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Stadtleben

90-Grad-Mitinitiatorin Britt Kanja über Bob Young

Am 18. Juni ist der Berliner Partyveranstalter und Clubgründer Bob Young im Alter von 64 Jahren verstorben. Seine langjährige Weggefährtin blickt hier auf ihre gemeinsame Zeit zurück – auf die Anfänge, die Freundschaft und einen Menschen, der ihr Leben und das Berliner Nachtleben gleichermaßen geprägt hat
Text: Britt Kanja
Veröffentlicht am: 20.07.2026
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Britt Kanja (v., M.) erinnert sich an ihren verstorbenen Weggefährten Bob Young (auf dem Foto hinter ihr) © privat

Ich erinnere mich noch genau, wie mich die Nachricht erreicht hat, dass Bob gestorben ist – gleich am nächsten Tag, über Bekannte. Es war surreal. Die Sonne schien, und gleichzeitig war alles wie abgeschnitten. Ich konnte es nicht glauben, als würde ich durch Watte gehen. Man sitzt da und ist völlig orientierungslos, weil man es einfach nicht fassen kann. Man denkt immer, bestimmte Menschen sind einfach da – immer. Am ersten Tag war da nur dieser Schock. Ich glaube sogar, ich war über eine Woche wie erstarrt. Ich konnte nichts sagen. Ich lebe eigentlich im Hier und Jetzt, nicht in der Vergangenheit. Aber plötzlich wurde ich genau dorthin gezogen. Alles wurde nochmals durchlebt.

Ich war wieder im Jahr 1983, als wir uns das erste Mal begegnet sind – hier in Charlottenburg, auf der Straße. Bob wohnte nicht weit weg, vielleicht zehn Minuten entfernt. Ich war mit Freunden unterwegs, unsere Wege kreuzten sich, und er sagte sofort: „I want you to be my friend.“ Ich dachte nur: Ja, das könnte passen. Und so war es auch. Ab diesem Moment waren wir unzertrennlich.  

Ich war damals fast mehr in der Wohnung seines Freundes Jürgen als in meiner eigenen. Wir sind häufig tanzen gegangen – manchmal noch in den Dschungel, in die Turbine Rosenheim und sonst noch überall hin. Aber es war auch eine Zeit, in der dieser kalte Habitus herrschte, dieses Von-oben-herab. Ich kam gerade aus Kalifornien zurück, wo man sich einfach freundlich begegnet. In Berlin war das plötzlich ganz anders. Das war ein regelrechter Kulturschock in meiner eigenen Heimatstadt.  

Als ich Berlin früher verlassen hatte, ich war als Tänzerin in ganz Europa unterwegs, war West-Berlin eine Modestadt und Gay-Zentrum der Welt. Auf den Ku’damm ging man nur chic angezogen. Und dann kam ich zurück, und alles war dunkel, schwarz, abweisend. Kein Miteinander, eher ein Gegeneinander. Für warmherzige Menschen war das schwer auszuhalten.  

Wir wollten Heiterkeit verbreiten und das Schöngeistige zelebrieren. Der Genius von Bob hat auch meinen Genius befruchtet

Britt Kanja über Bob Young

Wir wollten das ändern. Wir wollten Freude verbreiten und Menschen zusammenbringen. Wir liebten es zu tanzen, und wir zogen automatisch andere „Paradiesvögel“ an – Künstler aus aller Welt, die nach Berlin kamen. Sie suchten ihre Family. Es entstand ein Kreis von Gleichgesinnten. Und irgendwann war klar: Wir machen unsere eigenen Partys.

Wir wollten Heiterkeit verbreiten und das Schöngeistige zelebrieren. Der Genius von Bob hat auch meinen Genius befruchtet.

Die erste Location für 14 Tage war ein kleiner, heruntergekommener Laden in der Lewishamstraße, den wir „Eiger-Westwand“ nannten. Wir klebten wild Tapetenreste an die Wände, alles improvisiert, aber kreativ. Danach kamen weitere Orte – ein Boot, alte Gebäude, Ruinen. Jede Location hatte ihre Eigenheiten, manchmal auch ihre Absurditäten, wie Klaustrophobie auf dem Boot oder Höhenangst in luftigen Etagen am Anhalter Bahnhof: „The Only Way is up, Baby“.  

Aber der Kern war immer derselbe: schöpferische Menschen zusammenbringen. Wir sammelten Kontakte, verschickten Einladungen per Post, verteilten Flyer – alles noch ohne Internet. Es war echte Handarbeit. Und es funktionierte.  

Mit jeder Party wuchs die Szene. Künstler wollten mitmachen, gestalteten Räume, entwickelten Ideen. Es war eine unglaubliche Aufbruchsstimmung. Wir hatten noch kein festes Team – die Leute kamen von selbst, voller Energie. Bob hatte dabei ein besonderes Talent: Er wusste genau, wer im Team wohin gehört. Er konnte das Kreative fördern und ein echtes Gefühl von Gemeinschaft schaffen.  

Britt Kanja über das 90 Grad: Die Energie war berauschend

Das zeigte sich auch im Alltag. Er lud das Team zu sich nach Hause ein, kochte, und es wurden Pläne geschmiedet. Dieses Gefühl von Zusammenhalt war entscheidend für unseren Erfolg. Dann kam das „90 Grad“ Ende der 80er. Eine verwahrloste Autozubehör-Werkstatt, die wir in etwas völlig Neues verwandelten. Künstler bauten Welten – Höhlen, Chinatown, Atlantis, Pharaonische Tempel, Fantasielandschaften. Die Energie war berauschend.  

Als die Mauer fiel, war das zunächst fast surreal. Plötzlich standen Menschen aus Ost-Berlin auf der Tanzfläche, mit großen Augen, voller Staunen. Nach ein paar Wochen verschwammen die Unterschiede. Alle wollten feiern, alle wollten Freiheit – hier wuchs Ost und West schnell zusammen. Unsere Partys waren immer gemischt – nicht nur eine Szene, sondern sämtliche Schöngeister zusammen. Genau das war unser Ansatz: keine Grenzen, keine Berührungsängste.  

Aufgezeichnet von Stefan Sauerbrey


Nachtrag

Bob Young war für Britt Kanja nicht nur ein wichtiger Weggefährte, sondern auch der Mensch, mit dem sie ihre kreative Energie, ihren Teamgeist und viele der prägendsten Erinnerungen dieser Zeit geteilt hat.

Bob Young wird in seiner Heimat, den USA, beigesetzt. Am 22. Juli um 10 Uhr findet in der Friedhofskapelle auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin ein Gedenkgottesdienst statt. Anschließend lädt eine Andachtsstelle auf dem Friedhof dazu ein, Abschied zu nehmen und an den prägenden Clubmacher zu erinnern.

Ein letztes Mal kehrt am 2. August auch Bob Youngs bekannteste und erfolgreichste Partyreihe zurück: „GMF – Last Dance“ (Tickets). Im Weekend Club verabschieden sich Weggefährt:innen, Freund:innen und die Berliner Clubszene mit den GMF-All-Star-DJs sowie weiteren Special Guests von dem legendären Partyveranstalter – ganz im Sinne der Nächte, die er über Jahrzehnte geprägt hat.


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tipBerlin-Redakteur Stefan Sauerbrey nimmt Abschied von Bob Young – zum Text. Rückblick auf prägende Orte: Clubs im Berlin der 1990er-Jahre. Ausgehen: Hier ist das Berliner Club-Programm.

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