Giga-Projekt: Die umstrittene Flüchtlingsunterkunft an der Hasenheide

In diesem Monsterbau sollen also die neuen Nachbarn unterkommen. Alte Mütterchen und Väterchen aus der Ukraine, die ihren Existenzkampf am Dnepr abgeschworen haben, weil russische Bomben die Strom-, Wasser- und Verkehrsinfrastruktur zerstört haben. Vietnamesische Frauen, die angeben, dass ihr Kind von einem deutschen Mann stammt – und sich nun einen Aufenthaltstitel erhoffen. Verfolgte Menschen aus der Türkei, unterjocht von Recep Tayyip Erdoğan. Ebenso aus Afghanistan, dem Taliban-Staat. Sowie aus Wladimir Putins Russland.
Sascha Langenbach, fliederfarbene Hose und Designerbrille, schlendert durch Gänge und Räumlichkeiten an der Hasenheide 23–31. Ein zehngeschossiger Verwaltungsbau aus den mittleren 90ern, knapp 36.000 Quadratmeter. In diesem Kastell beugten sich bis 2022 Angestellte der Deutschen Rentenversicherung über Akten, zuletzt war die Liegenschaft ungenutzt.
Jetzt entsteht hier, in Kreuzberg, die drittgrößte Flüchtlingsunterkunft Berlins. Nur die Ansiedlungen auf den Flughafenbrachen in Tegel und Tempelhof sind ausufernder.
Langenbach, Ende 50, ist Sprecher des Landesamts für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF), das dem von CDU und SPD geführten Senat untersteht. Der PR-Mann verkündet: „Wir nehmen jeden, der kommt.“ Gemeint sind die potenziellen Ankömmlinge in dieser Mega-Immobilie. Über aktuelle Fluchtbewegungen ist er im Bild. Die obigen Personenprofile stehen für Trends, wie sie in seiner Landesbehörde beobachtet werden.
Rund 750 Menschen sollen in der Erstaufnahme-Einrichtung eine kleine Zivilisation bilden. Offene Pforten: geplant zum Jahreswechsel 2026/2027. Die Wände sind frisch gestrichen, der Fußboden ist neu verlegt. Sanitärfirmen haben Bäder eingebaut. Ein Anblick wie auf einer Besichtigung mit einem Makler. Betten, Stühle, Tische kommen hinzu.

Die städtische Umgebung ist so wild wie an keiner anderen Massenunterkunft in Deutschland. Nebenan erstreckt sich die Werner-Düttmann-Siedlung, ein Armenquartier, wo rund 3.000 Menschen zur Miete wohnen, darunter etliche Transfergeldempfänger. Zudem ein Schauplatz der Gang-Kriminalität und eine Gegend, wo sich Sozialarbeiter für die locals einsetzen. Im Süden sprießt die Hasenheide, jener Park, der Verkaufsrampe für Drogendealer ist, zugleich aber auch grüne Oase. Das Nahversorgungszentrum: Karstadt, Lidl und Konsorten am rauen Hermannplatz.
Migrationspolitik lässt normalerweise die Emotionen hochkochen. Die in Teilen rechtsextreme AfD schürt Ängste, um ein völkisch-nationalistisches Weltbild zu kanalisieren. Die Merz-CDU lässt sich derweil von Weidel, Höcke und deren Lakaien treiben – und auch EU-Politiker überbieten sich in Härte. Hier ein paar Exempel für die Gesamtlage: Kontrollen etwa an der deutsch-polnischen Grenze. Ein Ende des Familiennachzugs bei Flüchtlingen, die unter subsidiärem Schutz stehen. Nicht zuletzt das Gemeinsame Europäische Asylsystem (GEAS), neulich in Brüssel unter Dach und Fach gebracht, das Aufnahmezentren jenseits EU-Territoriums ermöglicht. Wahlweise in nordafrikanischen Schurkenstaaten.
Flüchtlingsunterkunft: Gastfreundlichkeit der Merkel-Ära
Willkommenskultur ist nur noch Folklore fürs Geschichtsmuseum, so könnte man meinen. Jene Gastfreundlichkeit der Merkel-Ära, als 2015 und 2016 zum Beispiel knapp eine halbe Million Syrer und Syrerinnen hier Asyl begehrten. Infolge des Massensterbens rund um Damaskus, Aleppo und Homs.
Könnte es sein, dass es in Kreuzberg, dem Herzland des linksalternativen Bewusstseins, entspannter zugeht – ungeachtet der örtlichen Herausforderungen?

Die Akteure aus Politik und Verwaltung, Streetwork und Zivilgesellschaft streiten vor allem um Gestaltungsfragen. Und darüber, ob nicht kleine, dezentrale Unterkünfte, auf den Bezirk verteilt, besser gewesen wären. Es wird auch um Macht und Einfluss gerungen. Vor allem zwischen einem pragmatischen GroKo-Senat und einem Bezirk, regiert von der grünen Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann, der humanistische Ideale verteidigen will. Ein Kräfteverhältnis mit Unwucht: Die Senatsverwaltung, in deren Obhut sich die Behausung befindet, führt Regie. Dabei setzen die Staatsdiener auf Lösungen aus einem Guss. Der Bezirk agiert wie eine NGO, die Missständen auf der Spur ist.
Am zivilisatorischen Fundament wird jedoch nicht gerüttelt: dass Menschen in Not ein Anrecht auf eine ordentliche Bleibe haben. Auch hier im Bezirk. Hass und Hetze von rechten Vorfeldorganisationen sind nicht vorgedrungen. Nur das Portal „Nius“ hyperventiliert. „Berlin plant Asylkoloss für 1.500 Migranten“, lärmt es in einer Schlagzeile. Eine schlechte Recherche. Nur rund halb so viele Flüchtlinge sollen bekanntlich einquartiert werden.
Zehn Geschosse, 36.000 Quadratmeter, zuletzt ungenutzt
Den Bau an der Hasenheide mietet der Senat von der Immobiliengruppe KapHag, die Eigentümerin ist – über zehn Jahre hinweg, für 165 Millionen Euro. Höchstens anderthalb Jahre sollen Flüchtlinge in einer solchen Erstaufnahme-Einrichtung verweilen.
Sascha Langenbach, der Mann vom Landesamt, soll Anti-Stimmung vorbeugen. Der ehemalige Boulevardjournalist (u. a. „Berliner Kurier“ und „Hamburger Morgenpost“) ist abgehärtet: Auf dem Höhepunkt des Zuzugs von Flüchtlingen in den mittleren 2010er-Jahren machte er die Öffentlichkeitsarbeit für das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso), das damals für die Unterbringung zuständig war. Kundig berichtet er von den Eigenschaften der Unterkunft. Von Mutter-Kind-Bereichen, barrierearmen Strukturen und Quadratmeterzahlen. Die Kantine im Erdgeschoss besteht aus hohen Decken.

Viele linke Kreuzberger lehnen das Modell einer Großunterkunft ab. Zu abgeschottet, zu unpersönlich. Umgeschaut im Gebäude haben sich die allermeisten in jüngster Zeit noch nicht. Am 25. September steht ein Tag der Offenen Tür auf dem Programm, im Vorjahr gab es eine Bürgerversammlung in einer Schulaula.
Ein Abstecher ins Büro von Clara Herrmann, der Bezirksbürgermeisterin von Kreuzberg-Friedrichshain. Ihr Amtszimmer an der Frankfurter Allee versprüht Behördenromantik: Irgendwo hängt ein Bild vom Fernsehturm, nahe des Kaffeetischs rankt eine Zimmerpflanze empor.
Flüchtlingsunterkunft: Bezirk vs. Senat
Die 41-jährige Grünen-Politikerin, Sommerhose und Sneakers, muss sich mit dem Großvorhaben arrangieren. Ihr Verdruss ist spürbar. Geflüchtete Kinder und Jugendliche sollen in der Unterkunft lernen – und nicht, wie in der Flüchtlingshilfe und anderen Soli-Gruppen erwünscht, in Willkommensklassen an Schulen im Umkreis. Eine Catering-Firma soll das Essen liefern. Wohingegen Refugee-Welcome-Aktivisten dafür sind, dass die Bewohnerschaft selbst an den Herdplatten steht.
Vor allem aber hadert sie mit der zentralen Unterbringung. Großstandorte wie das ehemalige Gebäude der Deutschen Rentenversicherung hielten sie hier im Rathaus für falsch. Sie äußert sich im diplomatischen Ton einer Berufspolitikerin, die schon mit Anfang 20 im Abgeordnetenhaus debütiert hat. Anscheinend hat es im Bezirk auch einige andere mögliche Adressen gegeben, etwa ein landeseigenes Gebäude an der Alten Jakobstraße.
Am Ende ist die Bezirksverwaltung in einem Top-Down-Prozess vor Tatsachen gestellt worden. Ein weiteres Hemmnis: Die Flüchtlingspolitik vor Ort steht unter der Fuchtel einer rigiden Haushaltsplanung im Roten Rathaus. Eine Pauschale, die dem Bezirk aus Senatstöpfen regelmäßig zufließt, um Menschen aus Krisenregionen zu integrieren, ist massiv gekürzt worden.
Der Bezirk ist vor vollendete Tatsachen gestellt worden
Dennoch wollen die Bezirksleute im Umfeld einige Ankerpunkte setzen. Von psychosozialer Beratung über Sportangebote bis hin zum Beisammensein in Begegnungsstätten. „Wir arbeiten aktiv mit allen Akteuren daran, die Bedingungen für Bewohner*innen und die Nachbar*innen gut zu gestalten“, sagt die Chefin des Bezirks tapfer. Bei den Berlin-Wahlen im Spätsommer wird sie nicht mehr kandidieren. Die Personalie steht jedoch in keinem Zusammenhang mit der Debatte um die Unterkunft. Sie wolle sich neuen Herausforderungen zuwenden, ließ sie verlauten.

Ein Ortswechsel: mehrere Riegel aus grauen Mietblöcken. In dieser Gegend, an der Urbanstraße 48e, ist der Dütti-Treff beheimatet. Ein Kiezwohnzimmer, in dem Menschen ein- und ausgehen, deren Eltern weder Doris noch Karl-Heinz gerufen werden.
Emine Yilmaz leitet die soziale Einrichtung. Eine Revoluzzerin wie aus dem Bilderbuch: Rasta-Zöpfe, Tattoos, das Herz einer Löwin. Mit anderen Sozialarbeitern verrichtet sie Basisarbeit in der erwähnten Werner-Düttmann-Siedlung, deren Gemäuer sich im Schatten der geplanten Unterkunft aneinanderreihen. Benannt ist das Quartier nach jenem Star-Architekten, der den Komplex in den frühen 1980ern errichten ließ. Heute ein sozialer Brennpunkt, wie es im Jargon der Abendnachrichten heißen würde.
Der „Dütti-Treff“ ist ein Barometer für das Klima in der unmittelbaren Nachbarschaft. Hier müssen viele Familien, deren Geld knapp ist, mit engsten Verhältnissen haushalten. Weil Perspektiven fehlen, rutschen Kids in den Sumpf des Verbrechens ab. In der Umgebung haben jüngst Schießereien auf offener Straße die Community aufgescheucht. Revierkämpfe zwischen Organisationen aus der Unterwelt. Missgunst will man in dieser SOS-Area eindämmen. Dabei waren anfangs einige Mieterinnen und Mieter skeptisch gegenüber der geplanten Unterkunft. Emine Yilmaz erinnert sich: „Sie hatten Angst, dass ihnen etwas weggenommen wird.“ Die Geldströme, die in die Exekutierung deutschen Asyl- und Aufenthaltsrechts fließen: So etwas kann in randständigen Milieus für Unmut sorgen. Interkultureller Rassismus spielt eine Rolle. Das typische Muster: Leute mit nicht-deutschen Wurzeln, schon länger in Deutschland sesshaft, beargwöhnen Neulinge. Immer wieder habe man Überzeugungsarbeit geleistet, sagt Yilmaz. Sascha Langenbach, das Kommunikationstalent aus dem Landesamt, sekundierte. Es gebe nur noch einen kleinen Kreis von Gegnern der Erstaufnahme-Einrichtung.
Der Dütti-Treff setzt auf ein Tandemprojekt: Weltenwanderer aus der Siedlung, die einst selbst geflohen sind, etwa aus dem Nahen Osten, sollen den Novizinnen und Novizen von gegenüber die Ankunft erleichtern. Mit Smalltalk, Verhaltenstipps und gemeinsamen Aktivitäten. Außerdem ist ein Extra vorgesehen: eine spezielle Kiezküche, 120 Quadratmeter. Eine Topf-und-Löffel-Kommune im XXL-Gebäude an der Hasenheide. Damit sich die Anrainer besser kennenlernen. Zuständig ist der Bezirk.
Der Human-Touch-Spirit soll auch die Jugend besänftigen. Eine Befürchtung: dass Gangster aus der Hood versuchen, unter jungen Flüchtlingen neues Personal für den Vertrieb illegaler Rauschmittel zu rekrutieren.
Ein weiterer Lichtblick: Ein Willkommensbündnis fordert mehr Spielräume für Rat und Tat seitens Ehrenamtlern. Vielleicht lässt die Senatsverwaltung ja mit sich reden. An Hilfsbereitschaft wird es nicht fehlen. Die neue Massenunterkunft mag in eine harte Gegend hineingeplant worden sein. Aber auch die Altbauten des wohlsituierten Graefekiezes sind nicht ganz so weit. Dort trifft man aufs grünes Bürgertum, mit Jutebeutel, Hollandrad und LPG-Mitgliedsausweis.