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Zwischen Protest und Profit: Berlin ist Mekka der Rüstungsindustrie

Berlin soll zu einem internationalen Zentrum der Rüstungsindustrie werden, so möchte es der Senat. Eine historische Zäsur, die Widerstand auf den Plan ruft
Text: Philipp Wurm
Veröffentlicht am: 24.09.2026
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Berlin entwickelt sich zum internationalen Zentrum der Rüstungsindustrie © IMAGO/ZUMA Press Wire
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An einer Kreuzung im Wedding spitzt sich der Konflikt zu. Auf dem Kopfsteinpflaster äußern junge Polit-Protestler aus der linken Szene, rund 200, eine buntscheckige Meute, ihren Widerstand gegen eine symbolisch aufgeladene Stätte.

In einer Fabrik an der angrenzenden Scheringstraße sollen Facharbeiter und Ingenieure demnächst Munitionsteile im Akkord produzieren. Hülsen für 45-Kilo-Artilleriegeschosse. Kriegsgerät, das zum Exportschlager werden soll.

Den Verkehrsweg, an dem die schlagzeilenträchtige Fabrik angesiedelt ist, haben Polizisten abgeriegelt – mit Sperrgittern, die eine Phalanx aus Beamten bewacht. Die Staatsmacht befürchtet Sitzblockaden am Werkstor, 250 Einsatzkräfte hat sie aufgeboten.

Jenseits der Barrikade bündelt sich die Wut der Demonstranten gegen die geplante Ansiedlung: Eine Frau um die 30, rosa Käppi, hält eine kampflustige Rede, Teilnehmer kleben sich an der Straßenoberfläche fest. Irgendwo flattert ein „Rheinmetall entwaffnen“-Textil. Zum Ballyhoo geladen hat das „Berliner Bündnis gegen Waffenproduktion“, ein Who is Who des anti-imperialistischen Spektrums, darunter die Migrantifa, die Interventionistische Linke oder Pride Rebellion Berlin. Es kommt zu Rangeleien mit Beamten.

„Rheinmetall Waffe Munition GmbH“ so heißt das Unternehmen, dessen Werk nebenan zur cash machine in einer Boombranche geraten soll. Die Tochterfirma des Konzerns Rheinmetall mit Hauptsitz in Düsseldorf. Lange wurden Autoteile an derselben Adresse gefertigt – ebenso unter dem Dach einer Rheinmetall-Tochter, nämlich der traditionsreichen Zuliefererfirma Pierburg. Zurzeit wird der Standort, an dem knapp 300 Werktätige ihre Schichten schieben, umgebaut. Eine tipBerlin-Anfrage, die Gebäude besichtigen zu dürfen, hat die Zentrale des Global Players abgelehnt.

Die Metamorphose im Wedding illustriert einen Trend. Immer mehr Rüstungshersteller lassen sich in der deutschen Kapitale nieder, vom Startup bis zur Waffenschmiede eines DAX-Unternehmens. Bislang türmten sich Hochburgen der Branche in Bundesländern wie Bayern, wo Platzhirsche wie Airbus Defence und KNDS, vormals bekannt als Krauss-Maffei Wegmann, seit jeher für Konjunktur sorgen.

Nun soll die Rüstungssparte dem industriearmen Berlin zum Aufschwung verhelfen. Ein Projekt des schwarz-roten Senats, der die Spree-Metropole zum homeland für ein „Defense-Tech-Ökosystem“ erklärt hat. In wohlklingendem Ton proklamierte Ende 2025 der CDU-Mann Kai Wegner, der damals noch nicht Regierender Bürgermeister mit Ablaufdatum war, Berlin solle „zu einem europäischen Leuchtturm werden im Bereich Sicherheitstechnologien und Resilienz“.

Die Umrüstung der Fabrik im Wedding, wo das Personal bald Komponenten für Geschütze auf dem Schlachtfeld herstellen soll, ist ein plakatives Sinnbild. Jenseits schweren Materials sollen auch Lösungen rund um KI und Robotik zum Verkaufsrenner werden. Bundeswehr-Einrichtungen in Berlin sollen als Brückenköpfe zwischen Heer, Luftwaffe, Marine und dem Wirtschaftszweig dienen.

Eine Militarisierung in einer Stadt, die in ihrer außergewöhnlichen Geschichte öfters Pandämonium für geopolitische Auseinandersetzungen und Gewaltexzesse gewesen ist – und sich zuletzt, im posthistorischen Abklingbecken der Berliner Republik, einen zivilen Anstrich gegeben hat.

Mekka der Rüstungsindustrie: Zuflucht für junge Pazifisten

Ein Credo, das auch von kollektiven Erfahrungen in Teilen der Stadtgesellschaft genährt worden ist – vor dem Epochenumbruch 1989/90. Der Westen der City war in der Nachkriegszeit bekanntermaßen Zuflucht für junge Pazifisten, Neinsager und Drop-Outs. Die Systemgegner waren angezogen von einem unwiderstehlichen Pull-Faktor: In der Mauerstadt mussten sie keinen Wehrdienst leisten.

Der Hippie-Spirit ist auch eine Lektion der Geschichte: Im 18. und 19. Jahrhundert war die Ortschaft bevölkert von tausenden Soldaten einer aggressiven preußischen Armee, die hier in Kasernen und Kadettenanstalten salutierten. Später war Berlin das Walhalla des verbrecherischen Hitler-Regimes im Dritten Reich, danach eben Frontstadt im Kalten Krieg.

Steht das Selbstverständnis des zeitgenössischen Berlins auf dem Spiel?

Hier ein paar Zahlen: Zurzeit sind rund 130 Unternehmen mit etwa 26.000 Beschäftigten in der Rüstungsbranche tätig. Jüngere Entrepreneure spezialisieren sich auf Drohnen, Satelliten, Cybersysteme. Passend in einer Stadtumgebung, wo Gründerzentren in Adlershof einen Hotspot für IT-Nerds bilden. Martialische tanks oder Bomberjets laufen in Berlin derweil nicht vom Band. In der Region wirtschaften zudem über 400 Dual-Use-Unternehmen, die sowohl zivile als auch militärische Produkte auf den Markt bringen.

Demnächst könnte das Segment fulminant wachsen. Ein Geldgeber ist Peter Thiel, der antidemokratische Mentor des „Dark Enlightments“, milliardenschwerer Silicon-Valley-Magnat und Trump-Supporter. Er hat ins Startup „Stark Defence“ investiert. Dessen Repräsentanz firmiert in einer renommierten Gegend in Mitte. Die mannshohen Kamikaze-Drohnen aus dieser Fricklerbude, seriell fabriziert in München, sollen geliefert werden an eine Bundeswehr-Brigade in Litauen.

Die Branche ist Nutznießer einer düsteren Weltlage. Da ist der russische Putinismus mit seinen Landraubzügen etwa in der Ukraine. Ein Nato-Bündnis, das rissig geworden ist. Die Unberechenbarkeiten in einem multipolaren Geflecht internationaler Beziehungen. Zeitgleich haben die Umsätze der globalen Rüstungsbranche ein Rekordhoch erreicht.

Akteure hierzulande wollen von der Goldgräberstimmung profitieren – ob Politiker mit ihren Standortvisionen oder CEOs. Beflügelnd wirkt auch die Hands-On-Mentalität der Bundesregierung. Die enormen Verteidigungsausgaben, die die Große Koalition um Kanzler Friedrich Merz locker macht, füllen die Auftragsbücher.

Die Konfrontation im Wedding zwischen Rüstungsgegnern und Berliner Polizisten, die das Areal von Rheinmetall schützen, ist das antagonistische Schauspiel während einer Protestwelle im vergangenen Juli. Tags darauf eine übliche Kundgebung: Knapp 2.000 Menschen ziehen über Straßen und Plätze in Gesundbrunnen. Hohe Besucherin ist die sinnsuchende Klimakämpferin Greta Thunberg. Im Humboldthain haben Gruppen ein Protestcamp errichtet. Eine Aktivistin beklagt im Schatten der Laubbäume den exorbitanten Militäretat des Bundes. Im Umfeld der Aktionstage (Name: „WoW – Wedding ohne Waffen“) setzen rund hundert Vermummte auf Militanz: Früh morgens wollen sie das Gelände der Rheinmetall-Fabrik stürmen. Polizisten verhindern das Delikt des Hausfriedensbruchs.

Die Anti-Stimmung drückt Unbehagen in einigen Bevölkerungsschichten aus. In Kampagnen rund um die Wahlen zum Abgeordnetenhaus haben Parteien diese Emotionen angezapft, etwa auf Plakaten. Beispielsweise die Linke („Bezahlbares Leben statt Panzer und Raketen“) und das BSW („Lehrkraft geht vor Wehrkraft“).

„An der Hauptstadt führt in der Rüstungsbranche kein Weg vorbei“

David Hampel, Marketing-Experte von Berlin Partner

Ein Besuch im Ludwig-Erhard-Haus in Charlottenburg: Im Stahl-und-Glas-Palast aus den 1990er-Jahren ist die Industrie- und Handelskammer zuhause, aber auch eine Unternehmung, die den Standort Berlin vermarktet. Und somit die Interessen des Landes vertritt. „Berlin Partner“ heißt die GmbH, die vom Senat sowie von Verbänden und Unternehmen getragen wird. Umtriebig ist sie in einem Trakt im dritten Stockwerk.

„An der Hauptstadt führt in der Rüstungsbranche kein Weg vorbei“, wirbt David Hampel, Marketing-Experte und ehemaliger Soldat. „Hier finden Unternehmen eine einzigartige Infrastruktur vor – beispielsweise eine florierende Tech-Branche, aber auch Einrichtungen der Bundeswehr sowie ein politisches Schwergewicht wie das Bundesverteidigungsministerium.“ Er soll generell Marktführer und hidden champions aus dem Industriesektor an die Spree ködern. Neuerdings eben auch Firmen, die militärische Organisationen mit Waffen und anderen Utensilien ausstatten

Bisher war es ein Tabu, Branchenrepräsentanten zu unterstützen. „Berlin Partner“ hat lange keine Unternehmen betreut, die Rüstungsgüter herstellen. Etwa bei der Suche nach Gewerbeflächen. Oder indem man Orientierung gibt im Dickicht der Fördermöglichkeiten, die die landeseigene Investitionsbank Berlin (IBB) anbietet. Während in Bayern, Baden-Württemberg oder NRW die Gewerbevertreter oft salonfähig sind, waren sie im Außenbild Berlins ein Störfaktor.

Mekka der Rüstungsindustrie: Lieferungen an die israelische Armee

Hampel, der Fachmann, erzählt von der Friedensdividende, von Verschwiegenheitserklärungen und Leitlinien. So regelt zum Beispiel ein Rahmenwerk, mit welchen Firmen die Fachpersonen von „Berlin Partner“ kooperieren. Unter anderem sollen die Unternehmen „internationale Normen“ einhalten, wie es im Haus heißt. Dabei gibt es auch eine Blacklist. „Bestimmte Rüstungs- oder Waffenaktivitäten“ würden ausgeschlossen. Um welche Produkttypen es sich genau handelt, wollte eine Sprecherin auf eine tipBerlin-Nachfrage hin nicht benennen.

Die Ausfuhrpraxis vieler big player ist auch jenseits von Bestimmungen moralisch flexibel. So soll Rheinmetall bis mindestens 2024 das Militär in Israel mit Motorenteilen für Panzer bestückt haben. Ein Land, gegen das nach dem Hamas-Terrorangriff und Krieg im Gaza-Streifen in Den Haag ein Verfahren wegen Kriegsverbrechen läuft. Rüstungsexporte im Wert von knapp 500 Millionen Euro hat die Bundesregierung insgesamt seit dem 7. Oktober 2023 in den Nahoststaat durchgewunken.

Eine Einrichtung, die lässigen Gründergeist verströmen soll, ist der so genannte Cyber Innovation Hub in einem schicken Neubau am Schöneberger Ufer. Als „Bundeswehr-Startup“ wird das Ideenlabor angepriesen, eben erst haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Immobilie bezogen: ein luftiges Treppenhaus, nebenan eine Meet-and-Greet-Area mit Bar, es lockt ein Kickertisch. Weiter oben verteilen sich geräumige Büros auf lichtdurchflutete Flächen.

In dieser Kulisse schieben Bundeswehr-Leute mit Innovatoren von Fachfirmen technologische Projekte an. Aus dem Erfinderhaus, 2017 gegründet, bis vor kurzem an einem weniger exklusiven Ort beheimatet, sind schon Blaupausen für Produkte hervorgegangen. Ein vielversprechendes Testobjekt ist zurzeit eine KI-Software namens „Minesweeper“, die eine Drohne steuert, die wiederum Soldaten einen Weg durch Minenfelder in Kriegsregionen weisen soll.

Startup-Feeling ist das Ideal, wenn Berlin zum Knotenpunkt einer einflussreichen Rüstungsindustrie werden soll.


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