Wie eine psychedelische Droge gegen Depressionen hilft

Der Körper entspannt sich, Euphorie setzt ein, man fühlt sich eins mit der Welt: Wer schon mal die illegale Partydroge „Magic Mushrooms“ genommen hat, weiß, was für eine sinneserweiternde, gar mystisch anmutende Erfahrung dieser Rausch sein kann. Viele berichten von lebensverändernden Erkenntnissen durch den Trip. Von den Dancefloors kehrt der Wirkstoff nun zurück in die Medizin.
Die psychotherapeutische Tagesklinik Ovid Clinic, gelegen in einem strahlend weißen Neubau in der Boxhagener Straße, behandelt seit 2021 psychische Krankheiten – unter anderem mithilfe von psychedelischen Substanzen. Bei einem tagesklinischen Aufenthalt kommen Patient:innen in der Regel vier bis zwölf Wochen lang her und erhalten intensive psychotherapeutische und psychiatrische Behandlung.
Seit einem Jahr darf die Praxis aus Friedrichshain rund um das Team von Dr. Andrea Jungaberle und Prof. Gerhard Gründer als erste Klinik Europas Psilocybin zur Behandlung von therapieresistenten Depressionen anwenden. Mitte 2025 genehmigte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte den Wirkstoff, der in den „Magic Mushrooms“ enthalten ist, dafür. Zuvor hatte Gründer vier Jahre lang eine Studie geleitet, die diese Behandlungsmethode testete. Die Ergebnisse waren vielversprechend, weshalb nun die Klinik in Friedrichshain und das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, an dem Gründer forscht, als Pilotprojekt Psilocybin einsetzen dürfen.
Darüber hinaus bietet die Praxis eine Psychotherapie mit Ketamin zur Behandlung von Depressionen an. In Deutschland laufen derzeit auch Studien zur Testung von LSD bei psychisch kranken Menschen. Außerdem sind medizinisches Cannabis zum Beispiel zur Linderung chronischer Schmerzen und in manchen Fällen sogar Kokain in der Hals-Nasen-Ohren-Medizin und Augenheilkunde als Betäubungsmittel zugelassen.
Kein Waldspaziergang, kein Fortnite
Doch wieso ist ausgerechnet der Wirkstoff einer Partydroge bei der Behandlung von Depression effizienter als andere Antidepressiva? „Klassische Antidepressiva nimmt man täglich ein. Die ursprüngliche Annahme dabei war, dass bei depressiven Menschen ein gewisser Botenstoff im Gehirn fehlt und die Medikamente diesen ersetzen“, erklärt Andrea Jungaberle bei einem Rundgang durch die Klinik. Die Psilocybin-Therapie bestehe hingegen aus einer intensiven Intervention, die sechs bis acht Wochen umfasse – mit täglicher Psychotherapie.
Der „Trip“ selbst inklusive Vor- und Nachbereitung dauere zwischen sechs und acht Stunden. „Eine Hochdosisbehandlung mit Psilocybin ist kein Waldspaziergang“, erklärt Jungaberle. „Das ist richtig anspruchsvoll für die Patienten. Die erleben starke innere Prozesse. Die haben zum Teil fast mystische Erfahrungen, wo sie mit kosmischen, göttlichen oder dämonischen Wesen in Kontakt kommen können.“
Die Behandlung selbst umfasse allerdings deutlich mehr als „nur“ die Einnahme der Psilocybin-Kapsel. Entscheidend sei die Phase nach der Verabreichung. Die neuroplastische Ebene des Gehirns, die bei Depressiven stark eingeschränkt ist und stagniert, beeinflusst die Anpassungs- und Lernfähigkeit des Gehirns. Psilocybin öffnet diese Ebene wieder, wodurch Patient:innen aus Gedankenspiralen, in denen sie möglicherweise seit Jahren gefangen sind, entfliehen und anschließend in einer Therapie neue Perspektiven sammeln können.
Kostenpunkt der Psilocybin-Therapie: 3.000 Euro – pro Woche
Im April diesen Jahres, ein knappes Jahr nach der Genehmigung, unterzog sich der erste Patient der Behandlung. Grund für die Verzögerung waren Schwierigkeiten beim Import der Substanz. Seitdem wurden erst wenige Menschen behandelt. Denn der Aufwand der Behandlung ist immens. Mehrere Screening-Gespräche, medizinische Untersuchungen und Anträge bei der privaten Krankenkasse entscheiden, ob sich eine Person für diese Form der Therapie überhaupt eignet. Das hängt etwa von der Erkrankungsdauer ab, ob und wie lange sie bereits in Behandlung ist, welche Antidepressiva schon ausprobiert wurden. So soll gewährleistet werden, dass während des „Rauschs“ nichts schief geht.
In Vorbereitungsgesprächen geht es insbesondere darum, was sich die Patient:innen von der Einnahme erhoffen. „Also wenn jemand sagt: ,Ich muss meiner toten Oma begegnen und die muss mir sagen, dass alles in Ordnung ist‘, wird das nicht funktionieren“, erklärt Jungaberle. „Eine gute Intention wäre, herausfinden zu wollen, was einem wirklich wichtig ist, um das eigene Leben besser gestalten zu können.“
„Bei der Hochdosisbehandlung mit Psilocybin erleben Patienten zum Teil fast mystische Erfahrungen, wo sie mit kosmischen, göttlichen oder dämonischen Wesen in Kontakt kommen können.“
Dr. Andrea Jungaberle
Nach circa 30 Minuten setzt die Wirkung dann ein. Die Patient:innen liegen, tragen eine Augenmaske, Kopfhörer und hören eine vorgefertigte Playlist, die den „Trip“ begleitet und angepasst an die Phase der Substanz lauter, leiser oder emotionaler wird. Währenddessen ist nur für Wesentliches Kommunikation erwünscht. Die Erfahrung macht man in therapeutischer Begleitung, aber weitestgehend für sich. Es folgen Nachbesprechungen und die verschiedenen Therapieformen.

Gesetzliche Kassenpatient:innen können derzeit an der Ovid Klinik als private Einrichtung nur als Selbstzahler:innen die Therapie abschließen. Kosten belaufen sich auf rund 3.000 Euro die Woche. Für Privatversicherte ist die Behandlung in der Regel ohne Zusatzkosten. Durch den Aufwand und die hohen Kosten ist die Gefahr, dass Menschen die Behandlung für den Rausch missbrauchen könnten, sehr gering. Immerhin kostet die Droge auf dem illegalen Wege im Schnitt zwischen zehn bis 15 Euro pro Gramm.
2021 hatten wir schon einmal mit Dr. Jungaberle gesprochen. Damals ging es um die Verwendung von Ketamin als Therapieform. Wir fragten die Ärztin damals nach Perspektiven vom Drogeneinsatz im klinischen Bereich. Damals antwortete sie: „Die Wahrscheinlichkeit, dass in vier, fünf Jahren Psilocybin als Therapeutikum zugelassen wird, ist sehr hoch.“
Damit lag sie auf das Jahr genau richtig.
Wie fällt die Prognose der Ärztin aus, wo wir in fünf Jahren stehen? „Dass wir in fünf Jahren die Zulassung für diese Therapie haben und die auch von der GKV unterstützt wird“, antwortet Andrea Jungaberle.