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Danger Dan im Interview: „Auch Berlin ist nicht immun gegen diese Scheiße“

Überall ist die AfD auf dem Vormarsch – und Danger Dan macht unbeirrt gegen Rechtsextremismus mobil. Der Rapper über sein neues Album „Keine Angst“, Neonazi-Todeslisten, Homosexualität und Kreuzberger Nächte
Text: Luca Heinze
Veröffentlicht am: 25.09.2026
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Danger Dan hat mit seinem Song „Keine Angst“ wieder mal für Diskussionen gesorgt. Eine Anleitung für kleinteiligen antifaschistischen Aktivismus. © Jaro Sanmann-Suffner
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Danger Dan, dein neues Album „Keine Angst“ erscheint am 2. Oktober. Wie auch auf deinem letzten Album versammeln sich darauf humorvolle, politische, aber auch sehr persönliche Stücke: Wie funktionieren sie alle unter dem Deckmantel des Titels?

Gar nicht. „Keine Angst“ ist kein Konzeptalbum, wo ich nur Lieder schreibe, die da irgendwie reinpassen. Eher umgekehrt. Ich habe losgeschrieben und hinterher geguckt, was ist das jetzt eigentlich? Da sind Lieder drauf, von denen ich wusste, dass ich sie schon immer mal schreiben wollte, aber nie den passenden Moment fand. Und dieses Mal habe ich zu mir selbst gesagt: „Keine Angst, ich mache das jetzt einfach.“

Wann, wenn nicht jetzt? Den Titel und auch die Single dazu kann in eine politische Situation reingerufen werden, zum Mut machen vielleicht, oder zum Angstüberwinden. Wenn man da einen roten Faden suchen würde, dann den.

Welche Rolle spielt Angst in deinem Leben?

Gar nicht so eine kleine. Ich bin schon eher ein ängstlicher Mensch, hatte schon sehr früh eine Panikstörung und musste mich medikamentös behandeln lassen. Und es ging auch oft darum, Ängste zu überwinden. Also wenn ich mir meine Biografie angucke, ist Angst schon auch immer ein Momentum. Ganz konkret, habe ich mich natürlich wieder stark in den Fokus von Neonazis gerückt.

Da nicht vorsichtig zu sein, wäre fatal, man muss wissen, dass das ein gewisses Risiko birgt. Das besorgt mich natürlich. Es gibt allerdings auch Leute, die im Fokus von Neonazis stehen, die sich nicht so wie ich dazu entschieden haben. Da geht es dann um die Hautfarbe oder religiöse Zugehörigkeiten. Für mich gilt das nicht, daher ist es eine ganz andere, fast dekadente Situation, aus der ich mich da rein begeben habe.

Danger Dan: Der Kampf gegen die Ohnmacht

Mit dem viel diskutierten Song „Keine Angst“ erklärst du konkret, wie man gegen Rechtsextremismus vorgehen kann. Es ist eine Art Leitfaden für Antifaschisten. Welche Reaktionen von rechts hast du erfahren?

Alle, die sich aktiv gegen militante Neonazi-Strukturen stellen, gehen eine Gefahr ein. Ich glaube, Angst haben ist richtig, aber sich von der Angst lähmen zu lassen, ist falsch und der Zeitpunkt, sich Ärger einzuhandeln, ist jetzt genau der richtige.

Das wird nicht einfacher, wenn man fünf Jahre wartet. Ich stehe seit Jahren auf Todeslisten von Neonazis. Das ist jetzt punktuell mit dem Song nochmal aufgekocht.

Angst und die Ohnmacht spielen im derzeitigen politischen Diskurs eine entscheidende Rolle. Wie überwindet man die Angst?

An der Angst gibt es keinen Weg vorbei. Du musst durch die Angst hindurch und nur so kannst du sie besiegen. Konfrontation ist der einzige Weg. Mein Therapeut hat gesagt, dass Ängste unsere Freunde sind. Gar keine Angst zu haben, wäre falsch.

Ich kann mir vorstellen, dass es viele Leute gibt, die sagen, sie haben jetzt nicht die Ressourcen, antifaschistischen Selbstschutz zu organisieren. Doch das Gefühl von Ohnmacht verliert man nur durchs Handeln – nicht durch theoretische Konzepte. Ich treffe mich zum Beispiel hin und wieder mit Freunden zum Abendessen.

Einfach, um über ein bestimmtes politisches Thema zu diskutieren. Das bringt gesamtgesellschaftlich nichts. Aber zusammenzukommen, zu debattieren und zu überlegen, wie andere mit der Situation umgehen, ist schon ein politischer Akt.

Im Kampf gegen Nazis braucht man sich auf den Staat nicht verlassen

An einer Stelle sprichst du davon, dass es sich nicht lohnt, mit Rechten zu sprechen, da sie in ihrem Weltbild gefangen seien. Mit Blick auf die Wahlen in Sachsen-Anhalt und Berlin wären es ganz schön viele Menschen, mit denen kein Gespräch mehr möglich ist, oder?

Da muss man unterscheiden: Es gibt richtige organisierte Faschisten, die ein in sich geschlossenes, wahnhaftes Weltbild haben und das ist argumentativ, nicht zu durchbrechen. Die würden, egal was du denen an Argumenten oder Fakten vorlegst, sagen, dass das nicht stimme oder Propaganda sei. Leute, die den Holocaust leugnen, berufen sich auf vollkommen absurde Quellen und behaupten, meine Quellen seien fake, seien jüdische Propaganda.

Mit denen brauch ich nicht zu diskutieren. Da geht es darum, ihnen das Handwerk zu legen und um nichts anderes. Allerdings ist nicht jeder AfD-Wähler organisierter Faschist.

Wo aber die AfD stark ist, gibt es auch militante Neonazi-Strukturen und es gibt dort auch personelle Überschneidungen. Gleichzeitig ist so ein Rechtsruck nichts, was sich auf die AfD beschränkt. Wir haben ein vollkommen rassistisches Vokabular eines CDU-Bundeskanzlers. Der Trend geht bis in linkere Parteien wie die Grünen oder SPD hinein, bei denen auf einmal ganz merkwürdig über Migration gesprochen wird.

Wir haben es mit einem gesellschaftlich noch viel größeren Problem zu tun als nur der AfD. Ich glaube nicht, dass man mit keinem AfD-Wähler mehr argumentativ weiterkäme, aber ich würde auch denen unterstellen, dass sie genau wissen, was für eine Partei sie da wählen. In meinem Freundeskreis haben sie zumindest nichts mehr verloren.

Hast du den Glauben an die Politik verloren?

Um es mit den Worten der Holocaust-Überlebenden und Aktivistin Esther Bejaranos zu sagen: „Wer gegen Nazis kämpft, braucht sich auf den Staat nicht zu verlassen.“ Wenn man das ernst meint mit dem Antifaschismus, dann ist das ein Kampf auf allen Ebenen und mit allen Mitteln.

Und was ich in dem Lied beschreibe, ist ein Auszug. Es sind Wegweiser, die darauf zeigen, wo man hier überhaupt ansetzen kann. Das Lied ist ein Debattenbeitrag. Protest und Widerstand können vielfältiger sein, was ich in „Keine Angst“ beschreibe, ist eher die klassische Nullerjahre-Antifa-Strategie. Aber die ist mit Sicherheit in manchen Momenten auch berechtigt.

„Mein Therapeut hat gesagt, dass Ängste unsere Freunde sind“

Danger Dan
Du wohnst seit 13 Jahren in Berlin. Seitdem hat sich auch in Berlin politisch einiges verändert: In der Gropiusstadt hat kürzlich ein AfD-Büro eröffnet, ihre Plakate hängen nicht mehr nur in rechtsorientierteren Stadtteilen wie Hellersdorf – und werden nicht wie früher direkt runtergerissen. Wie nimmst du Berlin wahr?

Es zeigt sich gerade, wie viel Legende es eigentlich war, dass Berlin mit dem Rechtsruck nichts zu tun hat. Und es stellt sich heraus, dass das inzwischen nicht mehr stimmt. Auch Berlin ist nicht immun gegen diese Scheiße. Die Stadt hat sich in meiner Zeit hier total verändert. Es ist ja nicht nur ein AfD-Büro.

Die Nius-Zentrale sitzt auch in Kreuzberg. Die rechten Apollo-News haben ein Büro dort eröffnet. Und auch die militanten Neonazi-Strukturen kommen zurück hierher. In Parks in Lichtenberg oder in Pankow werden Neonazi-Kampfsport-Trainings angeboten. Also diese Legende, das würde nur in Kleinstädten, das würde nur auf dem Land oder nur im Osten passieren, ist längst widerlegt.

Danger Dan säuft in der Roten Rose und bangt um die Kunstfreiheit

In „Keine Angst“ empfiehlst du Szenekneipen als Orte zum antifaschistischen Organisieren. Ein weiteres Lied widmet sich der Kreuzberger Traditionskneipe „Rote Rose“. Wird sich dort organisiert?

Haha, eher nicht. Es muss auch nicht zwingend eine Bar sein. Es war ein Beispiel dafür, wo man anfangen kann, eine solche Gruppe zu gründen. Da sind so kleine Veranstaltungen in Bars oder Kneipen super, aber es kann auch der Keller von Oma Erna sein. Völlig egal. In der Rote Rose hatte ich schon wilde Nächte. Das Lied ist natürlich fiktional, aber es gibt schon so ähnliche Geschichten, die ich in diversen Kneipen so in etwa erlebt habe. Also nein, politische Kämpfe würde ich hier nicht führen. In die Rote Rose geh’ ich zum Saufen.

Den abgesagten Auftritt in der ZDF-Sendung „Die Anstalt“ und dem Konflikt mit der Sender-Intendanz hat dein Song wahrscheinlich mehr Aufmerksamkeit bekommen als er sonst hätte. Bist du insgeheim froh drum, dass es so gelaufen ist?

Wie die ZDF-Intendanz gehandelt hat, halte ich für wirklich problematisch. Das Lied wurde danach viel diskutiert und hat eine große Reichweite bekommen. Die hätte es ohne diesen Skandal ganz sicher nicht gegeben. Nichtsdestotrotz ist das kein gutes Vorzeichen für das, was noch in Zukunft auf uns zukommt.

In den Öffentlich-Rechtlichen haben die Leute Schiss vor den nächsten Wahlen. Der Rundfunkrat orientiert sich an den Parteien. Wenn die AfD bald die Mehrheit hat, sitzen sie auch da drin und bestimmen Programmrichtlinien. Vielleicht wäre das jetzt eine der letzten Gelegenheiten gewesen, so ein Lied im ZDF aufzuführen.

Danger Dan
Danger Dan © Foto: Jaro Sanmann-Suffner

„Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ im Konjunktiv – „Keine Angst“ im Imperativ

Der Grund für die Absage lautete unter anderem, dass das Lied zur Gewalt aufruft. Gibt es eine „richtige“ Gewalt, heiligt der Zweck die Mittel?

Nein, ich verabscheue Gewalt. Die Frage ist aber: Wie gehen wir mit militanten Neonazi-Strukturen um? Im Fall der Aktivisten, die ich in dem Lied grüße, speziell Lina, geht es zum Beispiel um einen Angriff auf eine Gaststätte in Eisenach, in der sich militante Neonazis getroffen haben.

Die haben jahrelang alles, was denen nicht deutsch genug, nicht hetero genug, nicht weiß genug war, gejagt. In so einem Fall finde ich das gut, wenn man sich mit denen auseinandersetzt. Das bedeutet aber in so einem Fall auch, dass man von einer Konfrontation ausgehen muss. Aber ich unterstelle allen, die da involviert waren, dass die keinen Spaß an Gewalt haben.

Im Gegenteil: Dass sie Gewalt verhindern wollten.

Dein letztes Album „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ (2021) beginnt mit dem Song „Lauf davon“, in „Keine Angst“ stellst du dich wiederum den Problemen, deinen Ängsten. Was ist in der Zwischenzeit passiert?

Ich meinte nicht „Lauf davon“, eher „Brech aus“. Brech aus der Figur aus, die dir übergestülpt wurde und sei so frei, wie du kannst und lebe dein Leben. Und ich glaube, da knüpft „Keine Angst“ ganz gut an. In der Zwischenzeit hat sich viel geändert.

Das letzte Album versteckt sich noch hinter Ironie und Wortwitz. Der Titelsong „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ ist komplett im Konjunktiv geschrieben, „Keine Angst“ im Imperativ. Also ich glaube schon, dass es eine größere Dringlichkeit hat und dass aber auch der gesellschaftliche Moment, an den sich der Song und das Album richtet, nach einer größeren Dringlichkeit schreit.

Danger Dan widmet ein Song seiner nicht-heterosexuellen Vergangenheit

In „Warum es nicht geklappt hat“ sprichst du von einer Beziehung zu einem Mann, in der viel schieflief. Das ist gerade in der heteronormativ geprägten Rap-Szene außergewöhnlich.

Mit meiner Band Antilopen Gang haben wir 2013 ein Lied veröffentlicht, „Verliebt“, da habe ich im Video mit Monchi, dem Sänger von Feine Sahne Fischfilet, rumgeknutscht. Danach wurde in den Rap-Medien darüber debattiert, ob sowas denn sein müsse, es würden ja auch Kinder zugucken. Was man bei einer komischen Hetero-Porno-Musikvideo-Szene verschiedener muskulöser Sprechgesangsartisten niemals gefragt hätte. Wir kommen aus einer Rap-Szene, die homophob war.

Die Antilopen Gang hat sich auf der Basis, dass wir etwas dagegen tun wollen, kennengelernt und organisiert. Seitdem hat sich innerhalb der Szene viel geändert, junge Artists der Gen Z sind da alle ein bisschen lockerer. Dennoch nimmt Homophobie wieder zu. So kam der Moment, wo ich Lust bekam, mich zu involvieren und nicht nur zu zeigen, dass ich solidarisch bin, sondern auch dazugehöre.

Du hast vorher deine Sexualität nie thematisiert. Dass du in heterosexuellen Beziehungen warst, wusste man aber aus den Medien. Hat dich das viel Mut gekostet?

Ich habe mich nie als besonders hetero erlebt – aber auch nie als schwul. Ich habe mir einfach keine Gedanken darüber gemacht. Aber in dem Moment, wo man attackiert wird, egal ob von Rechten oder von Islamisten oder von merkwürdigen Manosphere-Idioten, finde ich es gut, sich zu zeigen.

Danger Dan „Keine Angst“, ab 2.10. (Ölsardinenindustrie)
Konzert im Tempodrom, 6.+7.11., Möckernstr. 10, Kreuzberg, Restkarten hier


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