Blockade-Biester gegen Baustellen

von Maj Weidlich und Maximilian Hossner
Die Zwergfledermaus nutzt das SEZ als Kindertagesstätte

Die Bagger rollten bereits über die plattgewalzte Erde, und es hätte nicht mehr lange gebraucht, da wären die bunten Fassaden aus der Postmoderne in sich zusammengefallen: Der für den März 2026 geplante Abriss des Sport- und Erholungszentrums an der Danziger Straße in Friedrichshain galt als beschlossene Sache. Vorläufig verhindert hat ihn aber nicht die auf den architektonischen Wert des Baus pochenden Initiative „SEZ für alle“, sondern die Zwergfledermaus. Das Gelände lag so lange brach, dass sich das Tier dort niedergelassen hat. Im Partystadtteil Friedrichshain fühlt sich der nachtaktive Säuger anscheinend wohl. Und dieses Wohlbefinden könnte noch größere Kreise ziehen.
2018 beschloss der Senat um SPD, Grüne und Linke einen Bebauungsplan für die Fläche des seit rund zwei Jahrzehnten leerstehenden Areals. In diesem Jahr hätte dort der Bau von 650 Wohnungen, Gewerbe sowie einer Schule beginnen sollen.
Dann klagten die Initiativen „Gemeingut in BürgerInnenhand e.V.“ und „NaturFreunde Berlin e.V.“, weil der Abriss geschützte Arten, wie etwa die Zwergfledermaus, aber auch den Haussperling, bedrohen würde. Im Frühsommer gebären die nachtaktiven Säuger ihren Nachwuchs und ziehen ihn in ihren Wochenstuben – so heißen die Nester für die Jungen – groß. Gemäß Bundesnaturschutzgesetz sind diese Nester, im Vergleich zu Singvögeln, nicht nur zur Aufzuchtzeit, sondern ganzjährig geschützt. Das Bezirksamt stoppte daher den Abriss.
Doch die Zwergfledermaus könnte noch viel mehr (Bau-)Staub aufwirbeln: Die Pläne des frisch gegründeten Bündnisses „SEZ-Quartier neu Denken“ sehen vor, dass das SEZ erhalten bleibt, und dennoch vier Hochhäuser errichtet werden. Pläne, die nun real werden könnten. Denn ein Baustopp bis Herbst scheint dem Bezirksamt wahrscheinlich. Dann aber wählt Berlin, das könnte eine andere Koalition ergeben. Bis dahin könnte der Bezirk eine unabhängige Studie auf den Weg bringen – und damit eine komplett neue Entscheidungsgrundlage für den Wahlgewinner schaffen. Die Kita der Zwergfledermaus würde dann erstmal schließen.
„Nesty“ Tricks vom Mäusebussard

Der Mäusebussard hat es in Mariendorf auf verblüffende Weise geschafft, ein 100 Millionen Euro teures Wohnungsbauprojekt zu stoppen – und das, ohne dafür anwesend zu sein. Weil sich die Naturschutzbehörde um den Baulärm sorgte, beauftragten die Investoren einen Gutachter. Der fand nur ein leeres Nest und stellte den Befund, dass seit zwei Jahren kein Vogel mehr dort brütet. Nach Bundesnaturschutzgesetz verliert ein Nest so seinen Schutzstatus – nun will der Umweltsenat die Frist aber auf vier Jahre verlängern. Von dem Greifvogel fehlt weiter jede Spur. Vielleicht sucht er das nächste Bauprojekt zum Sabotieren.
Der Haussperling lässt sich nicht vereinnahmen

Manches Geschöpf verärgert auch Naturschützer:innen. Den Jahnsportpark in Prenzlauer Berg wollte der Bausenat schon länger abreißen. Erst ließ das Verwaltungsgericht den Abriss stoppen, weil sich in den Gebäuden knapp 100 Brutstätten des Haussperlings befanden, und die aufgestellten Häuser erfahrungsgemäß schlecht angenommen würden. Doch der Spatz ließ sich nicht vereinnahmen: Anfang Januar gab die Justizverwaltung bekannt, dass weiter abgerissen dürfe, auch, weil die Vögel doch die Ersatzniststätten nutzen würden. „Drecksspatz“, mögen auch Naturfreunde gedacht haben.
Die Zauneidechse ist ein Tech-Bro-Schreck

Dass Tesla-Chef Elon Musk nichts vom Tierwohl hält, ist spätestens klar, seit er bei Schweinen Neuralink-Gehirnchips implantierte und hunderte Tiere dabei starben. 2020 wurde ihm die Empathielosigkeit zum Verhängnis. So untersagte das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg dem Konzern, auf einer Fläche nahe der A10 bei Grünheide Bäume zu fällen, die für Leitungen nötig gewesen wäre. Der Grund: Auf dem Areal lebte die Zauneidechse. Zwar sammelte Tesla die Reptilien ein, die Erwachsenen hatten sich da aber schon in die Erde zum Winterquartier eingegraben. Der Nabu erstritt zumindest einen kurzzeitigen Abrisstopp. Am Ende rodete Tesla doch. Musks Chatbot „Grok“, berüchtigt für Verschwörungstheorien, hat vielleicht auch eine Reptilientheorie parat.
Die Bahn hat die Großtrappe zum Musical-Star gemacht

Die Großtrappe ist ein armer Vogel: Marder und Waschbären haben sie zum Fressen gern, der Maisanbau bedroht ihre Brutflächen. Das havelländische Luch ist eines der letzten Refugien. Der Bau der geplante ICE-Schnellstrecke zwischen Hannover und Berlin im Jahr 1996 hätte die Population vernichten können. Kaum mehr als 50 Tiere zählten Naturschützer Mitte der 1990er-Jahre. Am Ende entschieden sich die Planer, auf sechs Kilometern sieben Meter hohe Dämme entlang der Trasse aufzuschütten – weil die Großtrappe, eine getigerte Diva, zu faul zum fliegen ist, konnte man sie vor den gefährlichen Oberleitungen schützen. Das Dorftheater im benachbarten Nennhausen setzte ihr mit einem Musical ein Denkmal.
Die Kahlrückige Waldameise blockiert in Kältestarre

In Neulichterfelde soll eines der größten Wohnprojekte der Stadt entstehen: 2.500 Wohnungen für 6.000 Menschen – und das bis 2033. Doch jetzt schaltet sich die Kahlrückige Waldameise ein und macht es den Investoren schwer. Sie lebt nämlich auf dem Areal, das bebaut werden soll. Das Bezirksamt lehnte einen Antrag zur Umsiedlung ab, da der geeignete Zeitraum dafür März bis Mai ist. Im Spätherbst und Winter befinden sich die Tiere in einer Kältestarre und ein Eingreifen zu diesem Zeitpunkt wäre lebensgefährlich. Also: Baustopp! Wie es weitergeht, wird sich zeigen, wenn die kleinen Krabbler wieder auftauen.
Wechsel- und Kreuzkröte sind solidarisch

Vielleicht gibt es ein Kröten-Gen, das eine Rebellion gegen Bauvorhaben bewirkt – denn sowohl die Kreuz- als auch die Wechselkröte haben hier schon Projekte gestoppt. Ausgerechnet auf einer Fläche in Marzahn, wo eine Fabrik für Natrium-Batterien entstehen sollte – ein Prestige-Projekt, das erste in Europa – hielt sich die Wechselkröte auf, das Vorhaben scheiterte. Auch die Kreuzkröte hatte den Naturschutz auf ihrer Seite. Die Senatsverwaltung für Klimaschutz hatte einen Bescheid zur Umsiedelung der Tiere unterzeichnet, um einen Regenwasserkanal vom Pankower Tor an die Granitzstraße zu verlegen. Doch der Nabu klagte und bekam Recht. Die Kröte darf dort weiterhin leben.