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Wie lehren Sie Frauen den Orgasmus, Frau Holzfurtner?

Die Berliner Sexologin Lea Holzfurtner hat einen Kurs entwickelt, der Frauen hilft, Lust neu zu verstehen. Im einjährigen Online-Gruppenprogramm „Das mit dem Höhepunkt“ geht es um Körperwissen, Kommunikation und den Abschied von sexuellen Skripten
Text: Laura-Jane Walzel
Veröffentlicht am: 06.08.2026
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Sexologin Lea Holzfurtner (rechts) mit ihrer PR-Beauftragten Giulia Ricci – und einem Vulva-Kissen © privat

Interview: Laura-Jane Walzel

Frau Holzfurtner, warum setzen Sie bei Lust- und Orgasmusproblemen auf ein Gruppencoaching?

Ich kann zwar sagen: „Mindestens 86 Prozent der Frauen erleben durch reine Penetration keine Orgasmen“, aber das Gefühl, in einer Gruppe zu sein, deren Teilnehmerinnen es ganz genauso ergeht, das kann man im Einzelcoaching nicht herstellen. Wenn die Frauen sich austauschen und einander zuhören, erkennen sich viele in den Geschichten der anderen wieder. Dabei gehen sie erstaunlich liebevoll miteinander um – viel weniger kritisch, als sie es oft mit sich selbst sind.

Was hat Sie mehr überrascht: wie viele Frauen Schwierigkeiten mit Orgasmen haben – oder wie wenig darüber gesprochen wird?

Da ich es täglich in meiner Praxis erlebe, war beides für mich nicht überraschend. Aber es macht mich wütend, dass viele Menschen bei sexuellen Problemen die Schuld bei sich selbst und ihrem Körper suchen. Ich bin sogar der Meinung, dass das Problem der „sexuellen Dysfunktion“ kaum noch existieren würde, wenn wir Sex neu definieren und im Bett nur das tun würden, was uns wirklich Lust bereitet. Denn die meisten folgen noch immer einem Skript dafür, wie Sex auszusehen hat und was er erfüllen muss.

Wie erkennen Menschen den Unterschied zwischen „Das gefällt mir wirklich“ und „Ich habe gelernt, dass es mir gefallen sollte“?

Durch Soloplay und die Reflexion erlernter Skripte. Das ist auch ein wesentliches Element des Gruppen-Coachings und der Grund, warum es ein Jahr dauert: Es braucht Zeit, bis sich neue Erkenntnisse verankern. Wir wollen die Teilnehmenden dazu anregen, zu überlegen, wie sie ihre Sexualität gestalten möchten. Sie sollen sich eine Speisekarte vorstellen, also eine „Liste“ von Handlungen erstellen, die beim Sex immer wieder vorkommen, und dann überlegen, welche davon ihnen tatsächlich Lust bereitet.

Während der Online-Kurse lernen die Frauen ihre Lust neu kennen © Foto: Privat
Weil man darauf schon so eingespielt ist?

Ja, genau! Im Coaching werden solche Muster sichtbar. Dann wird konsequent rausgestrichen, bis nur noch das bleibt, was Lust bereitet. Das war für viele ein Schlüsselmoment in der Gruppe. Eine Teilnehmerin meinte dann: „Das kann ja wohl nicht sein, dass wir hier sitzen und man uns sagen muss: ,Mach nur das, worauf du Lust hast.‘“

Sexcoaching-Onlinekurs – mit Hausaufgaben für die Sexualität

Was sind sonst noch Elemente der Online-Treffen? Worüber sprechen Sie? Und es gibt Hausaufgaben?

Zuhören ist nur ein Teil – zentral ist die Wissensvermittlung. Sexuelle Intelligenz basiert auf drei Säulen: Wissen über Sexualität im Allgemeinen, Wissen über den individuellen Körper und Kommunikationsfähigkeit. Daran orientieren sich die monatlichen Live-Sessions mit jeweils einem klaren Thema. Es gibt Arbeit in kleinen Gruppen, große Fragerunden und begleitende Einzelgespräche. Die „Hausaufgaben“ sind unterschiedlich: von Lektüre über Spiegelübungen („Wie sieht es bei mir aus?“) bis hin zu Berührungs-, Beckenboden- und Atemübungen, die sich in den Sex integrieren lassen. Ergänzt wird das durch Reflexionsfragen, um eigene Hürden besser zu verstehen. Wichtig ist auch, dass sich die Teilnehmenden zwischen den Sitzungen bewusst Zeit für sich und die Übungen nehmen.

Sie betonen oft, dass Sexualität individuell ist. Warum fällt es uns so schwer, das wirklich zu akzeptieren?

Es ist einfacher, wenn man eine bestimmte Norm als Maßstab vorgibt und alles andere als abweichend betrachtet. Ich glaube, das gilt besonders für Menschen, die als Frauen sozialisiert sind.

Weil das bedeuten würde, sich aktiv mit der eigenen Sexualität auseinanderzusetzen?

Dem stimme ich hundertprozentig zu! Wenn wir Sexualität als etwas Individuelles betrachten würden, müssten wir uns auch damit beschäftigen. Vielleicht sind es auch Scham und die Angst, Verletzlichkeit zu zeigen und zu dem zu stehen, was einen sexuell tatsächlich erregt. Es ist oft einfacher, sich an einem vermeintlichen Standard zu orientieren und einem Skript zu folgen. Erfüllend ist das jedoch nicht.

„Das mit dem Höhepunkt“ arbeitet mit Fantasien und Geschichten

Wie entkoppelt man Lust von Erwartung?

Es ist schwer, in unserer Gesellschaft Sex ohne Leistungsdruck und Performance zu erleben. Darum bringen wir den Teilnehmenden bei, die Aufmerksamkeit vom Kopf zurück zu den eigenen Bedürfnissen zu lenken. Das kann allerdings schwierig sein – das ist, als würde man jemandem, der nie meditiert, sagen: „Denk mal an nichts.“ Deshalb arbeite ich viel mit Fantasien. Mit diesen Geschichten kann man die Gedanken eher in Richtung Lust lenken. So nutzt man sein Kopfkino als Werkzeug, um sich ganz auf die Situation einzulassen.

Woran merken Sie, dass jemand wirklich einen Durchbruch hatte?

Der Orgasmus ist es nicht immer. Das ist zwar schön, sollte aber nicht der Maßstab für einen Durchbruch sein. Ich hatte eine Teilnehmerin, die mir erzählt hat, sie habe am Abend zuvor beim Sex mit ihrem Partner herzhaft gelacht, weil sie sich den Kopf am Bettgestell gestoßen hatte. Und das finde ich einen riesigen Durchbruch. Warum? Weil es gezeigt hat, dass beide sich Leichtigkeit erlaubt haben, anstatt sich dem Performancedruck zu fügen. Zu Beginn des Coachings wäre das nicht möglich gewesen. Das war ein großer Meilenstein.

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