Made in Falkensee: Sean Jebram baut Boxen, seit er drei Jahre alt ist

Dieser Artikel ist zuerst in der tipBerlin-Ausgabe 7/25 erschienen.
„Ich weiß nicht, was mich dabei geritten hat“, sagt Sean Jebram, schüttelt den Kopf und grinst leicht ungläubig. Er steht im Vorgarten seines Elternhauses in Falkensee und blickt auf einen etwa zwei mal zwei Meter großen Turm aus Musikboxen. Rechts daneben steht eine weitere, nicht ganz so breite Anlage. Zwei Monolithe in der Falkenseer Einfamilienhausidylle, wo das auffälligste sonst ein Tesla-Auto auf der Straße ist.
Sean Jebrams Anlagen waren schon bei „Rave the Planet“ zu hören
Gerade einmal 19 Jahre alt ist Sean Jebram, der schon jetzt die Soundqualität der Berliner Technoszene weiterentwickelt. Es ist ein heißer Tag im Juni, Jebram trägt schwarzes T-Shirt und eine Cargohose, irgendwo zwischen Techniker-Outfit und Berliner Vorstadt-Style. Er reicht dem Reporter eine Spezi und öffnet sich selbst ebenfalls eine Dose.
Sean Jebram baut Lautsprecher, und zwar so erfolgreich, dass er neben seiner Ausbildung als Veranstaltungstechniker Anlagen für Raves und Clubnächte liefert: für den Club „M-Bia“ am Alexanderplatz, „Anomalie“ in Lichtenberg, und, die Krönung für ihn persönlich, ein Wagen bei der Loveparade-Neuauflage „Rave the Planet“ im Juli.
Bei der Anlage, die gerade im Vorgarten steht, handelt es sich um vier sogenannte Hornlautsprecher und vier Bassreflexlautsprecher aus dem Jahr 1984. In den mittleren 1990er-Jahren wummerten in ihnen die Bässe und Kickdrums der Loveparade. Gut möglich, dass DJs wie Marusha den Boxen damals den Sound der Freiheit einhauchten.

Als Sean Jebram anfing, sich für Hornlautsprecher zu begeistern, war er 16 Jahre alt. Über einen befreundeten Techniker seiner Ausbildungsstätte kaufte er gleich 26 Stück. Warum, das weiß Jebram selbst nicht genau. Die Eltern und sein Großvater gaben einen finanziellen Vorschuss, ein Zwölf-Tonner-Lkw musste her, und plötzlich stand der ganze Vorgarten voller Musikboxen. Mit drei Freunden hievte er die Boxen auf Rollbretter, eine Box über 100 Kilo schwer. „Da hilft dann auch die Schwerkraft mit“, sagt Jebram süffisant.
„Im Grunde ging es los, als er einen Schraubenzieher in der Hand halten konnte“
Die eigentliche Arbeit begann danach. Jebram war unzufrieden mit dem Klang, „nicht zeitgemäß“, sagt er. Ihn störte, dass die Hochtöner eigene Winkel haben, aus denen die Schallwellen abgeworfen werden. Die Folge: Phasenverschiebung, auch Phasing genannt, die den Sound dünn und hohl klingen lässt.
Sean Jebram erzählt, wie er die Hochtöner austauschte, die Treiber, die Anlage neu lackierte und schliff. Wenn er spricht, purzeln in hoher Frequenz Begriffe wie „Co-Ax-Anordnung“ aus ihm heraus, die er ruhig und bedacht erklärt. „Die Schallquelle des Hochtöners ist auf derselben Achse und verursacht kein Phasing.“ Er sei kein Genie, sagt Jebram und lächelt geheimnisvoll. Mathematik und Physik seien ihm in der Schule nie leicht gefallen.
Und doch fragt man sich, wie er soweit gekommen ist, dass seine Anlage nun auf der „Rave the Planet“-Parade mitfährt. Ein Soundsystem, an dessen Vielseitigkeit in seinen Augen auch nicht die Funktion One im Berghain heranreiche, die für ihren starken Bass und ihre Spezialisierung auf Dance-Musik bekannt ist.

An die Anfänge seines zum Beruf gemachten Hobbys kann sich Sean Jebram nicht mehr erinnern. Er führt uns deshalb zu seinen Eltern, die sich gerade im Wohnzimmer aufhalten.
Nils und Melanie Jebram holen ein Fotobuch aus dem Keller. Zu sehen sind Fotos ihres Sohnes im Kindergartenalter, wie er Holzplatten mit einem Kleber beträufelt oder Elektrokabel eines Lautsprechers zusammenlötet. Gespannt schaut der 19-Jährige hin. „Im Grunde ging es los, als er einen Schraubenzieher in der Hand halten konnte“, sagt sein Vater. Der ging ihm zwar zur Hand, die Technik brachte sich Sean Jebram allerdings autodidaktisch bei.
Seinen ersten Lautsprecher baute Jebram aus einer Weinkiste zusammen – im Alter von drei Jahren. Es folgte eine Anlage aus einem Ikea Kallax-Regal, dafür baute das Vater-Sohn-Duo den Verstärker einer Anlage der Firma Teufel aus. „Der erste Soundtest hat im oberen Geschoss die ganzen Vasen auf dem Tisch zum Wackeln gebracht“, erzählt Sean Jebram.
Mit 16 Jahren stattete Jebram das erste Mal eine Techno-Party mit einer selbstgebauten Anlage aus – der gleichen, die er heute dem Teufelsberg für Open-Airs bereitstellt. Dass da ein 16-Jähriger sein eigenes Soundsystem hinstellt, konnten die Veranstalter schlichtweg nicht glauben.

„Ich habe manchmal kurzfristige Energieschübe, und dann werden halt nachts auch mal 20 Kabel gebaut“
Sean Jebram
Heute ist Jebram in der Branche viel gefragt. Ein Blick auf seine Kalender-App zeigt mehrstündige Aufbau- und Betreuungsslots am Vor- und Nachmittag. „Der größte Teil meiner jetzigen Arbeit ist eigentlich Vermietung“, sagt Jebram. Für die DJ-Reihe „Berlin Beats“ im Hamburger Bahnhof, Raves auf dem Flughafen Tegel, private Feiern. Und das alles neben seiner Ausbildung: Allein die Vorbereitung seines Soundsystems für „Rave the Planet“ nimmt noch mal 60 bis 70 Stunden Arbeit in Anspruch.
Im Alten Museum erzitterten die Vasen vor Lautstärke
Woher nimmt er die Kraft dafür? „Wenig Schlaf, viel Koffein. Ich trinke sehr viel Spezi“, lautet die Antwort. „Und ich liebe Bass extrem“, schwärmt Jebram, dabei blitzen seine Augen auf. Er denkt noch ein paar Sekunden nach. „Ich habe manchmal kurzfristige Energieschübe, und dann werden halt nachts auch mal 20 Kabel gebaut“, sagt der 19-Jährige lässig. Dann wird er ernst. „Wenn ich ehrlich bin, habe ich auch Angst zu scheitern.“
Zurück im Garten, vor der dem linken Boxenturm. Über 3.000 Menschen könne diese Anlage beschallen, sagt Jebram, er habe sie schon mal auf 118 Dezibel aufgedreht, ein Flugzeug sei nur zwölf Dezibel lauter. Wieder ist da diese Lässigkeit in seiner Stimme. Gleichzeitig wirkt er deutlich älter als 19 Jahre, wenn er erzählt, dass er Verträge mit den Veranstaltern abschließe, um bei Hörschäden seinen Betrieb abzusichern. „Ich habe extrem empfindliche Ohren und mag es nicht laut. Die Leute finden Lautstärke aber geil, und wenn jemand einen Hörschaden kriegt, zahle ich mein Leben lang Schmerzensgeld. Also treffe ich Absprachen, um aus der Verantwortung rausgenommen zu werden.“
Jebram bezeichnet sich selbst als Perfektionisten. Als nächstes möchte er einen Line-Array-Lautsprecher bauen, jene bananenförmigen, meterlangen Systeme, wie sie oft bei großen Festivals an der Bühne hängen. Die haben den Vorteil, dass der Schall weiter reicht und sich sehr präzise berechnen lässt, in welche Richtung er strahlen soll. „Als ich die gesehen habe, dachte ich, die brauche ich. Scheißegal was das kostet, ich muss damit anfangen“. Und fügt hinzu, dass die Wissenschaft dahinter eigentlich zu hoch für ihn sei.
Kaum auszumalen, was Jebram noch alles baut. Fest steht, dass er einige Spuren in der hiesigen Live-Landschaft hinterlassen wird. Und vielleicht noch ein weiteres Mal zitternde Vasen: Vor ein paar Jahren lieferte Jebram die Anlage für ein Open-Air im Lustgarten, die so laut war, dass Exponate im Alten Museum nebenan zu wackeln begannen.