70 Minuten in der Mokka-Milch-Eisbar mit Jackie A.: Ostfrauen-Deep-Talk

Samstag, 2. August 1985: Bin schon wieder abgehauen aus meinem Kaff nach Berlin. Hab’ die schwarze Spitzenbluse übergezogen und meinen BH mit Zellstoff ausgestopft. In meinem Paralleluniversum bin ich eine mystisch-verwegene Person und keine untergewichtige DDR-Teenagerin ohne Zukunftsperspektive oder anwesenden Vater, weil der sich lieber selbst in Sicherheit brachte und über die ungarische Grenze in den Westen rüber machte. Ich bin auch nicht die, die als Schulschwänzerin und Kind eines Republikflüchtlings in der Polytechnischen Oberschule gemobbt wird, sondern jene, die Abends in der „Mokke“, der Berliner Mokka-Milch-Eisbar, zu Anne Clarks „Sleeper in Metropolis“ oder Soft Cells „Torche“ in die Welt der New Romantics abtaucht, dabei komplett theatralisch aufdreht, ähnlich wie die anderen Teens auf der Tanzfläche auch: ein bisschen lächerlich, ein bisschen sweet und absolut rührend in ihrer Begeisterung.
Jahrzehnte später sitze ich in der wiedereröffneten Mokka-Milch-Eisbar, die sich jetzt selbst „Mokka*Milch“ nennt. Meine Verabredung Isa Grütering ist gekommen, und wir bestellen Eiskaffee mit zu viel Schlagsahne.
Erwachsen zu sein, fühlt sich noch besser an, als ich es mir damals hätte vorstellen können! Es stellte sich heraus, dass Erwachsene in der BRD – im direkten Vergleich zur DDR-Diktatur – offenbar alles erreichen konnten, was sie nur wollten. Genauso praktizierten es Isa und viele andere Ostfrauen, mitunter äußerst einfallsreich, seit ihrer Ankunft im Westen.
Typisch ostdeutsch: Ohne Smalltalk in den Deep-Dive-Modus
Isa zum Beispiel hat Sachbücher veröffentlicht und eine Gesetzesänderung zum Frauenschutz nach Fehlgeburten mit Verbündeten durchgeboxt, aber heute treffen wir uns wegen ihres aktuellen Projekts, dem „Ostfrauen*Salon“. So heißt ihr Netzwerk, bei dem sich Frauen mit Ostgeschichte überall in Deutschland austauschen. Begonnen hatte alles vor Jahren in Isas Wohnzimmer. Ich erinnere mich noch an ihre ersten Gruppeneinladungen bei WhatsApp. Kaum mehr als zehn Leute waren das. Inzwischen sprießen Treffpunkte von Zwickau bis Köln aus dem Boden, und Isa schreibt ein Buch dazu.
Deshalb möchte sie mich heute interviewen. Im Gespräch geht’s sofort ans Eingemachte: Gewalt, Alkoholismus, Flucht. Isa meint, dass sie das als „typisch ostdeutsch“ erlebe: also ohne Smalltalk direkt in den Deep-Dive-Modus zu kommen. Das kann bei westlich Sozialisierten durchaus für Befremdung sorgen. Ich versuche Schlagworte und Halbsätze, die ich mir zum Thema „ostdeutsche Identität“ auf einem Zettel gekrakelt habe, zu entziffern: „Fernweh, Frust, Improvisation“. Weiter: „Großmütter, die ihren Enkeln Sackhosen aus den ,Formel-Eins‘-Musikvideos nachschneiderten, eingerissene Mundwinkel wegen chronischem Vitaminmangel, der Boyfriend und Robert-Smith-Fan, der am S-Bahnhof Hohenschöhnhausen zusammengeschlagen wurde, bis das Blut vom Lippenstift nicht mehr zu unterscheiden war, auch Feinstrumpfhosen aus dem Westen, die repariert und geflickt wurden, bis sie auseinanderfielen.“ Und die Schuhe von Mike, die er genau hier auf der Tanzfläche trug! Er hatte bei einem 08/15-Schuhpaar die Sohlen abgelöst, sie neu zugeschnitten und verklebt, bis sie diese new-wavige Spitze hatten. Mike, das unentdeckte Upcyling-Genie!
Inzwischen gibt es wieder Tanzabende in der Mokka-Milch-Eisbar, der Sommer ist der heißeste der Geschichte und ich bin wieder abgehauen aus einem Dorf – zurück nach Berlin.
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Jackies Schnell-Check
Geruch Vanilleeis & Schlagsahne
Vibe futuristisch-ostalgisch
Sound „Mokka-Milch-Eisbar“ – Thomas Natschinski (1969)
Accessoires Polka-Dots & Mehrweg-Strohhalm, bunte Streusel
Do geduldig am Eingang auf Platzzuweisung warten
Don’t wütende Stuhlkämpfe
Entdeckt die Stadt: In dieser Rubrik findet ihr Ausflüge, in Berlin und darüber hinaus. Blick zurück: Schaut in unserer Rubrik für Geschichte vorbei. Immer auf dem Laufenden bleiben: Zur tipBerlin-Newsletter-Anmeldung geht’s hier.