„Drag saved my life“: Die Dragqueen Gaby Tupper im Interview

Interview: Ella Rendtorff
Gaby Tupper, auf Ihren Touren durch die Stadt führen Sie entlang historisch bedeutsamer Orte, lesen literarische Texte und singen Lieder aus der queeren Geschichte. Wie kamen Sie dazu?
Unsere Freiheiten als queere Menschen existieren nur, weil Menschen vor uns dafür gekämpft haben. Ich hatte das Glück, einige dieser Menschen aus der frühen queeren Szene noch kennenzulernen, etwa den Schriftsteller Napoleon Seyfarth, von dem ich viel über die AIDS-Krise gelernt habe. Jetzt habe ich die schöne Gelegenheit, diese Geschichten als Oral History weiterzutragen – auch in Form von Liedern. Ich bin zwar nicht die begnadetste Sängerin, auch wenn ich sicherlich nicht schlecht singe. Und ich bin auch nicht die Dragqueen mit den aufsehenerregendsten, maßgeschneiderten Looks. Meine Stärke ist, dass ich mit 50 Jahren einen großen Erfahrungsschatz mitbringe, der auch für junge, queere Menschen interessant ist. Dieses Wissen weiterzugeben, macht mir wahnsinnig viel Spaß.
Erreichen Sie mit der Tour auch Menschen außerhalb der queeren Community?
Absolut! Da sind Menschen, die neu nach Schöneberg gezogen sind und mehr über ihren Kiez erfahren wollen. Genauso wie Menschen, die Berührungspunkte mit der queeren Community haben und wissen möchten: Warum sind ihre queeren Freunde gerade so verzweifelt? Da ist durchaus ein Interesse, unser Leben und unsere Kultur begreifen zu wollen. Das finde ich sehr schön.
Wie hat sich der queere Kiez verändert in den zehn Jahren, die Sie die Tour jetzt schon anbieten?
Ich kann gar nicht so sehr sagen, ob sich speziell der queere Kiez verändert hat. Berlin hat sich verändert. Berlin war nie eine Stadt, die ist. Berlin war immer die Stadt, die werden wird. Deshalb bin ich vor dreißig Jahren hergezogen: weil Berlin so ein spannendes Spielfeld war. Jetzt hat das SchwuZ kürzlich zugemacht, der älteste Queerclub Europas. Er findet sich aber gerade wieder neu – und das ist spannend zu beobachten. Nur mit Wandel haben wir die Möglichkeit, dem Ewiggestrigen Neues entgegenzusetzen.
Sie sprachen vorhin von der Verzweiflung, die queere Menschen derzeit verstärkt erleben. Worin äußert sie sich?
Hass und Gewalt haben schon immer eine Rolle gespielt. Als der SchwuZ noch am Mehringdamm war, wurde mir auf dem Weg aus dem Club aus einem vorbeifahrenden Auto eine Bierflasche hinterhergeworfen. Queerfeindliche und insbesondere dragfeindliche Übergriffe oder Beleidigungen hat es leider immer gegeben. Aber Menschen haben heute durchaus weniger Hemmungen, handgreiflich zu werden. Wo vor fünfzehn Jahren böse geguckt wurde, wird heute zugeschlagen oder das Klappmesser gezückt. Es ist wieder salonfähig geworden, seinen Unmut, seine Spießbürgerlichkeit zu zelebrieren und rauszulassen.
Kann Drag da eine Art Schutzschild sein?
Zum einen ist Drag für mich die Möglichkeit, meine Kunstfigur Gaby Tupper zu sein. Das macht die Welt für mich etwas bunter und lässt mich Verzweiflung und Schmerz mal vergessen. Als Gaby Tupper kann ich auf Anfeindungen anders reagieren. Ich bin keine Person, die andere konfrontiert, wenn sie mir einen blöden Spruch entgegenschleudern. Aber dank meines Drag halte ich dem zumindest stand. Ungeschminkt fühle ich mich da viel angreifbarer. Hätte ich nicht die Möglichkeit gehabt, mir selbst etwas Farbenfrohes, Unterhaltsames, Freundliches im Leben zu schaffen, dann wäre ich an viel, viel dunkleren Orten gelandet. Ich muss sagen: Drag saved my life.
„Hätte ich nicht die Möglichkeit gehabt, mir selbst etwas Farbenfrohes, Unterhaltsames, Freundliches im Leben zu schaffen, dann wäre ich an viel, viel dunkleren Orten gelandet. Ich muss sagen: Drag saved my life.“
Dragqueen Gaby Tupper
Sie definieren sich nicht nur als Drag-, sondern auch als Community-Queen.
Ich hatte mein Coming Out zu einer Zeit, als von Drag noch gar nicht die Rede war. Ich bin in der Polit-Tunten-Szene groß geworden, wo wir als schwule Männer Kleider als politisches Statement trugen. Weil wir uns nicht als Klischee-Schwule diffamieren lassen wollten, sondern gesagt haben: Ja, wir sind Tunten. Wir sind die weiblichen Schwulen. Wir sind die Auffälligen. Wir stehen an erster Front und halten unsere Fresse hin. Ich arbeite ehrenamtlich beim Teddy Award auf der Berlinale und bei der AIDS-Hilfe. Auch meine Kiez-Touren mit Entertainment mache ich für die Community und Freund:innen, gegen freiwillige Spende. Deshalb begreife ich mich als Community-Queen.
Eine Figur, die in Ihren Führungen immer wieder auftaucht, ist die Schauspielerin und Sängerin Marlene Dietrich, die auch in Schöneberg lebte. Was können wir heute von ihr lernen?
Marlene Dietrich ist für mich eine glamouröse Künstlerin, die sich immer wieder neu erfunden hat, so wie auch ich mich in meinem Leben immer wieder selbst erfinden muss. Aber auch politisch ist sie ein Vorbild für mich. Als man sie fragte, warum sie gegen die Nationalsozialisten sei, antwortete sie: Ich bin aus Anstand Antifaschistin. Marlene Dietrich begriff sich nie als politischen Menschen. Aber sie bezog ganz klar Position für die Menschlichkeit. Antifaschismus muss nicht linksradikal sein – wir brauchen einfach nur den Anstand, demokratisch sein zu wollen. Den Anstand, den neuen Faschismus aufhalten zu wollen. Das geht. Es braucht nur eine innere Haltung.