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Nach neuen Berlinale-Auflagen: Tricia Tuttle pocht auf freie Rede

Die Berlinale soll einen Beirat und einen Kodex bekommen. Tricia Tuttle und ihr Team ­pochen auf Unabhängigkeit. Das Festival muss nun lernen, seine Politik nicht nur mit ­Filmen, sondern auch diskursiv zu verkörpern
Text: Bert Rebhandl
Veröffentlicht am: 25.03.2026
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Tricia Tuttle hatte in einem früheren Leben eine Band, sie kann also auch Frontfrau © IMAGO/Future Image

Wer in Deutschland mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, wird ein Wort immer wieder zu hören bekommen: Die Weichenstörung ist unter allen „Störungen im Betriebsablauf“ bei DB oder BVG der unumstrittene Star. Wenn eine Weiche gestört ist, fahren Züge in die falsche Richtung, deswegen müssen sie stehen bleiben, und das hat bei einem eng getakteten Fahrplan oft massive Auswirkungen. So alltäglich ist das Wort Weichenstörung inzwischen, dass es schon auf nahe Verwandte ausstrahlt. Im Kulturbetrieb und in der Politik allgemein hört man oft von Weichenstellungen. Das klingt nach Übersicht und Orientierung, heute aber eben oft auch nach einer Gelegenheit für eine Weichenstörung.

Am 4. März kam aus dem Büro von Wolfram Weimer, dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, eine Aussendung mit dem Titel „Weichen für die Zukunft der Berlinale gestellt“. Vorausgegangen waren Schlagzeilen in Springer-Medien, in denen von einem „Antisemitismusskandal“ bei der 76. Berlinale die Rede war, und eine Ablösung der Leiterin Tricia Tuttle in den Raum gestellt wurde. Wenn das nicht einfach erfunden war, was bei der „Bild“ ja auch immer zu gewärtigen ist, dann sah nach den geläufigen Logiken des politischen Betriebs alles danach aus, dass Weimer selbst oder sein Büro in einem ihm nahestehenden Medium einen Testballon hatte steigen lassen, der allerdings sehr vernehmbar in der Berliner Luft den Geist aufgab. Denn die spontane Solidarisierung mit der Festivalleiterin war so massiv quer durch die gesamte Filmbranche, dass Weimer nach einer Entlassung von Tricia Tuttle sehr einsam dagestanden wäre. Und die Berlinale womöglich mit einer Leitung weiter hätte machen müssen, die nur bei der CDU auf Zustimmung gestoßen wäre.

Freie Rede auf der Berlinale: Vorwurf des Aktivismus

In der genannten Pressemitteilung begrüßte Weimer „die Bereitschaft der Intendantin, Tricia Tuttle, ihre Tätigkeit fortzusetzen“, und bedauerte in dem selben Satz „die Überlagerung künstlerischer Arbeit der jüngsten Berlinale durch politischen Aktivismus“. Das bezog sich deutlich vor allem auf den syrisch-palästinensischen Regisseur Mohammad Alkhatib, der auf der Schlusszeremonie des Festivals mit einem Preis für seinen Film „Chronicles From the Siege“ ausgezeichnet worden war, und die Überreichung zu einer Anklage gegen deutsche „Beihilfe zum Genozid“ in Gaza nutzte. Dass Tuttle ein paar Tage davor bei dem Fototermin zu „Chronicles From the Siege“ ein grünes Kleid getragen hatte, mag ein Zufall gewesen sein oder ein subtiles Fashion Statement (Grün ist die Farbe des Islam). Eine antisemitische Äußerung kann man daraus nicht machen.

Schon 2024, damals noch unter der Direktion von Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek, hatte es nach der Schlusszeremonie Aufregung über die Berlinale gegeben. Der Begriff „Genozid“ (für den Krieg Israels in Gaza) war schon damals als Parole und Reizwort verwendet worden. Zwei Jahre später steht das Festival nun also mit neuem Personal auf den relevanten Ebenen (Weimer, Tuttle) vor der gleichen Quadratur des Kreises: Wie kann es in Zukunft sein Branding als „politisch“ verteidigen, ohne sich dabei in die zunehmend unerbittlicheren Begriffsschlachten hineinziehen zu lassen, die in Deutschland zu allen Kriegen und Konflikten in der Welt ausgefochten werden?

Wolfram Weimer gibt sich für den Moment mit einer klassischen politischen Ersatzhandlung zufrieden. Der Berlinale soll bei der Trägerorganisation KBB (Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin) ein „beratendes Forum“ zur Seite gestellt werden, zudem soll ein „Verhaltenskodex“ entwickelt werden. Die Berlinale wiederum bedankt sich bei Weimer dafür, „dass er die Bedeutung der Unabhängigkeit erneut hervorgehoben hat“. Das ist auch Politikdeutsch, und meint wohl: Das Festival wird selber seinen Weg finden. Noch deutlich in der Luft hängt ein weiterer Satz aus dem Aufsichtsrat der KBB: „das Festival möge sich personell und finanziell zukunftsfest machen“.

Keine belangbaren Äußerungen auf der Berlinale

Hier geht es ans Eingemachte, also um das Geld, um die Bundesförderung, ohne die das Festival tatsächlich keine Zukunft hätte. Und hier berühren sich verschiedene Verständnisse von Politik. Denn es geht einerseits um Kulturpolitik prinzipiell, also die Frage, warum der Staat oder ein Land Geld ausgibt zum Beispiel dafür, dass in Berlin über eineinhalb Wochen im Februar knapp 300 Filme aus aller Welt gezeigt werden können. Von der kulturkämpferischen Rechten wird das gern auch einmal als Luxus für eine liberale Blase denunziert. Sie übersieht dabei, dass die Berlinale für Berlin und die Bundesrepublik ein echtes Asset ist – sie zählt im Jahreskreis der internationalen Filmfestivals nach wie vor zu den Schwergewichten und hat sich mit der erfolgreichen Ausgabe 2026 in dieser Position eher noch bestätigt. Damit gehen sehr wichtige Aspekte von Soft Power einher, die in einer Welt der Polykrisen auch einem konservativen Politiker wie Weimer einleuchten sollten – dazu kommen beträchtliche wirtschaftliche Effekte durch die vielen Gäste, die anreisen und oft viel Geld ausgeben.

Mit der Soft Power kommen aber auch politische Ansprüche. Die Berlinale verstand sich bis zur Wende als das Festival der „freien Welt“, und in der gegenwärtigen Situation gibt es eigentlich gute Möglichkeiten, diesen Claim zu erneuern. Dazu gehört aber eben auch, dass Künstlerïnnen sich auf dem Festival (im Rahmen der deutschen Gesetze) frei äußern können. Vor zwei Jahren, unmittelbar nach dem 7. Oktober 2023, kamen nach der Schlusszeremonie der Berlinale noch Wortmeldungen (unter anderem eine spontane von Kai Wegner), die de facto in Richtung Zensur gingen. Schnell wurde klar, dass keine belangbaren Äußerungen gefallen waren. Dies gilt auch für 2026.

Die Abschlusszeremonie ist der

neuralgische Punkt des Festivals

Deswegen greift Weimer zu der Floskel von der „Überlagerung künstlerischer Arbeit durch politischen Aktivismus“. Er weiß dabei selbst, dass dieser Aktivismus keineswegs nur von Menschen kommt, die von der Berlinale aufgrund ihrer Filme eine Bühne eingeräumt bekommen. Er kommt vor allem aus einer aufgeheizten Plattform-Öffentlichkeit, die sich um das Programm der Berlinale nicht kümmert, sondern nur Reizworte sammelt und darauf losgeht.

Einen Monat nach dem Ende der 76. Berlinale liegen die Dinge in wünschenswerter Klarheit zu Tage: Tricia Tuttle und ihr Team dürfen sich gestärkt fühlen und werden auf die „Unabhängigkeit“, die sie als ihre wichtigste Weichenstellung vermerkt haben, pochen. Ein Beirat oder ein Kodex werden in den Grenzen der Verfassungsfreiheiten nicht entscheidend in die tägliche Arbeit des Festivals eingreifen. Letztlich liegt vor allem eine Lösung nahe, die schon bei dem italienischen Direktor Carlo Chatrian ein Desiderat blieb und nun auch bei der gebürtigen Amerikanerin, aus London nach Berlin gekommenen Tricia Tuttle hilfreich sein könnte: Die Schlusszeremonie bleibt der neuralgische Punkt für das Festival. Sie wird bisher immer „unpolitisch“ moderiert. Bei Kosslick war es Anke Engelke, dieses Jahr Desirée Nosbusch – jeweils Versuche, gute Stimmung zu machen, aber unflexibel, wenn es auf der Bühne kontrovers wurde. Es liegt nahe, für diese Aufgabe eine Persönlichkeit zu suchen, die das Verbindende, das ja die politische Hauptaufgabe des Festivals darstellt, deutlicher verkörpert. Es müsste eine intellektuelle, ausgleichende, souveräne Figur sein, die auch die Unabhängigkeit der Berlinale von einzelnen Manifestationen zum Ausdruck bringen kann.

Tricia Tuttle ist ein exzellente Leiterin, aber sie sieht das Festival vor allem in seinen internationalen Vernetzungen. Sie wäre gut beraten, der Berlinale für die wichtigen Zeremonien weitere Gesichter zu geben, die der besonderen historischen Verantwortung Deutschlands in der veränderten Situation einer autoritär werdenden Welt Genüge tun können. Ein solches Casting (auch für die Moderation der Pressekonferenzen und andere offizielle Termine) wäre für die 77. Berlinale im kommenden Februar mindestens so wichtig wie die Frage, wie viele Filme aus Israel, aus Palästina, aus der Ukraine, aus dem Sudan für eine Balance sorgen, und wieviele Stars aus Amerika über den roten Teppich spazieren. Die „Bild“ wollte mit ihrer vorschnellen Schlagzeile eine Weichenstellung für die Berlinale bewirken. Es wurde aber nur eine Weichenstörung daraus, und die kann sich sogar als produktiv erweisen.


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Entdeckt die Stadt: In dieser Rubrik findet ihr Ausflüge, in Berlin und darüber hinaus. Blick zurück: Schaut in unserer Rubrik für Geschichte vorbei. Immer auf dem Laufenden bleiben: Zur tipBerlin-Newsletter-Anmeldung geht’s hier. Der Letzte seiner Art in Berlin: Götz Valien malt Kinoplakate. Keine Lust mehr auf die Streaming-Riesen? Berliner Alternativen zu Netflix, Amazon Prime Video, Disney+ und Co. Blick zurück aufs Kinojahr 2025: Die Lieblingsfilme der tipBerlin-Redaktion. Was läuft sonst? Hier ist das aktuelle Kinoprogramm für Berlin. Mehr aus der Filmwelt lest ihr in unserer Kino-Rubrik.

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