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Stadtleben

„Rock’n’Roll ist nur eine Lebenseinstellung“

Seine Stimme war unverwechselbar. Zum Tod des Radiomoderators Rik De Lisle
Text: Lutz Göllner
Veröffentlicht am: 07.04.2026
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Das Bild zeigt Rik De Lisle im Jahr 2022. Am 30. März 2026 ist der prägende Radiomoderator verstorben.  © Imago/Sabine Gudath

Immer wenn der AFN-Moderator Richard De Lisle im Sender an der Clayallee Frühschicht hatte, begann das Programm mit seinem Glaubensbekenntnis: „I’m Air Force Sergeant Rik De Lisle – reminding you, that Rock’n’Roll is just a state of mind.“

Das war zu einer Zeit, als die deutschsprachigen Berliner Sender – es gab in der Mauerstadt den Sender Freies Berlin (SFB) und den Rundfunk im Amerikanischen Sektor (RIAS) – in 90 Prozent ihrer Sendezeit Operetten, Schlager und Tanzmusik brachten, vielleicht mal unterbrochen von etwas Swing. Erst am Abend und in der Nacht durften Exzentriker wie Lord Knud, Musikjournalisten wie die tip-Autoren Olaf Leitner und Barry Graves oder die Live-Radio-Legende Jürgen Jürgens ans Mikro.

Rik De Lisle liebte Berlin – und die Liebe wurde erwidert

Wer jung war und in dieser Stadt aufwuchs, der hörte das American Forces Network (AFN) und abends mal den British Forces Broadcasting Service (BFBS). Sie belieferten uns mit den neuesten Hits, mit Neuigkeiten, die noch nicht in der „Bravo“ standen, und sie hatten charismatische Moderatoren wie Wolfman Jack („AROOOOH!“), Casey Kasem („The hits from coast to coaaast!“) und dann eben ab 1978 in der Berliner Dependance den in Milwaukee geborenen Vietnam-Veteran Rik De Lisle, dessen Ansagen so viel lebendiger, lässiger und witziger waren als die seiner deutschen Kollegen.

Rik liebte diese Stadt von Anfang an, eine Liebe die erwidert wurde. Künstler wie Nina Hagen und Hermann Brood kamen ins AFN-Studio und sangen dort live zusammen mit dem Moderator und allen Technikern „True Love“. Die Berliner Band Spliff (vormals Lokomotive Kreuzberg und Nina Hagen Band) verewigte ihn auf ihrer ersten LP, „The Spliff Radio-Show“. De Lisle schrieb und sprach all die großartigen Jingles und Pseudowerbeclips („Wysocki College – for the totally dumb“).

1984 verließ De Lisle die US-Armee und wechselte zum damals frisch zur Jugendwelle reformierten RIAS 2: „Hi, icke bins, alter Ami Rik De Lisle, es ist fuuuunf Uhr!“ Sein gebrochenes Deutsch und der Spitzname „Alter Ami“ blieben ihm für immer erhalten. Und De Lisle blieb dieser Stadt erhalten, als Programmdirektor bei rs2 (später 94,3 rs2) und als Moderator beim Berliner Rundfunk 91,4, auch wenn er mit der Musikauswahl durch ein Computerprogramm wenig anfangen konnte: „Früher habe ich mir zu Hause einen Koffer mit Platten für die Sendung gepackt: Man brauchte zwölf, dreizehn Stück pro Stunde“, erzählte er vor sechs Jahren in einem „Tagesspiegel“-Interview, „heute erledigt alles ein Computer.“

Rik De Lisle war einer der letzten großen Discjockeys aus der Glanzzeit des Radios, jemand, der sich nie verbiegen musste, der immer sagte, was er dachte, „the last human voice“, wie es der Musiker Tom Petty einst formulierte. Er starb im Alter von 79 Jahren am 30. März im Kreis seiner Familie.  


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