. Das ist eine Sünde an der Natur, aber vor allem an der Gesellschaft.  

Zur Person

Andreas Knie, geboren 1960, ist seit 1996 Professor für Soziologie an der TU Berlin. Am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin (WZB) leitet er mit Weert Canzler die Forschungsgruppe „Digitale Mobilität“. Knie war Bereichsleiter bei der Deutschen Bahn und Geschäftsführer des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) in Berlin.


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