Kirchenasyl im Trend: Refugees welcome!

Getrieben und gepeinigt war Nidal, bevor ihn eine höhere Gesetzgebung rettete. Über Belarus war der politische Flüchtling aus dem Nahen Osten in Polen eingereist, wo er sich im Staat an der EU-Außengrenze ein Asyl erhoffte. Ein Druse aus dem syrischen failed state, der damals, im Jahr 2022, floh – vor dem Regime des inzwischen gestürzten Diktators Baschar al-Assads, aber auch vor den brutalen Gotteskriegern des Islamischen Staats.
Am Ziel seiner Sehnsüchte erlitt der 29-Jährige ein Martyrium: mehrere Pushbacks von Grenzbeamten, die ihn und andere Flüchtlinge gewaltsam zurück ins weißrussische Niemandsland trieben. Die Isolation in Flüchtlingscamps nahe Warschau und anderen verlassenen Orten. Immer wieder Leibesvisitationen am nackten Körper – und Rassismus. Irgendwann hatte er zwar Asyl beantragen können, doch die Perspektiven waren allzu düster.
Nach einem Zwischenstopp in Frankreich zog der Ex-Student weiter nach Deutschland.
Sein Glück hier: eine Beherbergung jenseits des gängigen Einwanderungsrechts. Basierend auf der Idee, dass christliche Moralkodizes im äußersten Fall mehr wiegen als eine weltliche Rechtsordnung, die gelegentlich von menschlicher Infamie korrumpiert ist.
„Fast wie Urlaub“ sei der Aufenthalt gewesen, witzelt er heute, Bart und große Augen. Von diesem Kirchenasyl hatte er von der Flüchtlingshelferin einer NGO erfahren. Eine Institution, die es in dieser Ausprägung weltweit nur im Land der Volksfeste, Baumärkte und Kreisverkehre gibt.
Kirchenasyl: rund 270 Menschen im Jahr 2025
In einem Appartement der Evangelischen Evangeliums-Kirchengemeinde in Reinickendorf war Nidal untergekommen. Einbauküche, Bett, ein wenig Mobiliar. Dort verarbeitete er die Erfahrungen auf seiner Odyssee.
Eigentlich fristet das Kirchenasyl hierzulande ein Nischendasein. Zugleich ist dieser Samariterdienst ein Brennglas für Trigger-Topics, die Gesellschaften auf dem ganzen Kontinent zerreißen. Für Willkommenskultur und rechtspopulistische Abschottung, für Nächstenliebe und Ressentiment. Für das Tauziehen um die Deutungshoheit in der Migrationspolitik. Vereinzelt werden Kirchenasyle, diese Einrichtungen in einer juristischen Grauzone, von Polizisten aufgehoben.
Rund 270 Menschen schlüpften 2025 in Safe Spaces rund um Berlin und Brandenburg unter. Ungefähr zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Die meisten Notleidenden fanden Schutz in der Hauptstadt – meistens dank des Altruismus’ evangelischer Gemeinden. Auch deutschlandweit gewinnt das Phänomen rasant an Bedeutung. 2012 bezogen nur 50 Personen die Quartiere, im Jahr 2024, also etwas mehr als ein Jahrzehnt später, schon 2.966. Ein Grund für den Anstieg: die Masseneinwanderung syrischer Flüchtlinge in den mittleren 2010er-Jahren, die den Gräueln des Bürgerkriegs entkommen wollten. Ursprünglich bezeugt ist das Kirchenasyl im Alten Testament, jedenfalls nach religiösen Vorstellungen. Etwa im „Buch Samuel“ oder im „Buch der Richter“.
Nach der Zeit im Refugium in der Kirche: Endlich politisches Asyl
Ein erneutes Schlaglicht auf die erwähnte Kirchengemeinde in Reinickendorf: Nidal hat mittlerweile politisches Asyl erhalten, im Sommer 2023 war das. Nach seiner Lebensphase in klerikaler Obhut hatte er die Aufenthaltserlaubnis beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) erstritten – mithilfe eines Anwalts. Er arbeitet jetzt für das Logistikunternehmen DHL und erwirbt Sprachscheine, damit er sich an einer Berliner Uni einschreiben kann. Dann will er VWL studieren und sein akademisches Curriculum fortsetzen. „Berlin ist Multikulti“, schwärmt er. In einer Wohnung in Reinickendorf wohnt er zur Miete.

Über dem Eingang des Gemeindekomplexes in Reinickendorf, einem Kirchenschiff mit angrenzenden Kajüten, hängt ein großflächiges Banner. Zu lesen ist ein Ausruf der Friedensbewegung: „Schwerter zu Pflugscharen“. Margarete Trende ist die Hausherrin, 54 Jahre, Kurzhaarschnitt und Jeans. Die Pfarrerin sagt: „Kirchenasyl ist Menschenrechtsgehorsam.“
Seit 2016 bietet die Theologin verfolgten Existenzen einen sicheren Hafen. Erst während ihrer früheren Amtszeit an einem Gotteshaus in Pankow, nun im Umkreis ebenjener Glaubensstätte im unscheinbaren Nordwesten der Großstadt. Eine Hilfestellung in einem Graubereich, der von der Lokalpolitik geduldet wird, in einem Konsens, den fast alle Parteien teilen, auch CDU und SPD, die den Senat bilden. Bis jetzt zumindest. Nur die AfD zieht gegen das Kirchenasyl zu Felde.
Viele Flüchtlinge sind schon von der Gemeinde Margarete Trendes aufgenommen worden. Zurzeit sind ein Iraker, eine russische trans Person und zwei Kurden aus Syrien die Nutznießer. Einiges spricht dafür, dass in Berlin das Kirchenasyl auch künftig von der Mehrheit der Volksvertreter toleriert wird. Andererseits ist Margarete Trende furchtlos: „Wenn ich fürs Kirchenasyl ins Gefängnis soll, dann gehe ich eben ins Gefängnis.“
Für die Interessen der karitativen Bewegung streitet in der Region der Verein „Asyl in der Kirche Berlin-Brandenburg“; das Büro ist in den Räumlichkeiten der neugotischen Heilig-Kreuz-Kirche in Kreuzberg eingerichtet. Die Vereinsleute werben in der Öffentlichkeit für die Notwendigkeit der humanistischen Praxis. Sie sammeln Spenden, nehmen aber auch SOS-Rufe entgegen. Eine Fachjuristin berät mit viel Know-how.
Die Festung Europa: Kirchenasyl als Rettung
Während ihres Kirchenasyls stillen die Immigranten ihre Grundbedürfnisse dank bescheidener Taschengelder, falls Sozialleistungen gekappt werden. Die Refugien befinden sich nahe den Gemeinden, die sie aufgenommen haben. Immobilien im kirchlichen Besitz – querbeet in der ganzen Stadt. Manchmal wohnen die Flüchtlinge auch in Gemeindezentren. Der Verein „Asyl in der Kirche Berlin-Brandenburg“ unterhält ebenso zwei Domizile.
Die EU erbaut zurzeit die Festung Europa, und willfährige Regierungen in den Nationalstaaten bestücken das Mauerwerk, von Meloni bis Merz. Unermüdlich wird versucht, erzislamische Maghreb-Staaten wie Tunesien, Algerien und Marokko zu sicheren Herkunftsländern zu erklären. An den Außengrenzen sind rechtliche Rahmenbedingungen längst verwildert, und das Dublin-III-Verfahren, eingeführt 2014, ist de facto nur noch eine unverbindliche Idee.
In Polen, jenem Erstaufnahmestaat, der eine gute Autostunde von der Spree-Metropole entfernt ist, brechen die Behörden systematisch Brüsseler Recht. NGOs berichten schon länger von illegalen Pushbacks, die politische Flüchtlinge aus Despotien und anderen rechtlosen Gebieten im Nahen Osten nach Belarus zurückdrängen. Auch Folter, Isolationshaft und Mangelernährung registrieren Hilfsorganisationen. Allein zwischen 2021 und 2023 starben 55 Migranten und Asylsuchende an Weichsel und Warthe infolge körperlicher und seelischer Verletzungen, geht aus einem „Amnesty“-Report hervor. In anderen osteuropäischen Ländern, zum Beispiel Kroatien und Bulgarien, sind die Verhältnisse ebenso wenig einladend. Länder an der EU-Außengrenze, die gemäß Dublin-Verfahren zu sauberen Asylverfahren verpflichtet sind.
Die meisten Schutzsuchenden wollen vor diesen Repressalien Reißaus nehmen. Sie sind Versuchskaninchen in den Fängen eines kafkaesken Dublin-Systems: Wie zermürbt man Menschen?
Wer sich hierzulande ins Kirchenasyl begibt, will in der Regel eine Aufenthaltserlaubnis erstreiten. So läuft der juristische Showdown sehr häufig ab: Eine Person sucht den Schutz einer Kirchengemeinde, nachdem das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ihren Asylantrag zunächst abgelehnt hat. So war es auch in Nidals Passionsgeschichte. Daraufhin verfassen die Kirchenvertreter ein Dossier, das begründet, warum sie eine Abschiebung für unrechtmäßig halten – etwa wegen der humanitären Lage im osteuropäischen Erstaufnahmestaat. Diese Plädoyers lehnt das BAMF in der Regel ab. Die Gemeinde hält dennoch am Kirchenasyl fest. Sie spielt auf Zeit: Es geht darum, jene sechs Monate im bundesrepublikanischen Hoheitsgebiet verstreichen zu lassen, die Rampe in ein neues Leben sein könnten. Nach dieser Frist haben Flüchtlinge ein Recht auf ein Asylverfahren.

hat er sich schnell eingelebt. Foto: Mak © Mak
Zuallermeist münden diese Kämpfe in Happy Ends, erzählt Margarete Trende. Der deutsche Staat gewährt Asyl. Was daran liegt, dass die Kirchen vor allem Flüchtlinge aufnehmen, deren Anliegen sie Erfolgschancen einräumen.
Der Pionier des Kirchenasyls: Es begann 1983
Ein Besuch in Mariendorf im Bezirk Tempelhof-Schöneberg: Jürgen Quandt, 81, ist eine Legende an der Kirchenbasis. 1983 hat dieser Aufrührer im Namen Gottes für eine Sensation gesorgt. Der evangelische Pfarrer hieß eine Gruppe von Palästinensern in seiner Gemeinde willkommen – in der erwähnten Heilig-Kreuz-Kirche in Kreuzberg, die heute auch Sitz des Vereins „Asyl in der Kirche Berlin-Brandenburg“ ist. Der deutsche Staat hatte die Schicksalsgemeinschaft aus dem Nahen Osten in den Libanon abschieben wollen, wo ein Bürgerkrieg tobte. Das Kirchenasyl war geboren.
Nun erzählt Jürgen Quandt an seinem Altersruhesitz von ethischen Grundsätzen. Von „gewaltfreien Räumen“, von der „DNA der Kirche“. Er räsoniert in seinem Arbeitszimmer, proppevolle Bücherregale, Schreibtisch, eine Sitzecke. Sein Lebensumfeld ist, nun ja, kirchentreu: Quandt, der Rentner, wohnt seit einiger Zeit mit seiner Frau in einem früheren „Totengräberhaus“. Ein Backsteingebäude am Rand eines Grabfelds, in dem früher die Friedhofsverwalter zuhause waren.
Eine Rückblende in die Ära seiner größten Tat: In den frühen Achtzigerjahren empörte die Bürokratie damaliger Vollzugsbehörden das alternative Milieu. Kurz vor Quandts leidenschaftlichem Einsatz hatte sich ein 23-jährige Türke namens Cemal Kemal Altun getötet, ein linker Aktivist. Mit einem Sprung aus dem Fenster im sechsten Stock des Oberverwaltungsgerichts in Charlottenburg. Im Saal war seine Abschiebung verhandelt worden. Dem armen Teufel drohte tödliche Gefahr in seinem Heimatland, wo das Militärregime die Andersdenkenden tyrannisierte.
Nach der Premiere zogen sich Kirchenasyle wie eine kleine Flechte auch über andere Bundesländer.
So segensreich diese Idee für viele Migranten ist, so sehr ist sie bereits von Querschlägern attackiert worden. Jürgen Quandt berichtet: „Das Kirchenasyl ist immer wieder in Frage gestellt worden.“
Kirchenasyl in Berlin: Eine umstrittene Aktion
Im Spätsommer hat der schwarz-rote Senat einen Afghanen in Steglitz festnehmen lassen. Nachdem Morteza H., zum Christentum konvertiert, das Grundstück der dortigen Dreieinigkeits-Gemeinde verlassen hatte, schnappten Polizisten zu, fast wie bei einem SEK-Zugriff. Eine Aktion, die Schlagzeilen machte.
Bisher eine Ausnahme in der Hauptstadt. Hier eine Blitzanalyse: Kai Wegner, der Regierende Bürgermeister, wollte womöglich einen Amtskollegen aus einem anderen Bundesland nicht brüskieren. Der fromme Mann, Ende 20, war in Hamburg gemeldet gewesen – und sollte von den Behörden der Hansestadt nach Schweden ausgeliefert werden, wo er nach seiner Flucht zuerst eingetroffen war. Die Exekution eines BAMF-Beschlusses.
Peter Tschentscher, Erster Bürgermeister in HH und SPD-Hardliner, hatte in rüdem Ton vom Berliner Senat die Überstellung des Geflüchteten verlangt. Schnellstens wieder weg sollte er aus Berlin, wo er ins Kirchenasyl abgetaucht war. Nach weiteren Zwangsmaßnahmen im Hamburg wurde er in einen Lufthansa-Flieger nach Stockholm gesetzt. Dort blüht ihm die Abschiebung ins Höllenreich der Taliban. Immer wieder verweigern im konservativ regierten Michel-Lönneberga-Land die Behörden Afghanen jede Gastfreundschaft.
Im Abgeordnetenhaus verteidigte die CDU-Politikerin Claudia Wein neulich das lädierte Kirchenasyl. Es hilft demzufolge, Defekte in der Asylpraxis zu beheben. Die Achtung des Rechtsstaat bestehe darin, „dass wir die Stärke haben, innehalten, zu prüfen und zu korrigieren, wenn es notwendig ist“. Ein Sinnbild für die sonstige Rückendeckung im Land Berlin.
Im restlichen Deutschland werden Kirchenasyle jedoch immer häufiger von der Polizei geräumt. In Hamburg, Bremen und Niedersachsen, aber etwa auch in NRW und Bayern. Die Einzelfälle summieren sich zu einem kleinen Trend. Ein Menschenrecht ist damit verhandelbar.