MuseumsMeileMitte: Ein neues Museumsquartier entsteht

In nur zehn Minuten läuft man vom Naturkundemuseum über den Hamburger Bahnhof und das Medizinhistorische Museum der Charité bis zum Futurium. Jetzt schließen sich die vier hochkarätigen Häuser programmatisch zusammen – was diesem ebenso zentralen wie unwirtlichen Berliner Quartier eine Entwicklungsperspektive gibt. Es könnte endlich lebendig werden. Öffentlicher Auftakt der MuseumsMeile Mitte ist am 13. Juni mit einem Tag der Offenen Tür und einem Nachbarschaftsfest.
Doch was verbindet die vier Museen? Wir habe vorab mit Mathilda Legemah, Strategieentwicklung Hamburger Bahnhof, Stefan Brandt, Direktor Futurium, Monika Ankele, Direktorin Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité, und Johannes Vogel, Generaldirektor Museum für Naturkunde Berlin, über Gemeinsamkeiten, Publikumsnähe und die Rolle der Museen in der heutigen Zeit gesprochen
Vier vielbeschäftigte Museumsmenschen zusammen an einen Tisch zu bekommen, ist nicht einfach. Herzlichen Dank, dass es geklappt hat. Sie haben gemeinsam die MuseumsMeileMitte geplant, deshalb erst einmal eine Frage, die nicht Ihren eigenen Institutionen gilt. Welche Exponate begeistern Sie denn in den anderen Häusern besonders?
Stefan Brandt Ich fange mal mit deinem Haus an, Johannes. Eure Nass-Sammlung ist wissenschaftlich super spannend, auch optisch. Da sieht man, dass Wissenschaft auch eine eigene Ästhetik hat.
Monika Ankele Die Nass-Sammlung ist auch mein Lieblingsexponat im Naturkundemuseum, bei mir ist der Anknüpfungspunkt allerdings unsere eigene große Präparate-Sammlung. Die hohe Kunst der Konservierungs- und Präparationstechnik dort zu sehen, ist einzigartig und eben auch ein ästhetisches Erlebnis.
Mathilda Legemah Ganz begeistert bin ich von der Hörsaalruine und von den Spuren des Zweiten Weltkriegs im Medizinhistorischen Museum. Da ist Geschichte ablesbar. Im Naturkundemuseum ist es auf jeden Fall der Garten, unglaublich, wie mit der KI ein so schöner Naturraum direkt an so einer befahrenen Straße geschaffen wurde. Und im Futurium ist es sicherlich die „Neo-Natur“, die zeigt, wie man die Technik nutzt, wenn man sich von der Natur inspirieren lässt.
Johannes Vogel Was mich an allen vier Museen begeistert ist, dass wir auf ganz unterschiedliche Weise unsere Besuchenden einladen, grundsätzliche Themen für sich zu entdecken. Im Medizinhistorischen Museum ist es die Gesundheit, die uns alle auch persönlich betrifft. Im Futurium die Frage, wie wir uns einer komplizierten Zukunft stellen wollen. Hier im Hamburger Bahnhof, mit welchen kreativen Instrumenten wir uns der Gestaltung der Zukunft und der Gegenwart widmen können. Und bei uns im Naturkundemuseum, was die Natur im Bezug auf die Herausforderungen offeriert, die sich der Gesellschaft jetzt und in der Zukunft stellen.
Was war denn das Initial für diesen Zusammenschluss?
Mathilda Legemah Als im November 2022 der Hamburger Bahnhof und die Rieckhallen durch das Land Berlin und den Bund erworben wurden, gab es zum ersten Mal für uns eine verlässliche Entwicklungsperspektive. Wir konnten endlich überlegen, wie wir die Nachbarschaft und die Umgebung grundsätzlich gemeinsam neu denken können. Und Nachbarschaft und Stadtentwicklung ist etwas, was nur in Kooperation möglich ist.

Die vier Museen liegen nah beieinander, aber die Themen sind doch sehr unterschiedlich. Wo sind da die Gemeinsamkeiten?
Johannes Vogel Was uns alle verbindet, ist die Sorge um die Stadt, die Sorge um die Menschen, die Sorgen um die Demokratie, um die Wissensgesellschaft, die ja gestaltet und gelebt werden muss. Da stehen wir alle in der Verantwortung. Wir haben unterschiedliche Ansätze gewählt, um mit den Menschen in einen Dialog zu kommen. Aber auch wenn es an der Außenfassade und den Ausstellungen nicht unbedingt sichtbar ist, würde ich behaupten, dass wir eine sehr ähnliche Haltung zu diesen verschiedenen Herausforderungen in uns tragen und es dadurch sehr viel Raum für Gemeinsames gibt. Ich bin Naturwissenschaftler, das heißt, ich denke in Fragen. Und Kunst, oder Naturkunde oder Zukunft sind grundsätzlich keine Fragen, sondern einfach nur Schubladen. Und dass die Menschen gerne in Typologien denken, darüber müssen wir hinwegkommen, weil wir mit Schubladendenken die Probleme der Zukunft nicht lösen können.
Welche Zukunftsprobleme wollen Sie jetzt gemeinsam angehen?
Monika Ankele Alle Häuser beschäftigen sich in einer übergeordneten Klammer mit existenziellen Fragen nach dem Leben und dem Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft. Wie denken wir über uns im Rückblick? Wie entwerfen wir uns in die Zukunft? Welche unterschiedlichen Modelle gab es oder werden aktuell entwickelt? Und da finde ich diesen interdisziplinären Zusammenschluss so spannend, weil wir sowohl aus der Wissenschaft auf diese Fragen schauen, als auch aus der Kunst. Und sowohl die Kunst als auch die Wissenschaft uns zeigen, wie vielfältig, kreativ und fantasievoll solche Zugänge sein können.
Stefan Brandt Wir haben ja im Futurium die Leitfrage: Wie wollen wir leben? Sie ist auch bei euch zentral, auch wenn ihr durch unterschiedliche Filter wie Kunst und Naturwissenschaft schaut. Solche Museums-Zusammenschlüsse gibt es ja schon, zum Beispiel die Berliner Museumsinsel oder das Museumsquartier Wien, dort sind viele Kunstmuseen an einem Ort. Hier in unserem Verbund ist die Stärke, dass wir ganz unterschiedliche Blickwinkel auf die große Frage werfen, wie wir eigentlich leben und zusammenleben wollen.
Wie wollen Sie diese große Frage ans Publikum herantragen?
Mathilda Legemah Zeitgemäß ist, dass Museen nicht von der Struktur ihres Hauses aus denken, sondern vom Publikum her. Wir beginnen mit einem Tag der offenen Tür am 13. Juni. Bei freiem Eintritt. An dem Tag geht es darum, die Häuser zu öffnen, so dass ein fluider Raum zwischen innen und außen entsteht. Wir wollen einen Zusammenhang für den öffentlichen Raum finden. Das ist der Beginn. Die MuseumsmeileMitte soll dann in einem offenen Prozess in den nächsten Jahren wachsen.
Was für Besucherzahlen haben Sie aktuell?
Mathilda Legemah Wir haben gemeinsam 2 Millionen Besuchende im Jahr. Wir haben 300.000 Passantinnen täglich am Hauptbahnhof. Es ist bereits ein vibrierender Ort.
Wie würden Sie die Nachbarschaft hier beschreiben?
Johannes Vogel Dieser gesamte Ort ist eigentlich durch nichts Gemeinsames geprägt.
Stefan Brandt Es ist sehr viel hier, aber noch total unverbunden. Es gibt unsere vier Häuser, die wirklich ein ganz starkes Zentrum bilden, wenn man sie zusammendenkt. Aber der Raum zerfällt durch Verkehrsachsen und unterschiedliche Bebauungen. Dieses Füllen mit Inhalten, mit Fragen, auch mit Verbindungen durch diesen Stadtraum wie zum Beispiel Spaziergänge, das ist genau das, was diesem Viertel bisher gefehlt hat.
Monika Ankele Aktuell fährt man ins Naturkundemuseum und wieder zurück. Aber wenn hier eine Museumsmeile entsteht, wird klar, dass man die Nachbarschaft viel besser nutzen kann. Man trinkt einen Kaffee, setzt sich ans Ufer, geht vielleicht ins nächste Museum
Welche sind die Zielgruppen?
Johannes Vogel Erst einmal schaffen wir ein viel besseres Angebot für die Menschen, die uns sowieso schon besuchen.
Stefan Brandt Es gibt hier einen Mix an potenziellen Zielgruppen. Das sind die Reisenden, die Touristen, aber auch viele Menschen, die hier arbeiten. Hier sind Firmenzentralen und Ministerien. Wir arbeiten daran, dass sich diese Nachbarschaft künftig regelmäßig in einem der Museen trifft und dort ein Angebot findet, das sich um Kultur, um Wissen, um Kunst dreht. Nicht um Entertainment oder Kommerz, wobei wir durchaus auch unterhalten wollen.
Monika Ankele Es gab, rückblickend, ja schon einzelne kleine Initiativen der Kooperation, zum Beispiel im letzten Jahr eine Führung gemeinsam mit dem Futurium und unserem Museum zur Geschichte und Zukunft der Medizin. Auch mit dem Hamburger Bahnhof gab es im Rahmen der Einzelausstellung von Annika Kahrs in der Hörsaalruine eine Performance. So vermischt sich das Publikum und man merkt einfach, dass die Orte sich dadurch verändern.
MuseumsMeileMitte: Diese Häuser schließen sich zusammen
Was passiert denn am 13. Juni?
Mathilda Legemah Am 13. Juni gibt es eine große Eröffnung im Medizinhistorischen Museum. Das wird der Startpunkt sein. Dann gibt es Einblicke hinter die Kulissen ins Stadtquartier. Es gibt eine Spazierführung, die geht wirklich von Haus zu Haus, und verbindet uns alle miteinander. Am Insekten-Bingo würde ich am liebsten selber teilnehmen. Und ein großartiges Konzert als Abschluss im Futurium. Man kann die Institutionen auf eine sehr niederschwellige Art kennenlernen, und genau das macht dann vielleicht längerfristig Lust auf mehr.
Stefan Brandt Da kommt hoffentlich so eine schöne Leichtigkeit rein. Man muss nicht immer schon alles vorab evaluieren. Prozesscharakter bedeutet eben auch einfach mal machen und dann schauen, was dabei rauskommt. Symbol dafür ist dieses Fest.
Mathilda Legemah Ich denke, es ist gut, wenn wir immer diesen Fokus auf Zukunft, Kunst und Wissen legen. Dieser interdisziplinäre Dreiklang ist das, was uns eint, worunter wir uns programmatisch zusammenfinden.
Es gibt ja, wie schon erwähnt, Museumsquartiere, in Berlin zum Beispiel die Museumsinsel und das Kulturforum. Haben Sie analysiert, wie die zusammen besser vorankommen als allein?
Stefan Brandt Man kann sich ja einmal die anderen anschauen, um dann die Unterscheidung zu sehen. Ich glaube, eine Unterscheidung ist eben die thematische Vielfalt, die keines dieser anderen Quartiere hat. Und wir sind nicht eng an einem Ort, wir haben einen gewissen Weg dazwischen, den wir unter anderem mit Führungen durchs Stadtgebiet nutzen wollen. Hier ist ehemaliges Ost-West-Grenzgebiet und auch sonst historisch sehr viel passiert in den letzten 100 Jahren.
Mathilda Legemah Wir sind historisch nicht miteinander zusammengewachsen. Der größte Unterschied zu anderen Museumsverbünden ist unser Interesse für das Stadtquartier, für die Zwischenräume. Das soll ein Quartier des Experimentierens werden.
Monika Ankele Die MuseumsMeile ist viel niederschwelliger als zum Beispiel die Museumsinsel. Was wir hier auf die Beine stellen und voranbringen, ist leichter zugänglich, dynamischer, vielleicht auch moderner, zeitgenössischer, jünger.
Johannes Vogel Wir sind öffentliche Häuser. Und unsere Aufgabe ist nicht, zu belehren. In der demokratischen Wissensgesellschaft ist unsere Verantwortung, Menschen mehr Perspektiven zu eröffnen und Urteilsfähigkeit über Zukunftsfragen zu ermöglichen. Dafür stehen wir.
Also das Museum soll nicht eine Bildungsanstalt zu sein, sondern ein Ort, der das Denken schult?
Johannes Vogel Druck funktioniert doch nicht. Das fängt schon bei den eigenen Kindern an. Wenn man sie nicht dazu kriegt, sich für etwas zu interessieren, wird man Wissen nicht mit einem Trichter oben in sie reinstopfen können. Der Mensch ist ein neugieriges Wesen, darauf sollten wir vertrauen und das sollten wir fördern – ja Denken und das Wissen, ich kann Abläufe verändern.
Mathilda Legemah Themen wie Stadtentwicklung und Nachbarschaft kann man nur in Kooperation angehen. Nicht als ein Museum allein. Und auch vier Museen können das nicht allein machen. Gerade beim Thema Nachbarschaft müssen viele in Kooperation zusammenkommen, damit es überhaupt für die Zukunft erfolgreich sein kann.
Was können Ihre Häuser denn voneinander lernen?
Stefan Brandt Ich habe vorhin ja mit Naturkunde angefangen, deshalb blicke ich jetzt mal auf den Hamburger Bahnhof. Ich finde es super, wie ihr auch neue Ausschnitte der Stadtgesellschaft reinholt. Ihr habt ein junges Publikum, ihr verbindet Kunst eben auch mit dieser Art von Leichtigkeit, da kommen Zehntausende dann im Juni zu diesen Festen mit Musik. Das ist schon eine starke Leistung.
Monika Ankele Ihr habt hier im Hamburger Bahnhof mit neuer Leitung und neuem Team wirklich eine starke Außenwirkung erreicht. Ich beneide das Naturkundemuseum um die Forschungsmöglichkeiten und das Futurium um den freien Eintritt.
Johannes Vogel Das Museum feiern, das macht hier keiner besser als der Hamburger Bahnhof. Da können wir uns alle was von abgucken. Ihr habt natürlich auch dieses zurückgesetzte Haus mit den beiden Flügeln, ein besseres Theater kann man sich ja fast nicht vorstellen. Aber man muss ja auch die Fantasie haben, den Raum zu nutzen. Eure Dialogformate, wie ihr es angeht, dass die Menschen sich mit schwierigen Fragen auseinandersetzen, das ist toll. Und beim Medizinhistorischen Museum ist für mich ein Raum von Möglichkeiten. Ihr habt wirklich Weltspitzenforschung in der Charité hinter euch und könntet eigentlich noch viel mehr als Bindeglied zwischen Gesundheit, Gesellschaft und Spitzenforschung agieren.
Stefan Brandt Lebensnähe ist ein Schlüssel, um die Menschen zu erreichen. Wir haben im Futurium auch einen Medizinteil, der ist sehr populär. Wir sprechen aber mehr über Gentechnologie. Da stellen sich viele ethische Fragen, die wir um KI-Themen ergänzen werden.
Mathilda Legemah Was wir uns von den anderen Institutionen auf jeden Fall abschauen können, ist, wie sie Forschung sichtbar machen. Das Thema Stadtquartier und Nachbarschaft ist uns so wichtig, weil wir als Museum nicht wie ein Monolith dastehen und unser Programm durchziehen,, sondern im Dialog arbeiten wollen.
Johannes Vogel Meine Hypothese ist, dass zwischen 2015 und heute sich die Besuchendenzahlen für uns vier hier vervierfacht haben. Das Futurium ist neu gebaut worden, aber nichtsdestotrotz, wir haben alle eine dynamische Entwicklung hinter uns.
Mathilda Legemah Bei über zwei Millionen Besuchenden sieht man, es gibt ein unglaublich hohes Interesse an Kultur. Und wir merken gerade, dass in Krisensituationen die Resonanz in unseren Kunst- und Wissenschaftsorten immer größer wird, weil die Leute verlässliche Orte und Orientierung suchen.
Stefan Brandt Und Orte, an denen sie überhaupt mal ihre Fragen loswerden können. Das gilt jedenfalls fürs Futurium. Wir haben nur sechs Monate vor Corona eröffnet, mussten dann für acht Monate komplett schließen, und trotzdem sind die Leute, als es wieder möglich war, verstärkt zu uns gekommen, weil sie von uns Antworten erhofften auf das, was sie bewegte. Das waren weniger Fragen nach der Pandemie selber als nach Folgeeffekten. Aktuell geht es bei den Besuchenden oft darum, wie fragil unsere Gesellschaft ist, wie abhängig von Lieferketten zum Beispiel. Diese intrinsische Motivation, das zeigen auch die Besuchsbefragungen, ist bei unserem Publikum sehr hoch.
Thema Orientierung und Verlässlichkeit. Es kursieren im Internet und auf Social Media wahnsinnig viel Halbwissen und Falschmeldungen. Wie können Museen darauf reagieren?
Johannes Vogel Gefühle sind keine Fakten! Um die Zukunft zu gestalten, müssen wir uns auf die Wissenschaft und ihren strukturierten Erkenntnisprozess verlassen – und das Prozesshafte von Wissenschaft mit der Gesellschaft gemeinsam erleben, zum Beispiel durch Bürgerwissenschaftsprojekte. So schaffen wir eine resiliente Wissensgesellschaft.
Stefan Brandt Wir dürfen so etwas wie einen Unfehlbarkeitsanspruch gar nicht erst aufkommen lassen. Es ist wichtig, dass Menschen nicht an die Wissenschaft herantreten mit der Erwartung, dass diese alle Fragen sofort löst und eine wissenschaftliche Aussage für immer gültig ist. Diese Falsifizierungsfähigkeit müssen wir transportieren, damit die Menschen diese Dynamik akzeptieren.
Mathilda Legemah Es ist wichtig zu lernen, es auszuhalten, dass es oft keine eindeutigen Antworten gibt. Das ist ein Thema, das wir in den Gesprächen vor allem mit den jungen Besucher:innen immer wieder haben. Da ist es entscheidend, in den Dialog zu gehen. Die Ausstellung spricht für sich, aber der Dialog ist durch nichts zu ersetzen. Wir laden auch immer wieder Experten und Expertinnen aus der Forschung der Charité ein, um diese Gesprächssituationen herzustellen, Dialoge anzubieten und Fragen zu beantworten.
Haben Sie denn den Eindruck, es ist heute schwieriger für junge Menschen, es auszuhalten, dass es oft nicht so eindeutige Antworten gibt?
Monika Ankele Die Tendenz geht meines Erachtens dahin. Es fällt jungen Besucherinnen schwerer, Nuancen zu erkennen und zu benennen. Und der Drang nach einer eindeutigen Antwort, der Wunsch, Klarheit zu haben, ist sehr, sehr groß.
Stefan Brandt Ich stamme aus der ehemaligen DDR und kann mich noch an die Schulzeit dort erinnern. Verglichen damit sind doch die Chancen heute viel größer, über die Grenzen von Wissen zu sprechen, über Dinge, die nicht funktionieren, die man sich erst erschließen muss, über sehr unterschiedliche Perspektiven der Wahrnehmung. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass bei vielen Menschen ein Punkt erreicht ist, wo sie sich wieder mehr Orientierung wünschen. Das ist möglicherweise auch eine natürliche Gegenbewegung, mit der wir irgendwie umgehen müssen.
Johannes Vogel Auch in Westdeutschland wurden Wahrheiten verkündet, an denen wir uns abarbeiten mussten.
Geht es bei der MuseumsMeile auch um die Frage, die Rolle der Museen zu definieren in einer demokratischen Gesellschaft?
Johannes Vogel Genau das.
Monika Ankele Was sammeln wir, was stellen wir aus, welche Perspektiven machen wir sichtbar, welche Programme bieten wir an? All diese Entscheidungen tragen dazu bei, dass Museen auch die demokratischen Strukturen stärken können.
Stefan Brandt Bei Vertrauensumfragen kommt häufig heraus, dass die Museen sehr hohe Vertrauenswerte haben. Museen werden als ein Raum gesehen, in dem noch eine offene Debatte möglich ist. Das setzt uns aber durchaus auch in die Verantwortung, diese Offenheit auszuhalten und nicht unsere eigene Haltung absolut zu setzen. Sonst gibt es nämlich keine Debatten, sondern man bestätigt sich den ganzen Tag nur selbst.
Johannes Vogel Wir alle haben eine ähnliche Haltung zu diesen Themen. Deswegen ist es für uns auch nicht schwierig, einen gemeinsamen Denkraum auszuprobieren. Es ist hier keiner, der das Museum auf Ausstellen – Bewahren- Vermitteln reduziert. Ich glaube auch, dass wir alle ähnliche Publika haben und sehr, sehr stark bei jungen Erwachsenen punkten. Bei uns sind sie mit weit über 50 Prozent unsere Hauptbesuchendengruppe.
Wir haben schwierige Themen angesprochen, aber es wird trotzdem auch leicht und lustig, zumindest beim Tag der offenen Tür. Oder?
Mathilda Legemah Beides kann parallel existieren. Man kann einen schönen Tag verbringen und gleichzeitig mehr über unsere Gegenwart, unsere Zukunft und über das Stadtquartier erfahren. Leichtigkeit ist ja nur möglich, wenn es auch Schwere gibt.
MuseumsMeileMitte: Tag der offenen Tür am 13. Juni
Vier Berliner Museen laden am 13. Juni 2026 zum Tag der offenen Tür: das Naturkundemuseum, der Hamburger Bahnhof, das Medizinhistorische Museum der Charité und das Futurium. Bei freiem Entritt gibt es ein Nahcbarschaftsfest mit einem umfangreichen Veranstaltungsprogramm, das dazu einlädt, die Häuser, aber auch den Stadtraum zwischen ihnen kennenzulernen. Anlass für das Fest ist der Zusammenschluss der vier hochkarätigen Institutionen zur MuseumsMeileMitte. Tatsächlich liegen die vier Museen nur circa zehn Gehminuten voneinander entfernt, will man sie alle ablaufen. Deshalb soll es mehr programmatische Zusammenarbeit geben.
- Tag der Offenen Tür im Naturkundemuseum, Hamburger Bahnhof, Medizinhistorischen Museum der Charité und im Futurium, Sa 13.6.2026, ab 12 Uhr, Eintritt frei
Zur Website der MuseumsMeileMitte geht’s hier
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