Bosnier in Berlin: So leben sie rund 30 Jahre nach Srebenica

Sie wollen in einem Gartenidyll ihre Wunden heilen lassen, jene Frauen, die Männer und Söhne, Onkels und Cousins in einem Krieg inmitten Europas verloren haben. Damals, als Mörderbanden, angestachelt von Nationalisten wie Slobodan Milošević, dem Machthaber im zerfallenden Jugoslawien, und General Ratko Mladić, unzählige Bosniaken jagten und massakrierten. Wegen ihrer Abstammung, wegen ihres Glaubens. In den frühen und mittleren 1990er-Jahren war das.
„Rosenduft“ nennt sich dieser Ort, der schon seit den 2000er-Jahren vulnerablen Einwandererinnen aus Bosnien-Herzegowina eine Zuflucht bietet. Ein kleines Tor führt in das Arkadien im Kreuzberger Möckernkiez, das Teil des Gleisdreieckparks ist.
Begzada Alatović, 63, braunes Haar, Brille, eine Sozialarbeiterin, leitet dieses Projekt, das der Verein „Südost Europa e.V.“ betreibt. Auch sie hat ihren Mann im Bosnienkrieg verloren. 1993 floh sie verwitwet nach Deutschland, mit ihrem vierjährigen Sohn, da war sie Ende 20. Die Leiche ihres Manns ist ein paar Jahre später in einem Massengrab in ihrer bosnischen Heimatstadt Modriča ausgehoben worden. Der Albtraum eines Verbrechens im Norden der ehemaligen Teilrepublik.
Die Mitglieder der Selbsthilfegruppe würden im Garten ihre Traumata verarbeiten, erzählt Begzada Alatović am Gartentisch.
Bosnier nach dem Genozid: Traumatherapie in einem Kreuzberger Garten
Zier- und Nutzpflanzen sprießen in allen Arten. Viele Damen sind ein bisschen älter; manche tragen Kopftücher. Jene, die grüne Daumen haben, pflegen Beete. Mittwochs versammeln sie sich an der Tafel einer Veranda. Dort plaudern sie oder geben sich Orientierung im deutschen Behördendickicht. Eine Psychologin behandelt Besucherinnen, die eine professionelle Hilfe benötigen. Sie sollen lernen, wieder Vertrauen zu anderen Menschen aufzubauen.
Vor rund 30 Jahren, vor allem zwischen dem 11. und 19. Juli 1995, haben beim Völkermord in Srebenica bosnisch-serbische Armeetrupps unter der Führung Mladićs mehr als 8.000 Männer hingerichtet. Die Militärs verübten auch andernorts Untaten an den bosnischen Muslimen, darunter Sexualverbrechen.
Vor allem Männer und Jungen waren die unmittelbaren Opfer der Barbarei, als Bewohner in den Ortschaften, als Soldaten. Serbische Milizen betrieben Camps, die Konzentrationslagern ähnelten. Sarajevo, die melancholische Kapitale der früheren jugoslawischen Teilrepublik, war vier Jahre lang, bis Februar 1996, von den Trupps des so genannten Serbenführers Radovan Karadžić und anderen Verbänden eingekesselt. Bomber zerstörten Repräsentanzbauten und Miethäuser. Der Belagerung fielen mehr als 11.000 Menschen zum Opfer.
Blutspuren, verursacht von Aggressoren, die ein Groß-Serbien erzwingen wollten. In einer Vielvölkergegend, in der auch eine serbische Ethnie siedelt. Missetaten verübten zudem ethnische Kroaten, beheimatet auf der Landesfläche des heutigen Bosnien-Herzegowina, das so groß ist wie das deutsche Bundesland Niedersachsen.
Dieser Bosnienkrieg war eines von mehreren Blutvergießen im einstigen Hoheitsgebiet des jugoslawischen Langzeitherrschers Tito. Fast überall entflammten schwere Konflikte, später auch im Kosovo.
Hunderttausende Bosniakinnen und Bosniaken traten den Exodus nach Mitteleuropa an. Die Flucht führte rund 35.000 Asylsuchende nach Berlin, darunter viele Mütter mit ihren Kindern. Die Gewaltexzesse formten sich in der Öffentlichkeit erst Jahre später zum historisch gravierenden Schreckensbild.
Bosnier in Berlin: Psychopharmaka und BWL
Begzada Alatović verkündet in einem Deutsch mit herrlichem Akzent: „Mit der Zeit lernt man, damit zu leben, dass Deutschland das Zuhause ist.“ Wenn die Bilder vom Gaza-Krieg auf ihr Bewusstsein einprasseln, fühlt sie sich retraumatisiert. Dann schluckt sie Psychopharmaka. Ihr Sohn, ein Unternehmer, hat BWL studiert. Nach ihrer Ankunft in einem Heim für alleinerziehende Mütter in Grunewald musste die Kleinstfamilie im Wartestand leben. Deutschland, diese knauserige Nation, speiste sie mit befristeten Aufenthaltserlaubnissen ab.

Wer sich in der Community umschaut, erlebt eine Bevölkerungsgruppe zwischen Pein und Hoffnung – und eine jüngere Generation, die dem melting pot längst ihren Stempel aufgedrückt hat.
Zum Beispiel Asmir Hadžibeganović, 49, teils ergraut, Schirmmütze und Puma-Sneakers. Er stammt aus der Stadt Bijeljina. Ein Teenager war Hadžibeganović, als er 1994 mit seinen Eltern in einem Schöneberger Containerdorf strandete. Später begann er in Berlin eine Lehre als Bauzeichner, die er jedoch abbrach. Dann ließ er sich zum Maler/Lackierer und zum IT-Systemelektroniker ausbilden.
Ihn rettete die Partyszene in der Arm-aber-sexy-Metropole der Nuller- und Zehnerjahre: Im Sage Club, im Kaffee Burger, im Friedrichshainer Badehaus feierte er sich als DJ die Seele aus Leib. „Balkantronic“ hieß sein Projekt. Ein Bastard der Tanzmusik, der jenen Pauken- und Trompeten-Schmiss, der während seiner Kindheit bei geselligen Runden im Hinterland des Flusses Drina ertönte, mit den elektronischen Klängen an seinem neuen Lebensmittelpunkt kreuzte. Auch eine gleichnamige Band existierte.
„Das hat mir geholfen, Schmerz und Verlust zu verarbeiten“, sagt Hadžibeganović. Die Party- und Kreativszene, sie war auch sein Ticket in die lokale Gesellschaft.
Im konventionellen, bürgerlichen Deutschland stieß Asmir Hadžibeganović auf Hindernisse. Firmenbosse weigerten sich, ihn zu Bewerbungsgesprächen einzuladen, wegen seines Vor- und Nachnamens. Diesem Mischmasch, der Spurenelemente aus dem Nahen und Mittleren Osten in sich trägt, aber auch den slawischen Zungenschlag.
Bosnien, diese Grenzregion zwischen mythologischem Abend- und Morgenland, ist so multiethnisch und multireligiös wie nur wenige andere europäische Landstriche. Katholiken, orthodoxe Christen, Juden und eben Muslime teilen sich Siedlungen und Grundstücke. Vor allem die Osmanen beeinflussten Land und Leute, nachdem sie im späten Mittelalter die Gebirgsketten und -klüfte erobert hatten. Viele ethnische Bosnier bekannten sich zum Islam. Bis heute nennen Korrespondenten den Flickenteppich notorisch „Pulverfass“.
Ein Freund hat sich erschossen
Asmir Hadžibeganović führt heute ein Ladenlokal in Moabit, wo er selbst gebrannten Gin und Whisky verkauft. Auf diese Weise schöpft er Kindheitserinnerungen ab: Mit seinem Opa hat er früher Schnäpse destilliert. Später hörte er Bombensirenen, kauerte in Schutzräumen, sah Leichen. Vor seinen Augen erschoss sich ein Freund. In einer Bar, wo er als frühreifer Junge am Tresen den Alkohol ausschenkte.
In diesem Jahr ist Asmir Hadžibeganović, Vater einer Tochter, zurück ins Land seiner jugendlichen Träume gereist, mit dem Filmemacher Christopher Larson, einem US-Expat, den er in Berlin kennengelernt hat. Gegossen wurde die Selbstsuche in eine halbstündige Doku namens „Distilled“, die im Haus der Statistik und im Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Kreuzberg gezeigt worden ist.

ist der junge Asmir (im Bild r.) sogleich von den Insignien
der damaligen Popkultur umgeben: Foto: Jana Vollmer
Er habe Bijeljina, seine Heimatstadt, nicht erkannt, berichtet Asmir Hadžibeganović von dem Trip, so viele Neubauten. Die Großsiedlung, rund 100.000 Menschen, ist heute Teil der Republik Srpska, einer Autonomieregion in Bosnien-Herzegowina, wo bosnische Serben, viele einstmals Feinde auf den Schlachtfeldern der 1990er-Jahre, die Mehrheit stellen und Nationalisten die Zivilisationsbrüche von damals leugnen.
Drei Jahrzehnte nach dem Höhepunkt des Bosnienkriegs untersucht Berlins Community in Film, Publizistik und akademischen Zusammenhängen ihren Gefühlshaushalt. Da ist etwa Aldina Čemernica: Sie lebt im Wedding und kümmert sich dort als SPD-Lokalpolitikerin um Kiezangelegenheiten. 1995 ist sie aus Sarajevo in die Stadt von Technoclub, Bulette und Börek ausgewandert. Sie kanalisiert ihre biografische Zerrissenheit in wissenschaftliche Tiefenbohrungen. Die Slawistin hat kürzlich eine Dissertation vorgelegt, sie lautet „Bosnien als Herkunftsland – Berlin als Heimat: Identitätskonstruktionen junger Menschen bosnischer/bosniakischer Herkunft in Berlin“.
Die Empirikerin unterstreicht darin die Qualitäten der Stadt als global village. „Vielen fällt es leicht, sich mit Berlin zu identifizieren, mit der Vielfalt und dem Flair der Stadt“, hat sie festgestellt. „Sie vergleichen die Atmosphäre in Berliner Stadtteilen wie Kreuzberg oder Neukölln, die von Pluralismus geprägt sind, mit dem Lebensstil in Bosnien.“
Ein Denkraum ist das Institut für Slawistik und Hungarologie an der Humboldt-Universität in Mitte – genau genommen die Abteilung für südslawische Sprachen und Kulturen. Ein kleiner Zirkel aus Dozenten, einer Studentin und wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen hat dort ein identitätsstiftendes Buchprojekt angestoßen. Darunter übrigens auch Aldina Čemernica, die Weltenwandererin aus dem Wedding.
Bosnier und ihr Schmerz: Erinnerungskultur in der Diaspora
Der Arbeitstitel lautet „Bosnien in Berlin“, es soll in der Peter Lang Verlagsgruppe erscheinen. Ein Mash-Up aus persönlicher Essayistik, Gedichtzeilen, semifiktionaler Erzählung, Fotografie und Sachbuchtext schwebt dem Team vor. Das Wort ergreifen auch Skribenten aus anderen Balkanstaaten. „Es geht darum, wie man Krieg, Flucht, Vertreibung erlebt hat. Das ist die gemeinsame Erfahrung – fast alle Autorinnen und Autoren waren in den 1990er-Jahren Kinder und Jugendliche, als sie ihre Heimat verlassen mussten“, sagt Emina Haye, eine Initiatorin, die mit 14 Jahren die Odyssee vom bosnischen Kriegsschauplatz nach Berlin angetreten hat. Es handelt sich um eine Premiere: eine Art Erinnerungskultur in der Diaspora zu pflegen. Ein Diskurs, der, so versteht man Emina Haye, im heutigen Bosnien-Herzegowina nicht geführt wird. Ein Vorreiter hierzulande ist Sasa Stanišić, ein Star-Schriftsteller auch wegen seiner üppig-poetischen Bildsprache – geboren 1978 in Visegrád, einem Nest unweit der bosnisch-serbischen Demarkationslinie, heute Kiezbewohner in Hamburg-Altona. Sein Erfolgsroman „Herkunft“, der knapp 300.000 Mal über die Ladentheke ging, herausgekommen 2019, ist Goldstandard einer exil-bosnischen Vergangenheitsbewältigung.

Die Erkundungen stehen für einen solidarischen Akt, zumal die Geschichtsklitterer auch im Land der Teutonen längst Gewehr bei Fuß stehen. Man muss nur die diesjährige Gedenkstunde im Bundestag anlässlich des 30. Jahrestags des Völkermords von Srebenica rekapitulieren. AfD-Politiker relativierten das historische Verbrechen, der bayerische Mandatsträger Martin Sichert giftete dabei: „Srebrenica mahnt uns, Multikulti zu beenden, bevor es zu spät ist.“ Rechtsextreme Agitatoren, ob hier oder in Südosteuropa, entzünden einen Streit um die Deutungshoheit, um völkische Geopolitik reinzuwaschen.
Ein hochwirksames Gegengift ist es, die Wirklichkeit darzustellen.