ABO
StadtlebenTipPlus Logo

SEZ in Friedrichshain: Abschied vom Abriss?

Das SEZ hat das Zeug zum Vorzeigeprojekt – und könnte gleichzeitig Kiez-Treff für die umliegenden Quartiere sein. Falls ein Kompromiss gefunden wird, Denkmalschutz und Wohnungsbau zu verbinden
Text: Iris Braun
Veröffentlicht am: 29.04.2026
Home » Stadt » Stadtleben » SEZ in Friedrichshain: Abschied vom Abriss?
Seit 2002 ist das ehemalige Sport- und Erholungszentrum an der Landsberger Allee geschlossen. Eigentlich sollte es im März abgerissen werden – sichert ein neuer Nutzungsplan den Fortbestand? Foto: IMAGO/GE-Foto 

Berlin war lange nicht mehr so over wie nach diesem Winter. Das Versprechen, hier gesellschaftlich und monetär freier, dafür aber etwas ungeordneter leben zu können, scheint erstmal kassiert. Aus „etwas ungeordneter“ wurde „in Teilen verwahrlost“, aus „monetär freier“ wurden Preisspiralen, gerade im Wohnungsmarkt. Genau in dieser schlechten Stimmungslage ruft der Senat eine neue Bauausstellung ins Leben, die den Wohnungsbau entfesseln soll, die IBA 2034-2037. Motto „Urbane Transformation der gebauten Stadt“. Genauer gesagt: die Stadt entlang des erweiterten S-Bahn Ringes, an den großen Kreuzungen und Magistralen. Und da vor allem die Flächen, die der Stadt selbst gehört, beziehungsweise ihren landeseigenen Immobilienunternehmen. Drei Wege sind in der senatseigenen Vorlage dazu nochmal herausgehoben. Es sind: Umbau von Bestand, Weiterbau von vorhandenen Infrastrukturen, Gezielter Neubau zur Stärkung der bestehenden Stadt. 

Da gebe es jetzt in Berlin so einige Ecken, die für eine Transformation prädestiniert sind. Und auf einer dieser Ecken, nämlich Landsberger Allee Ecke Danziger Straße, steht das SEZ. Ein Bestandsbau von hohem Wiedererkennungswert, mit Geschichte, vorhandener Infrastruktur und Möglichkeiten, diese um Neubauten zu erweitern. „Und nah genug am Ring ist es ja auch“, sagt Theresa Keilhacker, Architektin und Mitglied des Bündnisses „SEZ-Quartier neu Denken“. Ticks all the boxes könnte man sagen, gerade wenn es um das neue IBA Konzept geht.

SEZ als Quartierstreffpunkt?

Das ehemalige Sport- und Erholungszentrum am Volkspark Friedrichshain, DDR-Vorzeigebau und zurzeit im Besitz der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Mitte, WBM, sollte allerdings schon gar nicht mehr dort stehen. Der Abrisstermin im März wurde nur nistender Zwergfledermäuse wegen erst einmal ausgesetzt. Was den Gegnern des Abrisses, und das sind neben Theresa Keilhacker zirka 30 weitere gutvernetzte Menschen aus Architektur, Stadtplanung und Kultur, die Möglichkeit gibt, realistische, durchgerechnete Alternativen zu einem Totalabriss vorzustellen. Der allein schon über 20 Millionen Euro kosten würde, ohne die ökologischen Kosten überhaupt beziffern zu können, Stichwort CO2-Freisetzung.

Wobei die grundsätzliche Idee, hier Wohnraum zu schaffen, bei den meisten, vor allem aber bei den meisten Akteur:innen des neuen Bündnisses, nicht in Frage gestellt wird: „Es geht auch nicht darum, das SEZ als komplettes Spaßbad wiederauferstehen zu lassen. Aber eine vorhandene städtische Infrastruktur einfach abzureißen, statt weiterzuentwickeln, kann heute keine Lösung mehr sein“, sagt Pedro Moreira, Architekt, der dazu mit den hier am SEZ ebenfalls engagierten Kolleginnen und Kollegen ein multiples Konzept ausgearbeitet hat, das über eine Reaktivierung und Erweiterung des Gebäudes hinaus das Gelände wieder zu einem Quartierstreffpunkt machen könnte. Vielleicht sogar zu einem gerade in diesen schlechtgelaunten Berliner Zeiten so dringend benötigten Vorzeigeprojekt in Sachen Stadtentwicklung und Communitybuilding.

Die Berliner Architektin und Designerin Sandra Siewert (s.wert) übersetzt Architektur-Ikonen in Illustrationen, darunter auch das SEZ
Die Berliner Architektin und Designerin Sandra Siewert (s.wert) übersetzt Architektur-Ikonen in Illustrationen, darunter auch das SEZ. Foto: S.wert Design

Dieses erste Konzept, das ausdrücklich „Diskussionsvorlage und nicht vorgegebenes Endergebnis“ sein soll, wie die daran beteiligte Landschaftsarchitektin Ariane Röntz sagt, arbeitet, um den geforderten und im aktuellen Bebauungsplan auch festgeschriebene Wohnungsbau von über 500 Wohneinheiten zu erreichen, mit Aufstockung und Nachverdichtung des Bestands. Und soll andere bereits bestehende Teile aus dem Bestand als Gemeinschaftsflächen und im Bezirk dringend benötigte Sportflächen mit Mehrzweckmöglichkeiten ertüchtigen. Um die Zahl der geforderten Wohnungen zu erfüllen, könnte das über sogenannte Hochpunktbauten, also drei bis vier Hochhausbauten, an den Rändern organisiert werden. Was in der Öffentlichkeit zu Diskussionen führen wird. Das ist den Beteiligten auch klar. „Die Hochbauten sind nur eine von mehreren Möglichkeiten für eine Weiterentwicklung des SEZ Bestands,“ so Pedro Moreira.

Denn auch die bisherige vom Senat favorisierte Lösung, Abriss mit komplettem Neubau, wartet ja mit ziemlichen Zumutungen für hier Wohnende auf. Sie sieht eine geschlossene Blockbebauung vor, mit der die auch schall- und sichttechnisch wichtige Durchlässigkeit zum Park erheblich eingeschränkt würde: „Und das“, so Magnus Hengge, Kommunikationsberater und Organisator des Projektbündnisses „an einer der eh schon lautesten Straßen der Stadt“. 

Ob dieser Beton-Canyon an der Landsberger entsteht oder das SEZ noch eine Chance bekommt, bleibt ungewiss – der Abriss ist nur vertagt, Zwergfledermäuse brüten nicht ewig, und im Herbst wird gewählt. Aber auch das neue IBA Konzept könnte das SEZ vor dem Schlimmsten bewahren. Pedro Moreira sagt: „Viele Grundstücke im Bereich des Rings sollen für Neubauten neu erschlossen werden. Das wird den derzeitigen Druck beim Wohnungsbedarf verringern. Und dann gibt es auch keine Notwendigkeit mehr, einen stadtrelevanten Komplex wie das SEZ einfach so zu zerstören.“ 

SEZ: Mehr als ein Gebäude

Das Sport- und Erholungszentrum (SEZ), eröffnet 1981, hat eine beispiellose deutsch-deutsche Baugeschichte. Der Wunsch der DDR-Führung, der Bevölkerung einen Erholungsort mit Strahlkraft zu geben, machte Unmögliches möglich: maßgeblich vom westdeutschen Konzern Hochtief im Osten umgesetzt, geplant von einem Ingenieur, Günther Reiß, der als ehemaliger Republikflüchtling die Baustelle nicht betreten durfte. Erste Entwürfe stammten noch von Volkwin Marg (gmp Architekten, Flughafen Tegel, was man dem SEZ auch ansehen kann). Mit dieser Geschichte wäre es der einzige West-Bau, der im Osten unter Denkmalschutz hätte gestellt werden können.


Mehr zum Thema

Ein Rückblick in Bildern: Das SEZ und seine Geschichte. Wir sprachen 2024 mit dem Investor, unser Interview mit Rainer Löhnitz übers SEZ lest ihr hier. Entdeckt die Stadt: In dieser Rubrik findet ihr Ausflüge, in Berlin und darüber hinaus. Blick zurück: Schaut in unserer Rubrik für Geschichte vorbei. Immer auf dem Laufenden bleiben: Zur tipBerlin-Newsletter-Anmeldung geht’s hier.

Das könnte dich auch interessieren