Im Visier der Mullahs

Der Artikel ist in tip 3/2026 erschienen.
Daniela Sepehri, 27, Widersacherin des Regimes, nutzt immer mal wieder eine Hotline. Eine Direktverbindung zu einem Beamten des LKA 5.2, Abteilung Staatsschutz. Dort meldet sich die deutsch-iranische Aktivistin, wenn’s wieder brenzlig wird.
Dutzende Male hat sie schon Anzeige erstattet, weil sie schikaniert und beleidigt worden ist. Manchmal mündete der Psychoterror auch in Morddrohungen.
Hinter dem Furor stehen, so darf man vermuten, Geheimdienstler des iranischen Regimes – oder fanatisierte Untertanen aus der Bevölkerung im Gottesstaat.
Sie erreichen die junge Dissidentin vor allem über Direktnachrichten in den Sozialen Netzwerken. Auf persisch oder deutsch. Über Insta oder den Twitter-Nachfolger „X“. Auch per E-Mail. „Ich werde dich abstechen“, muss sie dann beispielsweise lesen.
Daniela Sepehri, geboren in Paderborn, Tochter eines Paars, das bereits in den 1990ern aus der Heimat emigrierte, ist damit nicht allein. Hunderte Oppositionelle, die in Berlin wohnen, leben und arbeiten, werden offenbar vom Iran politisch verfolgt.
Daniela Sepehri erhebt ihre Stimme für den säkular-progressiven Widerstand gegen den Staatsapparat in Teheran. Die Social-Media-Beraterin und Netzfeministin hat schon Protestmärsche organisiert, immer wieder prangert sie auf ihrem reichweitenstarken Instagram-Kanal die Schreckensherrschaft der Mullahs an. Vor Kurzem hat sie ihre Agenda in aller Öffentlichkeit geteilt – auf einem Pressetermin im Regierungsviertel. Von der Linkspartei war sie eingeladen worden. Sie geißelte die Zivilisationsbrüche des Regimes: „Die Menschen im Iran erleben ein Verbrechen, das sich mit Worten nicht beschreiben lässt.“ Auch sonst ist Sepehri, eine mutige Persönlichkeit. Indem sie beispielsweise Interviews gibt.
Tausende Menschen – zwischen 5.000 und 20.000 schätzungsweise – sind im Iran bei den Massenerhebungen im Januar von Schergen der theokratischen Despotie getötet worden. Fachleute befürchten den nächsten Rachefeldzug der Milizen aus Revolutionsgarde und anderen Organen, die von dem 86-jährigen Ayatollah Ali Chamenei angeführt werden. Nämlich eine Welle der Repressalien gegen iranischstämmige Menschen im Exil – offensiver denn je. Die Revanche eines patriarchalischen Willkürsystems, das geschwächt ist wie nie, geopolitisch, ökonomisch, moralisch.
„Transnationale Repression“ nennt man in der Kriminologie dieses Vorgehen: Staatliche Akteure unterdrücken Oppositionelle in einem anderen Land.
Iraner in Berlin: LKA in Habachtstellung
Ulrike Becker, Programmdirektorin bei der Amadeu-Antonio-Stiftung und Iran-Expertin, warnt: „Es ist mit umfangreichen Einschüchterungsmaßnahmen zu rechnen. Nachdem Widerstandsbewegungen im eigenen Land brutal niedergeschlagen worden sind, wird das Regime nun versuchen, Proteste im Ausland zu ersticken.“
Auch das Berliner Landeskriminalamt ist in Habachtstellung. „Wir müssen annehmen, dass die Fälle (…) in Bezug zum Iran in den kommenden Wochen wieder ansteigen werden“, ließ die Sicherheitsbehörde neulich TV-Journalisten von „Report Mainz“ wissen. Überhaupt erwägt das LKA übrigens immer häufiger, hiesige Kritiker autokratischer Regierungen mit Personenschützern zu versehen. Möglich sind Verbrechen, die Leben gefährden. Daniela Sepheri, die Regimegegnerin, ist ohne polizeiliche Bodyguards unterwegs.
In Berlin ist eine der größten Communitys der Welt zuhause, rund 25.000 Leute mit Wurzeln im 90-Millionen-Einwohner-Land Iran, das nördlich vom Kaspischen Meer begrenzt wird und im Süden vom Golf von Oman, Leben hier in der Diaspora. Wissenschaftlerinnen, Künstler und Intellektuelle, aber auch Normalos in ganz alltäglichen Berufen. Zugleich sind in der deutschen Kapitale mehrere Brückenköpfe der klerikalfaschistischen Diktatur verortet. Die Botschaft an der Podbielskiallee in Dahlem, das iranische Kulturhaus an der Drakestraße in Lichterfelde – und womöglich Moscheegemeinden.

In Berlin, diesem historischen Brennpunkt der politischen Gewalt, haben iranische Agenten schon einmal ein Massaker angerichtet. Im Wilmersdorfer „Restaurant Mykonos“ waren am 17. September 1992 vier kurdische Linke von 29 Schüssen tödlich verletzt worden. Separatisten, die sich für den Kampf um einen eigenen Staat opferten.
Die EU hat zuletzt die Revolutionsgarde zur Terrororganisation erklärt. Mordanschläge haben Exilantinnen und Exilanten seit dem Blutbad im Berliner Westen nicht mehr heimgesucht.
Zur Bedrohungslage noch einmal die Iran-Expertin Ulrike Becker: „Auch wenn es in den letzten Jahren auf deutschem Boden nicht zu Mordanschlägen gekommen ist, sind Verbrechen des iranischen Geheimdienstes, die Menschenleben kosten könnten, in Zukunft nicht auszuschließen.“ So habe das Regime bereits Juden und pro-israelische Personen ausgespäht, mit dem Ziel, sie im Fall einer militärischen Konfrontation zwischen Iran und Israel zu ermorden. 2020 ist ein Oppositioneller mit deutscher Staatsbürgerschaft in Teheran hingerichtet worden. Jamshid Sharmahd war 69, ein Software-Unternehmer in Kalifornien – und bei einer Geschäftsreise in Dubai gekidnappt worden.
Darüber hinaus soll das Regime in den Niederlanden in zwei Morde an iranischstämmigen Personen verwickelt gewesen sein. Kapitalverbrechen in den Jahren 2015 und 2017. Eine Mutmaßung des holländischen Geheimdienstes.
Um Mitstreiter zu gewinnen, wenden iranische Agenten Druckmittel an. Sie erpressen Auslandsiraner, um sie als Handlanger des Deep States zu rekrutieren. Stasi, KGB und CIA lassen grüßen. So frappierte 2025 die Geschichte des Exil-Iraners Parham Rahimdezfooli in Nordrhein-Westfalen. Publik machte sie der WDR. Im Februar desselben Jahres hatten ihn Nachrichten eines dubiosen Absenders auf seinem Handy verstört. Er solle Informationen über Landsleute weitergeben. Zugleich sei ein Familienmitglied im Iran festgenommen worden, gab der Mann zu Protokoll.
Daniela Sepehri, die Staatsfeindin in Berlin, ist alarmiert: „Zurzeit meide ich lieber mal dunkle Ecken – und Demos will ich eigentlich auch nicht organisieren.“ Der tipBerlin-Reporter trifft sie in einem migrantisch geprägten Kreuzberger Café mit etwas kitschigem Interieur. Irgendwo nebenan wohnt sie.
Iraner in Berlin: Neuzeitliche Tyrannis
Das Big-Brother-System der Mullahs ist grenzenlos. Familien werden in Geiselhaft genommen. Bei Verhören im Iran würden dortigen Menschen aus der Zivilgesellschaft regelmäßig Fotos von Verwandten gezeigt, erzählt Daniela Sepehri. Auf den Aufnahmen sind Angehörige im Ausland in einschlägigen Zusammenhängen zu sehen. Als Teilnehmer auf Demos. Unsere Spitzel sind überall, der Evergreen der neuzeitlichen Tyrannis. Auch werben Regimevertreter hierzulande Claqueure aus dem Organisierten Verbrechen an.
Wie die Machthaber ganze Familien in die Zange nehmen, das illustriert ein etwas älterer Fall des „Deutsche Welle“-Journalisten Farhad Payar, 68. Dessen Nichte war 2024 im Iran verhaftet worden. In Deutschland hatte ihr meinungsstarker Onkel den Widerstand befeuert. Bis heute leitet Fayar, seit den frühen 1980ern in Berlin, auch das „Iran Journal“, ein unabhängiges Online-Medium. Ein Demoralisierungsversuch.
2024 hat der deutsche Staat immerhin einen Unruhestifter verboten – das „Islamische Zentrum Berlin“ (IZB). Ein schiitisches Gotteshaus an der Ordensmeisterstraße in Tempelhof mit engsten Beziehungen zu den Potentaten. Zudem wohl eine Brutstätte des Dschihadismus.
Ein Abstecher in den Neuköllner Reuterkiez: Im Erdgeschoss eines Altbaus ist der „Verein iranischer Flüchtlinge in Berlin“ aktiv. Ein Zusammenschluss, gegründet 1986, der Dreh- und Angelpunkt der radikaldemokratischen Opposition ist. Hamid Nowzari, Geschäftsführer, Mitte 60, ist eine Vaterfigur in dieser Szene. In den mittleren 1990er-Jahren beobachtete er den Mykonos-Prozess am Berliner Kammergericht.
Er erzählt von unheimlichen Anrufen in der Nacht, von Polizeibesuchen, von Fatwas. Die meisten Vorfälle trugen sich in der Vergangenheit zu. Nowzari hat in sein Büro geladen, Regale mit Aktenordnern, PVC-Boden, Vereinsraumpatina. Dieser lebenserfahrene Oppositionelle sagt: „Meine öffentliche Identität ist auch ein Schutz.“
Wie andere Gruppen bringt der „Verein iranischer Flüchtlinge“ den Protest auf die Straße. Das Geschehen auf dem Asphalt ist alles in allem facettenreich.
Mitte Januar zogen knapp 3.000 Menschen vom Brandenburger Tor zum Roten Rathaus; auch NGOs wie Amnesty und der Berliner Flüchtlingsrat mischten sich in die Pulks. Ein linkes Soziotop, das auch die junge Intelligenzija um emanzipierte Frauen wie Daniela Sepehri abdeckt oder weitgehend den „Verein iranischer Flüchtlinge“. Bündnisse nennen sich „Echo Iran“ oder „Women Live Freedom Collective“.
Konservativ-patriotische Gefühlsaggegrate kanalisieren die Volksmudschahedin, die Beziehungen zur CDU/CSU pflegen. 10.000 Anhänger zogen Anfang Februar durch zentrale Stadtgegenden, darunter den Potsdamer Platz – eine Einheitsfront mit wehenden Nationalflaggen. Hof hielt der ehemalige Kanzleramts- und Wirtschaftsminister Peter Altmaier.

Die Fans der Monarchie wollen Reza Pahlavi, den 65-jährigen Sohn des Schahs, auf den Thron heben. Sein Vater war 1979 von den Trupps des Revolutionsführers Ruhollah Chomeini gestürzt worden. Auch diese Royalisten frequentieren das Berliner Straßenland. Dann flattern Textilien mit dem Sonnen-Löwen-Emblem, dem Symbol der früheren Adelsdynastien.
In diesem breiten Spektrum deuten Vordenker die Merkmale demokratischer Herrschaftsprinzipien sehr unterschiedlich. Theoriedebatten, die nach einem Umsturz zum Praxisfall geraten könnten.
Um Regimegegner zu protegieren, könnte die Bundesregierung ein Betätigungsverbot gegen die iranische Revolutionsgarde verhängen. Doch die GroKo, die sonst rauflustig im Clinch mit ausländischen Terrornetzwerken ist, etwa Hamas und Hisbollah inkriminiert, hält sich zurück.
Eine Nutzen-Kalkül-Rechnung: Friedrich Merz, Katharina Reiche und andere Gralshüter der deutschen Industrie wollen Handelsinteressen schützen. Keine andere Nation in Europa exportiert mehr Wirtschaftsgüter in den Iran – obwohl bereits Sanktionen wirksam sind. So schlingern Amtsträger zwischen Menschenrechtspathos und ökonomischen Eigensinn.
Zudem wäre es hilfreich, die Einfuhr-Ausfuhr-Boykotte zu verschärfen. Ein juristisches Schwert wird bereits geschmiedet: Die Bundesregierung plant, „transnationale Repression“ eigens zum Straftatbestand erklären. Als neuer Passus im Strafgesetzbuch unter dem Paragrafen 87a. Er könnte Spione abschrecken.
Bleibt noch die Security-Strategie vor Ort. Beim LKA schweigt man sich aus: „Zum Schutz der polizeilichen Maßnahmen und der Personen können Vorkehrungen nicht offengelegt werden.“