Plötzlich weltbekannt

„Der Bundesligatrainer, der gegen sie verliert, hat für immer sein Gesicht verloren.“ –„Abstieg ist dann schon vorprogrammiert, schade.“ – „Einer muss ja für die Mannschaft kochen.“ Seit es klar ist, dass eine Trainerin interimsweise Union Berlin übernehmen wird, hagelt es in den Kommentaren auf der Union-Instagram-Seite Kritik. Und zwar von wem? Von Männern, die ihren unveränderbaren und nur für Männer bestimmten Fußball in Gefahr sehen.
Aber mit einem Schlag ist Marie-Louise Eta das bekannteste Union-Mitglied der Welt. Selbst die „New York Times“ berichtet über sie und widmet ihr seit der Bekanntgabe mehrere Artikel. Am Samstag, 18. April, wird sie erstmals als Interimstrainerin beim Bundesligaspiel des 1. FC Union Berlin gegen den VfL Wolfsburg auf der Trainerbank sitzen: als erster weiblicher Chefcoach überhaupt in einer der fünf europäischen Top-Ligen der Männermannschaften. Revolution in der Alten Försterei.
Gerade als Nachfolge vom bisherigen, vor Testosteron schier übersprudelnden Cheftrainer Steffen Baumgart dürfte der Kontrast erheblich sein. Dabei war ein Perspektivwechsel vom Klub erwünscht. Denn der defensive Konterfußball-Spielstil von Baumgart hat nicht gereicht, um seinen Job zu sichern. Nach einer 1:3-Niederlage gegen Tabellen-Schlusslicht Heidenheim kam die Entlassung dennoch überraschend. Denn der Klub ist Tabellen-Elfter und damit nicht akut abstiegsgefährdet. Die Blamage vom letzten Spieltag hat dem Vorstand der Eisernen dennoch gereicht. Jetzt übernimmt übergangsweise, bis Saisonende, Marie-Louise Eta.
Wer ist Marie-Louise Eta?
Die 34-jährige Ex-Spielerin startete ihre Karriere bei Turbine Potsdam und spielte elf Jahre lang in der deutschen Frauen-Bundesliga. Außerdem kam sie auf zahlreiche Einsätze für die DFB-Nachwuchsteams und gewann 2010 mit der U20-Auswahl den Weltmeisterinnentitel im eigenen Land. Als Trainerin ist die gebürtige Dresdnerin seit 2018 aktiv.
2023 schrieb sie schon einmal Geschichte, als sie, gleichfalls interimsweise, als Co-Trainerin der 1. Herren von Union Berlin fungierte. Eigentlich war sie zu der Zeit bei der Köpenicker U19 tätig. Bei den vielen Trainerwechseln, die es in den letzten Jahren an der Alten Försterei gab, wurde sie immer wieder übergangsweise als Co-Trainerin berufen. So auch in der ersten Champions-League-Saison von Union 2023/24. Auch dort war eine weibliche Co-Trainerin ein Novum.

In den ersten Pressekonferenzen nach der Bekanntgabe ging es wenig überraschend hauptsächlich um ihr Geschlecht. „Schön, wenn es nur noch um Fußball geht“, wünschte sie sich als Reaktion auf die vielen Hasskommentare, die die Union-Accounts fluteten. Was gerade bei den einigen Union-Fans überraschend ist. Denn Union Berlin ist bei der Förderung von Frauen im Fußball in den letzten Jahren herausragend. Seit diesem Jahr hat das Mädchen-Nachwuchsprogramm des Klubs den offiziellen „DFB-Leistungszentrum“-Titel – die höchste Auszeichnung im Junior:innenbereich. Ihre 1. Frauen sind rasant bis in die Bundesliga aufgestiegen, nicht zuletzt, weil der Verein viel in Strukturen und Personal investiert hat.
Eine fantastische Trainerin wird auf ihr Geschlecht reduziert
Woher kommt eigentlich der ganze Hass? Dass Fußball für misogyne Männer etwas ist, das nur ihnen zusteht, ist klar. Doch gerade bei Union, die so viel für den Frauenfußball tun und Eta bereits vermehrt im Männerbereich eingesetzt haben, dürfte und sollte es kein großer Schock sein. Diesen historischen Schritt hätte man zwar eher bei einem linksorientierten Klub wie dem FC St. Pauli oder SC Freiburg erwartet – zur Köpenicker Linie passt es trotzdem. Natürlich sind nicht alle Fans so, der Großteil der Kommentierenden freut sich über die Entscheidung. Hass ist leider meist lauter und gerade deswegen in den Köpfen und der Presse so präsent.
Jetzt ist es Samstag so weit und Marie-Louise Eta wird sich nicht nur vor dem Verein und der Liga, sondern auch vor einem weltweiten, kritischen Publikum beweisen müssen. Und zwar nicht nur rein sportlich. Sie steht da nicht nur als Coach, sondern als Frau, was völlig absurd, aber nun mal Realität ist. Wenn sie gewinnen sollten, wird das erneut weltweit für Aufmerksamkeit sorgen. Sollten sie allerdings gerade gegen den Tabellenvorletzten verlieren, könnten ihr und Union Berlin misogyne „Wir haben es euch ja gesagt“-Sprüche um die Ohren fliegen. Auch wenn das Mist ist, werden ihre Fähigkeiten als Trainerin an diesem Spieltag zweitrangig sein. Und diese sind fantastisch: Die Bilanz ihrer U19 aus den letzten 22 Spielen sind starke 13 Siege, vier Unentschieden und fünf Niederlagen. Eta weiß, was sie tut und ist mehr als qualifiziert diese Saison erfolgreich zu Ende zu bringen.

Gerade die „richtigen“ Männer wünschen sich doch immer, Politik aus dem Fußball rauszuhalten. Der Sport soll einfach nur Sport sein – kein Regenbogen, keine politischen Statements des DFB-Teams. Na dann: Das Geschlecht des Coachs sollte damit eigentlich egal sein. Denn ohne politisches „Dagegensein“ steht da eine sehr qualifizierte Person am Spielfeldrand. Die Hoffnung, dass sie gewinnen, ist trotzdem groß. Gerade auch, weil Wolfsburg dem Abstieg sehr nahe ist und daher einen „leichteren“ Gegner darstellt. Zu diesem Zeitpunkt hätte man sich vielleicht eher die Bayern gewünscht, da wäre die Fallhöhe nicht so hoch.
Jetzt ist die internationale Aufmerksamkeit jedenfalls erst mal groß. Bei ihrer ersten Pressekonferenz als Cheftrainerin fanden sich auch Journalisten aus Frankreich und Österreich ein. Auch die „New York Times“ hob hervor, dass Eta die erste Cheftrainerin eines Klubs in den Top-5- Ligen Europas ist, und berichtete, dass sie nur bis Ende der Saison das Team übernehmen werde. Das hat keine qualitativen Gründe, sondern liegt an ihrer neuen Stelle als Cheftrainerin der Unioner Frauen ab Sommer. Dass eine der international erfolgreichsten Zeitungen darüber berichtet, zeigt wie entscheidend dieser Schritt und die nächsten Wochen sein werden. Ein sonst eher mittelmäßiges Spiel wird auf der ganz großen Bühne stattfinden, und die Welt wird hinschauen.
Zeig es ihnen, Marie-Louise!