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Queere Wege vor der Wende

Homosexuelle Handlungen wurden in der DDR früher ­entkriminalisiert als in Westdeutschland. Trotzdem blieben gesellschaftliche Tabus Alltag. Vor allem die Geschichten von Lesben und trans Personen rücken erst seit ­wenigen Jahren stärker in den Blick der historischen Forschung
Text: Marit Blossey
Veröffentlicht am: 25.03.2026
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Politik und Partys: Aus den Zusammenhängen schwuler, lesbischer und trans Aktivist:innen in Ostberlin entstand in den 1980er Jahren der Sonntags-Club, der bis heute existiert. © Sonntags Club

Text: Marit Blossey und Daria Rabes

„Alles, was mit Trans zu tun hatte, war negativ behaftet“, erinnert sich Nadja Schallenberg an die späten 1980er-Jahre in der DDR. „Entweder wurde es lächerlich gemacht oder als Abnormität dargestellt.“ Trotzdem begann die Ost-Berlinerin zu dieser Zeit, ihre Geschlechtsidentität offen zu leben. 

Beim Gespräch in ihrer Wohnung in Prenzlauer Berg berichtet sie von einer Szene, die ihr bis heute besonders im Gedächtnis geblieben ist: Sie lieh sich bei ihrer damaligen Freundin Frauenkleider aus, trat aus der Wohnungstür, gab sich einen Ruck. Dann zog sie die Tür hinter sich zu. „Ich hatte keinen Schlüssel“, erzählt Schallenberg lachend. „Also musste ich raus. Dann bin ich eben so in die Straßenbahn gestiegen und nach Hause gefahren.“

Nadja Schallenberg hatte Glück: Niemand habe sie beschimpft oder angepöbelt. Die Reaktionen auf ihr Coming-Out und ihr erstes Crossdressing fielen überraschend unspektakulär, sogar positiv aus. Gleichzeitig habe sie gemerkt: „Es gibt niemanden, mit dem du reden kannst.“ 

So gründete die heute 57-Jährige im Jahr 1990 die erste Interessengemeinschaft für Transvestiten und Transsexuelle der DDR – kurz bevor der Staat selbst Geschichte wurde. Begriffe wie „queer“ oder „trans“ in ihrer heutigen Bedeutung waren damals kaum gebräuchlich; stattdessen verwendeten viele Menschen Bezeichnungen wie „Transvestit“ oder „Transsexueller“, um ihre Identität zu beschreiben.

Wer in der DDR nach Informationen über Transgeschlechtlichkeit suchte, fand kaum etwas. Zwar regelte der Staat bereits 1976 mit einer internen „Verfügung zur Geschlechtsumwandlung von Transsexualisten“ erstmals offiziell den medizinischen und rechtlichen Umgang mit Geschlechtsangleichungen. Wer seinen Geschlechtseintrag ändern wollte, musste nun ein medizinisches Begutachtungsverfahren durchlaufen und schließlich eine Operation nachweisen, bevor eine Personenstandsänderung möglich wurde. Im internationalen Vergleich war das relativ fortschrittlich – einige Jahre vor dem westdeutschen „Transsexuellengesetz“ von 1980. Doch die Regelung blieb unveröffentlicht und war nur Fachleuten bekannt. Für die meisten Betroffenen gab es deshalb kaum Möglichkeiten, sich über medizinische oder rechtliche Schritte zu informieren.

Tabu trotz Entkriminalisierung

Der Blick zurück auf queeres Leben in der DDR zeigt insgesamt ein durchaus widersprüchliches Bild. Was die Rechte für Homosexuelle betrifft, war die DDR in mancher Hinsicht fortschrittlicher als die Bundesrepublik: Bereits Ende der 1950er-Jahre stellte sie die Strafverfolgung homosexueller Handlungen zwischen Erwachsenen weitgehend ein. Mit dem neuen Strafgesetzbuch von 1968 verschwand der § 175 aus dem DDR-Recht; stattdessen trat der Sonderparagraph 151 in Kraft, der für homosexuelle Kontakte ein höheres Schutzalter festlegte als für heterosexuelle. Dabei wurden außerdem erstmals auch sexuelle Beziehungen zwischen Frauen strafrechtlich erfasst – ein Aspekt, der in der Rückschau häufig übersehen wird. Gleichwohl war Homosexualität zwischen Erwachsenen somit ab 1968 straffrei; kurz vor dem Mauerfall wurde auch der Sonderparagraph wieder aufgehoben. Damit schaffte die DDR fünf Jahre vor der Bundesrepublik die strafrechtliche Ungleichbehandlung von Homosexualität komplett ab.

Doch juristische Lockerungen bedeuteten nicht automatisch gesellschaftliche Akzeptanz.

Homosexualität blieb auch im sozialistischen Staat tabuisiert. Ein Outing konnte den Verlust von Arbeitsstellen, Studienplätzen oder politischen Ämtern bedeuten. Öffentliche Treffpunkte gab es kaum, und die queere Szene konnte sich nur eingeschränkt organisieren, da die Gründung unabhängiger Vereine oder Gruppen häufig ins Visier der Staatssicherheit geriet und unterbunden wurde. Kirchliche Räume spielten deshalb eine wichtige Rolle für die Community. 

Dass die strafrechtliche Verfolgung lange vor allem Männer betraf – in der DDR bis zur Einführung des § 151, in der Bundesrepublik sogar bis zur endgültigen Streichung des § 175 im Jahr 1994 – hat nach Ansicht der Historikerin Maria Bühner auch mit einem patriarchalen Verständnis von Sexualität zu tun. „Bei weiblichen Personen traute man sich zum Teil nicht zu, zu sagen, wo Sex anfängt und wo er aufhört“, erklärt Bühner. „Das ist ein sehr patriarchaler Blick auf weibliche Sexualität.“

Dieser Fokus auf männliche Homosexualität prägt auch die historische Forschung. Während schwules Leben in der DDR – nicht zuletzt durch Strafverfolgung und Stasi-­Akten – vergleichsweise besser dokumentiert ist, wurden die Lebensrealitäten von lesbischen Frauen und anderen queeren Menschen lange kaum untersucht. Das betont auch Bühner, die an der Uni Leipzig vor allem zur Geschichte lesbischer und frauenliebender Frauen in der DDR arbeitet: „In Bezug auf Transgeschichte gibt es auf jeden Fall noch sehr, sehr viel zu tun.“

Eine Quelle, mit der sich die Spuren von lesbischen Frauen in der DDR nachzeichnen lassen, sind Kontaktanzeigen. Wer Gleichgesinnte suchte, musste erfinderisch werden: Weil gleichgeschlechtliche Kontaktanzeigen verboten waren, griffen viele Frauen zu Codes, um sich zu vernetzen. In der „Wochenpost“ vom 16. Februar 1973 stand etwa: „Junges Fräulein, Anhängerin von Sappho und vielseitig interessiert, sucht Briefpartnerin, ausführliche Zuschriften erbeten.“ Die homoerotische Poesie der Antike-Dichterin Sappho von Lesbos wird schon seit mehreren hundert Jahren mit Liebe zwischen Frauen in Verbindung gebracht.

Zunächst waren lesbische Aktivistinnen innerhalb der Homosexuellen Interessengemeinschaft Berlin (HIB) aktiv, einer der ersten organisierten Gruppen homosexueller Menschen in der DDR, die 1973 gegründet wurde. Die HIB verstand sich sowohl als soziale Gemeinschaft als auch als politische Initiative: Mitglieder organisierten Veranstaltungen, diskutierten gesellschaftliche Veränderungen und setzten sich für bessere Lebensbedingungen ein. Später entstanden daraus auch eigene Frauenzusammenhänge.

Gleichzeitig blieb die Szene in vielen Bereichen eng miteinander verbunden: Schwule, Lesben, Bisexuelle sowie Menschen, die sich heute wohl als trans oder gendernonkonform bezeichnen würden, bewegten sich oft in denselben Kreisen. Aus Treffen, die ab Mitte der 1980er-Jahre meist sonntags in wechselnden Räumen stattfanden, entstand schließlich der „Sonntags-Club“ – denn Räume ließen sich oft nur sonntags und unter Verschweigen von Anliegen und Identität anmieten.

Zum Ende der DDR existierte in Ost-Berlin eine kleine, aber lebendige queere Szene. „Eine eigene Trans-Szene gab es damals noch nicht“, so Schallenberg. „Wir waren alle in einem Stall.“ Zu den Treffpunkten gehörten Lokale wie das Café Binokel in Mitte oder der Burgfrieden im Prenzlauer Berg – aber auch ein eher ungewöhnlicher Ort am östlichen Stadtrand Berlins: das Gründerzeitmuseum von Charlotte von Mahlsdorf.

Blinde Flecken der Geschichte

Das Museum in einem alten Gutshaus existiert noch heute, und hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: alte Grammophone, schwere Kronleuchter, hohe Wandspiegel. Wer durch die Räume geht, fühlt sich in das gutbürgerliche Berlin des späten 19. Jahrhunderts versetzt. Kaum etwas deutet darauf hin, dass ausgerechnet diese traditionsbewusste Kulisse in den 1970er-Jahren zu einem Zufluchtsort für Menschen wurde, deren Lebensentwürfe von der gesellschaftlichen Norm abwichen.

Diesen Rückzugsort hatte die queere Community vor allem einer Person zu verdanken. Gegründet wurde das Museum 1959 von Charlotte von Mahlsdorf – leidenschaftliche Sammlerin, Möbelretterin und aus heutiger Sicht wohl die bekannteste trans Aktivistin der DDR. Aufgewachsen im Nationalsozialismus mit einem gewalttätigen Vater, begann Mahlsdorf nach dem Krieg, Möbel aus abrissreifen Häusern in Berlin zu retten. Daraus entstand später das Museum. Ab 1958 restaurierte sie das stark beschädigte Gutshaus Mahlsdorf in mühsamer Eigenarbeit.

In den 1970er-Jahren entwickelte sich das Gutshaus zum Treffpunkt der (HIB). Silvesterfeiern, Sommerfeste, Gruppensitzungen oder das selbstorganisierte Cabaret „Hibaré“ fanden im Souterrain des Gutshauses statt. Für viele Besucher:innen entstand hier ein Raum, in dem Begegnungen ohne ständige Vorsicht möglich waren.

Mit dem Ende der DDR und der deutschen Wiedervereinigung änderten sich auch die Rahmenbedingungen für queere Menschen. Rechtlich brachte die Übernahme westdeutscher Gesetze Rückschritte mit sich: Im Vergleich zu den informelleren Regelungen der DDR galt das bundesdeutsche Transsexuellengesetz als deutlich restriktiver, langwieriger und bürokratischer. Wer seinen Vornamen oder Personenstand ändern wollte, musste vor Gericht ziehen und mehrere psychiatrische Gutachten vorlegen. 

„Zur Geschichte von trans Menschen in der DDR ist immer noch viel zu wenig bekannt“

Nadja Schallenberg
An geheimen Treffpunkten fanden queere Menschen in der DDR zueinander. Auch Nadja Schallenberg (r.) und Charlotte von Mahlsdorf waren befreundet. Foto: privat © Sonntags Club

Über gemeinsame Bekannte lernte Nadja Schallenberg Charlotte von Mahlsdorf um die Wendezeit herum kennen; aus der Bekanntschaft entwickelte sich eine Freundschaft. „Wir haben uns privat getroffen, viel geredet, viel gelacht“, erzählt sie. „Charlotte war wie aus einer anderen Zeit.“ Doch die frühen 1990er-Jahre brachten auch neue Bedrohungen: 1991 überfielen Rechtsradikale ein queeres Frühlingsfest im Garten des Gutshauses in Mahlsdorf mit Eisenstangen, Knüppeln und Gaspistolen, mehrere Gäste wurden verletzt. Wenig später schloss Charlotte von Mahlsdorf das Museum und wanderte nach Schweden aus.

Gleichzeitig sollte die Faszination für ihre Person nicht abreißen. 1992 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz, ihre Autobiografie „Ich bin meine eigene Frau“ wurde von Rosa von Praunheim verfilmt. 2002 starb Charlotte von Mahlsdorf bei einem Besuch in Berlin.

Heute sieht Nadja Schallenberg Fortschritte in der historischen Aufarbeitung des queeren Lebens in der DDR, aber auch große Lücken. „Zum Thema Homosexualität in der DDR gibt es mittlerweile einiges“, sagt sie. „Aber über Transgeschichte ist noch viel zu wenig bekannt.“ Viele ehemalige Aktivist:innen seien aus der Öffentlichkeit verschwunden. Manche hätten nach ihrer Transition einfach ein ruhiges Leben führen wollen. Schallenberg selbst hat einen anderen Weg gewählt. „Ich finde, diese Geschichte muss erzählt werden.“


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