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Neuartige Viren in Berlin: Wo uns Infektionen drohen

Bei der Langen Nacht der Wissenschaften stellt ein FU-Institut die Stadt als Risikogebiet für neue Erreger vor. Zum Beispiel das West-Nil-Virus.
Text: Maximilian Hossner
Veröffentlicht am: 28.05.2026
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Feldspitzmaus, Stechmücke, Zecke, Maus: Vorsicht, Viren-Überträger. Fotos: Adobe Stock / Michal Ninger, CreativeNest, Risto Hunt, Rudmer Zwerver; Collage: tipBerlin  

Steigende Temperaturen und Globalisierung schaffen Bedingungen, unter denen sich exotische und neuartige Viren bei uns immer wohler fühlen. Bei der Langen Nacht der Wissenschaften stellt das Institut für Tierpathologie der Freien Universität Berlin die Stadt als Risikogebiet vor. Wie wahrscheinlich ist eine Infektion für Mensch und Tier? Und wie gefährlich sind diese Erreger? Hier sind vier Viren, mit denen wir es in Berlin und Umgebung zu tun kriegen könnten.

Zwischen Gärten und Scheunen: Das Bornavirus

Das Bornavirus verdankt seinen Namen der sächsischen Stadt Borna, in der im 19. Jahrhundert Kavalleriepferde an Gehirnentzündungen erkrankten. Der natürliche Wirt des Bornavirus ist die Feldspitzmaus, die aber von einem Krankheitsverlauf verschont bleibt. Sie scheidet den Virus über Kot, Urin und Speichel aus. Weil der Nager einen gewissen Lokalpatriotismus besitzt – Spitzmauspopulationen verschiedener Regionen mischen sich kaum – kommt das Virus ebenfalls nur in bestimmten Gebieten vor. Dazu zählt neben Teilen Süd- und Mitteldeutschlands auch der Nordwesten von Brandenburg.

Während das Bornavirus seit Jahrzehnten in der Tiermedizin bekannt ist, stellt die Gefährdung des Menschen eine neue Entwicklung dar. Im Zusammenhang mit dem Bornavirus dokumentierte Todesfälle gibt es erst seit einigen Jahren, seit 2018 gilt die Gefährdung des Menschen als wissenschaftlich gesichert. Das Robert-Koch-Institut hat den Westen Brandenburgs als Endemiegebiet ausgewiesen – also als Region, wo das Virus dauerhaft vorkommen könnte. Dass das Bornavirus für den homo sapiens eine neue Bedrohung darstellt, könnte auch daran liegen, dass der Mensch auf dem Land häufiger mit der Feldspitzmaus in Kontakt tritt. In Gärten und alten Scheunen können Menschen mit kontaminierten Flächen in Berührung kommen, auf denen sich Speichel oder Urin befindet. Dennoch besteht nur wenig Grund zur Sorge: Von einem Blitz getroffen zu werden, ist deutlich wahrscheinlicher.

Sein Überträger liebt das Abwasser: Das West-Nil-Virus

Wenn ein Erreger, der den Namen „West-Nil-Virus“ trägt, plötzlich an der Spree gefunden wird, verdeutlicht das, wie sehr die Welt im Zuge der Globalisierung zusammengerückt ist. Das West-Nil-Virus wurde in den 1930er-Jahren in Uganda entdeckt. Zugvögel und Stechmücken, die zu den Überträgern gehören, brachten es in den letzten Jahrzehnten auf die Nordhalbkugel. 2018 wies das Friedrich-Löffler-Institut (FLI), das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, den Erreger hierzulande das erste Mal in Halle an der Saale bei einem Vogel nach. Für Aufsehen sorgte 2021 und 2022 der Fund von gewöhnlichen Hausmücken in einer Kleingartenkolonie im Bezirk Tempelhof-Schöneberg, die das West-Nil-Virus in sich trugen – ein klares Indiz für die Verbreitung. In den Folgejahren breitete sich das Virus vor allem im Norden und Osten Deutschlands aus.

„Die Virusvermehrung in der Mücke wird vermutlich durch langanhaltende hohe Temperaturen begünstigt“, sagt Lars Mundhenk, Tierpathologe an der Freien Universität Berlin. Die Hauptstadt gilt mit einer Fallzahl von 18 infizierten Vögeln im Jahr 2025 als Hochburg. Die Viren werden dabei auch von überwinternden Mücken verbreitet. Die brütet besonders gerne in künstlichen Wasserbecken, wo das Wasser mehrere Tage steht: Gullys, Gießkannen und verstopften Regenrinnen – in einer Metropole wie Berlin gibt es viele davon.

Für das West-Nil-Virus stellen Menschen Fehlwirte dar – sie können zwar am Virus erkranken, allerdings ist die Viruskonzentration im Blut zu gering, um das Virus über eine Stechmücke weiterverbreiten zu können. In Berlin wurde erstmals 2019 eine Infektion bei einem Menschen gemeldet.

Bei etwa 20 Prozent der Infizierten zeigen sich Symptome des West-Nil-Fiebers mit Schüttelfrost, Fieber und Kopfschmerzen. Tödlich ist die Krankheit eher nicht, allerdings gefährlich für Ältere und Vorerkrankte.

Vorsicht vor Zecken im Spreewald: Das FSME-Virus

Als wäre es nicht genug, dass Zecken mit einem Biss im menschlichen Körper Borreliose auslösen können, macht sich seit einigen Jahren auch die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) verstärkt in Deutschland breit. Zwar tauchen die meisten Fälle in Baden-Württemberg und Bayern auf, laut Robert-Koch-Institut gilt aber auch der südöstliche Teil um Brandenburg, dazu gehören Landkreise wie Oberspreewald-Lausitz, als Risikogebiet.

Das FSME-Virus wird von Zecken übertragen, aber auch Wild- und Haustiere und kleine Nager können für das Virus als Wirt fungieren. Durch die steigenden Temperaturen und milden Winter sind Zecken mittlerweile im ganzen Jahr aktiv. „Dies begünstigt die Ausbreitung in andere Regionen“, sagt Mundhenk.

Früher sei die Gefahr des Erregers auf Süddeutschland beschränkt gewesen. Neben dem Klimawandel spielt auch der Umbau von Nadelwäldern zu Mischwäldern den Zecken in die Karten: Dichteres und feuchteres Unterholz begünstigt die Verbreitung der Spinnentiere.

In den vergangenen Jahren wurden bei Berliner:innen nur wenige FSME-Infektionen nachgewiesen, bekannte Fälle traten in Lichtenberg, Spandau und Treptow-Köpenick auf. Während mehr als zwei Drittel der Infizierten symptom- und beschwerdefrei bleiben, kann das FSME-Virus aber auch Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen auslösen. In seltenen Fällen entzünden sich die Hirnhaut, das Gehirn oder das Rückenmark. Im Vergleich zur Borreliose kann man sich gegen das Virus aber impfen lassen.

Das Rustrela-Virus lässt Katzen taumeln

Noch immer entdecken Tierpatholog:innen und Virolog:innen neue Erreger – erst im Jahr 2020 etwa das Rustrela-Virus bei einem Esel, einem Wasserschwein und einem Känguru im Stralsunder Zoo. Die Symptome sind allerdings schon länger bekannt – und zwar als sogenannte „Taumelkrankheit“ bei Katzen, die durch eine Gehirnentzündung ausgelöst wird. In den 1970er-Jahren bemerkten Wissenschaftlern zunächst in Schweden, dann auch in Deutschland, die ungewöhnlich schwankende Gangart bei bestimmten Katzen. Als mögliche Überträger gelten vor allem Nager, etwa die Gelbhalsmäuse, über die sich Katzen beim Jagen und Fressen infizieren können. Neben dem taumelnden Gang zählen zudem Starrezustände und Wesensveränderungen zu den Symptomen. Eine Therapie dafür existiert noch nicht, meist müssen die Tiere eingeschläfert werden.

Fälle wurden bisher überwiegend in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Berlin nachgewiesen, in der Hauptstadt mehr als im benachbarten Bundesland. Seit 2018 zählt die FU in Kooperation mit dem FLI bisher drei Fälle von infizierten Hauskatzen im Berliner Südwesten. Hier hat es sich aber um frei umherlaufende Katzen gehandelt. Tiere, die nur im Haus leben, gelten als kaum gefährdet. „Möglicherweise haben wir in Berlin bislang mehr Fälle gefunden, da wir von hier auch mehr Fälle zur Sektion (Autopsie eines Tierkadavers, Anm.d.Red.) bekommen“, sagt Mundhenk. Bei Menschen gebe es bisher keine Nachweise des Rustrela-Virus. Wie hoch das Risiko für eine Verbreitung unter Tieren ist, lässt sich derzeit nicht sagen. Dazu forscht das Institut für Tierpathologie der FU Berlin aktuell noch.

Auf der Langen Nacht der Wissenschaften werden Mundhenk und seine Mitarbeiter:innen ausführlich verschiedene Viruserkrankungen, die im Raum Berlin-Brandenburg vorkommen, anhand einer Posterpräsentation vorstellen. Dabei können Hobby-Forscher:innen auch selbst am erkrankten Tiergewebe mikroskopieren.

„Berlin-Brandenburg als Risikogebiet von Viruserkrankungen bei Menschen und Tieren“ Habelschwerdter Allee 45, Dahlem, Sa 6.6., 17–23 Uhr

Lange Nacht der Wissenschaften diverse Orte, 6.6., 17–24 Uhr, Highlights bei der Langen nacht der Wissenschaften 2026 stellen wir euch hier vor, das ganze Programm findet ihr hier


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