Verliebt in Berlin?

Text: Marit Blossey, Luca Heinze
Mitarbeit: Daria Rabes, Paula Clamor, Charlotte Knörzer, Erik Heier
Ein Date wie im Film – das war es, was Jana sich gewünscht hatte. So richtig schön romantisch mit allem, was dazugehört. Ihre neue Bekanntschaft nahm den Wunsch ernst. Über drei Monate hinweg plante Sebastien das perfekte Date für sie. Jana wusste von nichts, nur, dass sie sich den Tag freihalten sollte. Morgens stand er mit einem Strauß Rosen vor ihrer Tür.
Berlin war nie berühmt für Romantik. Paris gilt gemeinhin als die Stadt der Liebe, das britische Magazin „Time Out“ empfahl unlängst als romantischste Destinationen Venedig oder auch Kyoto. Berlin dagegen ist, so geht jedenfalls das Klischee, die beste Stadt für alles andere: für One-Night-Stands, Fetisch-Partys, Spontan-Sex im Darkroom. Für alternative Beziehungskonzepte von Freundschaft Plus bis Polyamorie. Und ganz oft nehmen all diese Dinge ihren Anfang im Dating.
Wenn man durch die Stadt geht, bekommt man schnell den Eindruck: Irgendwo wischt ständig wer über sein Handy, im Bus, in der Bahn, beim Spazieren. Swipe links, Swipe rechts. Dabei scheint alles möglich: der schnelle Kick oder das große Glück. Die kurzfristige Bekanntschaft oder die ewige Liebe. Und mitunter laugt das Dating aus, raubt Kräfte, es frustriert. Die Diagnose „Dating-Burnout“ ist längst nicht mehr neu. Andere sprechen von „Dating-Hölle“, von „Ausgetindert“.
Warum können viele vom Dating trotzdem nicht genug kriegen? Auch und gerade in Berlin?
Berlin, die Hauptstadt der Singles
Für Jana startete der Tag ihres Traumdates mit Crêpes mit Nutella im Pinch Café und ging weiter mit einer gemütlichen Rundfahrt über den Wannsee, von Sebastien mitgebrachte Sandwiches und Limo inklusive. Abends im französischen Sucre et Sel an der Torstraße aßen sie Ratatouille, das Finale verbrachten sie beim Klassikkonzert in der Berliner Philharmonie. Das schönste Date, das Jana je hatte.
Kennengelernt haben sich Jana und Sebastien bei einem Ersti-Treffen in der Uni. Seit eineinhalb Jahren sind sie ein Paar. Ihre Liebe brauchte keine App. Das ist längst nicht mehr die Regel. 2012 startete „Tinder“ weltweit, für viele längst das Synonym schlechthin für den globalen Algorithmus-Kapitalismus der Gefühle.
„Wir sind zum stillgelegten Plänterwald spaziert und dort über den Zaun geklettert.“
Sophie, Mitte 30
Mit Geschichten, wie sie nur, oder vor allem, Berlin schreibt. Zum Beispiel die von Lena* und Nele*, beide Mitte 20, die sich auf einer Dating-Plattform fanden – ein „Match“, wie es im App-Sprech heißt. Beide kamen „heartbroken“ aus vorheriger Beziehung und „Situationship“, wie Lena erzählt. „Wir haben uns sogar für denselben Abend verabredet, im Rollbergkino. Danach waren wir noch im Laidak und haben noch mehr getraumabonded, es war fast niemand da, weil es ein Montagabend war. Es lief so Irish Folk Music.“
Oder Sophie, Mitte 30, Musikerin, die von einem ersten Treffen mit einem Mann auf der Admiralbrücke in Kreuzberg erzählt, einem dieser Berliner Orte zwischen Sonnenuntergangs-Romantik und Bierflaschen-Ballermannhaftigkeit. „Danach sind wir zum stillgelegten Plänterwald spaziert und dort über den Zaun geklettert.“
Aber dann gibt es eben auch die Kehrseite. Anekdoten des Dating-Horrors. „Er schlug vor, dass wir einfach bei ihm chillen und etwas ,ziehen’ könnten“, berichtet zum Beispiel Lisa*, 24, von einer Verabredung. „Während wir geredet haben, fing er plötzlich an mit Aussagen wie: Wenn wir uns jetzt öfter treffen, dann erwarte ich schon Exklusivität. Im selben Atemzug erzählte er mir aber völlig selbstverständlich, dass er parallel noch zwei andere Frauen datet.“
„Während wir geredet haben, fing er plötzlich an mit Aussagen wie: Wenn wir uns jetzt öfter treffen, dann erwarte ich schon Exklusivität. Im selben Atemzug erzählte er mir aber völlig selbstverständlich, dass er parallel noch zwei andere Frauen datet.“
Lisa*, 24
Auch Anna*, 26, hat krasse Erfahrungen gemacht: „Einer kam komplett auf Drogen zum ersten Date, ein anderer hat mir von reptiloiden Menschen erzählt. Und wieder ein anderer wollte mir den schönsten Dating-Spot in Berlin zeigen: Es war ein Platz hinter dem Lärmschutzwall einer S-Bahn, wo im Jahr zuvor eine Frau ermordet wurde.“
Die Ursprünge des Datings
Das Konzept des „Datings“ stammt aus den USA, dort entstand es zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Zuge von Industrialisierung und Urbanisierung zogen immer mehr junge Frauen allein in die Städte, um dort zu arbeiten und ein unabhängigeres Leben zu führen. Dadurch lernten sie Männer außerhalb des familiären Umfelds kennen. An die Stelle formeller Werbungsrituale traten Treffen in öffentlichen Räumen wie Restaurants, Kinos oder Tanzlokalen.
Digitales Matchmaking wurde in den vergangenen 20 Jahren massentauglich, seine Ursprünge reichen aber noch viel weiter zurück. Der Historiker Michael Homberg forscht am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam zur Kulturgeschichte des Kennenlernens im digitalen Zeitalter und zeigt, dass Heiratsagenturen und Partnervermittlungen in den USA und Europa schon lange vor Tinder und Co. den Computer nutzten. In seinem Aufsatz „Computerliebe. Die Anfänge der elektronischen Partnervermittlung in den USA und in Westeuropa“ beschreibt er, wie bereits in den 1950er-Jahren versucht wurde, mit digitaler Technik so etwas wie romantische „Kompatibilität“ zu berechnen.
37 Prozent der deutschen Paare, die in den vergangenen drei Jahren zusammengekommen sind, gaben laut einer repräsentativen Studie der Online-Partnervermittlungen Elitepartner an, sich über Dating-Apps kennengelernt zu haben. Längst hat sich der Markt der Dating-Apps stark ausdifferenziert.
Bei Elitepartner suggeriert der Name schon die Zielgruppe. Auf Tinder wird weiterhin das klassische Swipe-Spiel gespielt, in dem sich Expats auf Durchreise und Menschen, die „eigentlich nichts Ernstes suchen“, gegenseitig in Sekundenbruchteilen beurteilen. Bumble gilt als die freundlichere Variante, in der die Frauen den ersten Schritt machen und Menschen mit der „BFF“-Funktion auch nach Freundschaften suchen können. Auf Hinge trifft man die Romantiker:innen mit ironischem Twist. Grindr funktioniert in der Schwulenszene als sehr direktes Paralleluniversum, in dem es schnell auf Sex hinausläuft.
Irgendwo dazwischen existieren noch Apps wie Feeld, OkCupid, Lovoo, Parship – und die meisten sind auf mehr als einer Plattform unterwegs.
Erkenntnisse einer Date-Doktorin
Mehr als die Hälfte der Berliner:innen sind laut Zahlen des Amt für Statistik Berlin-Brandenburg Single. Außerdem: Besonders jüngere Menschen zwischen 18 und 36 Jahren fühlen sich heutzutage laut Einsamkeitsbarometer immer einsamer.
Friedrichshain-Kreuzberg ist der Bezirk mit der höchsten Single-Dichte. An Hotspots wie der Bar Ankerklause am Maybachufer oder dem 700 Meter weiter südlich gelegenen Hipster-Magneten La Maison lassen sich überaus häufig neue Dates beobachten. Zwischen diesen beiden Locations liegt die Aperitif-Bar Frau Luna, wo die Terrasse ausschließlich mit Tischen für zwei bestuhlt und mit ihren überwuchernden Weinreben wie gemacht ist für romantische Abende.
Aber auch in Charlottenburg geht einiges. In der Manon Brasserie Nouvelle im Hotel am Steinplatz wacht zum Beispiel Jana Kämpfer über die zwischenmenschlichen Erstkontakte. Sie nennt sich selbst: „Date-Doktorin“ und sagt: „Ich bin absolute Expertin auf dem Gebiet.“
„Du siehst es sofort, wenn Leute auf ersten Dates sind. Diese Zaghaftigkeit, diese Behutsamkeit – ich liebe das!“
Gastronomin Jana Kämpfer
Jana Kämpfer ist hier Restaurantleiterin, ebenso wie ihre Angestellten trägt sie ein weißes Hemd und eine dunkle Hose. Und ein Halstuch – ihr Markenzeichen.
Als Gastgeberin begibt sie sich immer wieder in die Rolle einer „Wingwoman“, also der Person, die dabei unterstützt, Menschen zu verkuppeln. Die gebürtige Brandenburgerin war bereits an vielen Restaurantkonzepten des Berliner Multigastronoms The Duc Ngo beteiligt, unter anderem dem Funky Fisch in Charlottenburg und dem direkt daneben liegenden 893 Ryōtei. Momentan ist sie aber vor allem in der Manon Brasserie Nouvelle anzutreffen.
Hier umsorgt Kämpfer viele erste Dates: von Stamm-Datenden, die alle zwei Wochen mit einer neuen Begleitung auftauchen, bis zu Jubiläums-Verabredungen. „Ich liebe Happy Ends“, sagt sie. Dabei hilft sie schon mal kräftig mit: „Mal einen Schluck Wein nachschenken – wenn es stockt, bringe ich ein kleines Gesprächsthema rein“, erzählt sie. „Als Gastronomin arbeitest du ja generell viel mit Körpersprache. Da siehst du es sofort, wenn Leute auf ersten Dates sind. Diese Zaghaftigkeit, diese Behutsamkeit – ich liebe das!“

Ein richtiges Maß an Unterstützung zu finden, sei das Essenzielle. Das Paar erstmal einander beschnuppern lassen und nur eingreifen, wenn es sinnvoll sei. „Wenn ein Date richtig schlecht läuft oder eine Person sich unwohl fühlt, siehst du das“, sagt Jana Kämpfer. „Gerade bei Frauen, die sich aus Höflichkeit nicht trauen, zu gehen.“
Wenn die andere Person mal kurz rausgeht, ermutige sie dann die Frau dazu, das Date abzubrechen. Dafür übernehme sie auch gerne das Überbringen der schlechten Nachricht.
Häufiger jedoch kann die Expertin beobachten: Das wird was. Mitunter fallen dabei die Gäste schon mal bereits in ihrem Restaurant geradezu übereinander her. Sie hat auch schon erlebt, wie Über-80-Jährige „wild rumknutschen“.
Auch sieht sie häufiger mal Pärchen gemeinsam in den sanitären Einrichtungen verschwinden. Die Toiletten seien perfekt geeignet für „’ne schnelle Nummer“, da es einzelne Räume statt Kabinen sind. Das störe sie aber nicht.
„Wenn ein Date richtig schlecht läuft oder eine Person sich unwohl fühlt, siehst du das. Gerade bei Frauen, die sich aus Höflichkeit nicht trauen, zu gehen.“
Gastronomin Jana Kämpfer
Nach einer Erhebung der Dating-App Lovoo bevorzugen bundesweit mehr als 50 Prozent der Nutzer:innen für das erste Date eine gastronomische Einrichtung, wobei der Anteil bei der Generation X zwischen 44 und 59 Jahren mit 55 Prozent am höchsten ist, während die Gen Z der 18 bis 27-Jährigen mit 51 Prozent etwas sparsamer tafelt.
Andererseits sind datende Singles Lovoo zufolge im bundesdeutschen Vergleich nirgendwo so begeistert von Outdoor-Aktivitäten wie in Berlin, 29 Prozent ist hier der Spitzenwert. Man tauscht beim Tischtennis Bälle aus, steigt gemeinsam ins Tretboot oder auf das Stand Up-Paddle. Picknick im Park geht auch immer. Überraschend schlecht hingegen schneiden Berlins Kulturstätten ab: Nur fünf Prozent gehen ins Kino, in eine Ausstellung oder ins Theater.
Die 1000 Dates von Anna Dushime
Dabei ist Dating in der Literatur längst mehr als nur der Auftakt zu einer Liebesgeschichte. Gerade in Berlin dient die Suche nach Nähe häufig als Linse, durch die größere Fragen nach Identität, Zugehörigkeit und Einsamkeit verhandelt werden.
Im wilden, sprachmächtigen Debütroman „Hundesohn“ des Berliner Lyrikers und Essayisten Ozan Zakariya Keskinkılıç zum Beispiel, der im Herbst 2025 erschien, bewegt sich der Protagonist durch Dating-Apps, flüchtige Begegnungen und sexuelles Begehren, während er zugleich zwischen Religion, Migrationserfahrung und queerer Identität seinen Platz sucht.
Auch in dem im Frühjahr erschienenen Roman „Anti Müller“ von Yade Yasemin Önder kämpft sich ihre Protagonistin nach einer gescheiterten Beziehung durch Tinder-Dates, Affären und den Berliner Kulturbetrieb, dabei werden Themen wie Geschlechterrollen, Kinderwunsch und die Widersprüche moderner Beziehungen verhandelt.
„Ich glaube, dass es eine gewisse Frustration gibt, eine Art Dating-Fatigue“
Autorin Anna Dushime
Eine Berliner Autorin, die ihren eigenen Dating-Erfahrungen ein ganzes Buch gewidmet hat, ist die Schriftstellerin und Moderatorin Anna Dushime. In „1000 letzte Dates“ beschreibt die 36-Jährige ihre Rückkehr auf den Dating-Markt nach der Trennung vom Vater ihres Kindes. Dabei begegnet sie so ziemlich allem, was die Gegenwart der Partnersuche in Berlin zu bieten hat: Ghosting, Situationships, Fuckboys, aber auch Rassisten – und zunehmend ihrer eigenen Skepsis. „Ich glaube, dass es eine gewisse Frustration gibt, eine Art Dating-Fatigue“, erzählt sie.

Anna Dushime
Anna Dushime ist Autorin, Podcasterin und Moderatorin. Von 2019 bis 2022 schrieb sie für die taz die Kolumne „Bei aller Liebe“, in der sie sich mit Beziehungen und Liebe, aber auch mit Rassismus und Mikroaggressionen auseinandersetzte. Anfang 2026 erschien bei Kiepenheuer & Witsch ihr Buch „1000 letzte Dates: Wie ich die Liebe suchte und etwas Besseres fand“, eine autobiografisch geprägte Sammlung von Erfahrungen im Dating-Kontext. Darin reflektiert Dushime nicht nur frühere Dating-Erlebnisse, sondern auch ihr Erfahrungen beim Dating als getrennt erziehende Mutter. Zugleich setzt sie sich kritisch mit heteronormativen Beziehungsvorstellungen, patriarchalen Strukturen und Rassismus auseinander und rückt die Bedeutung von Freundschaften und alternativen Familienmodellen gegenüber der klassischen romantischen Zweierbeziehung in den Mittelpunkt.
Anna Dushime wurde 1988 in Ruanda geboren. Im Alter von zehn Jahren kam sie mit ihrer Familie nach Deutschland und wuchs in Neukirchen-Vluyn am Niederrhein auf.
An einem Montagmorgen im Juni sitzt sie mit ihrem dritten Kaffee des Tages in einem sonnigen Charlottenburger Café. In dieser Gegend hatte sie bereits mehrere Dates, quasi zu Recherchezwecken.
„Ich habe manchmal das Gefühl, Berliner sind in so einer Coolnessfalle gefangen.“
Autorin Anna Dushime
Anne Dushime hat, wie andere auch, beobachtet, dass die Fülle an verschiedenen Apps und die ständige Verfügbarkeit neuer Optionen vielen Berliner:innen die Freude am Kennenlernen verdirbt. Trotzdem hat sie während der Recherche für ihr Buch entdeckt: Dating kann auch Spaß machen. „Natürlich daten viele mit der Absicht, in eine Beziehung überzugehen – dass dieses erste Date endlich das letzte ist“, sagt sie. „Aber vor allem jetzt, wo meine Familienplanung abgeschlossen ist, habe ich für mich gemerkt: Hey, ich muss nicht als heterosexuelle Frau den Mann fürs Leben finden, mit dem ich Kinder kriegen kann. Sondern erstmal suche ich eine gute Zeit am Donnerstagabend. Es ist eher ein Spaß, Zeitvertreib.“
Was Berliner:innen ihrer Meinung nach vielleicht fürs Dating aus anderen Städten oder anderen Ländern lernen könnten? „Berliner können von den Kölnern auf jeden Fall lernen, ein bisschen freundlicher zu sein.“ Und: „Obwohl ich es nicht schlimm finde, sich in der Eckkneipe zu treffen oder halt mal spazieren zu gehen, könnte man sich sicher von anderen auch abgucken, sich manchmal ein bisschen mehr Mühe zu geben. Ich habe manchmal das Gefühl, Berliner sind in so einer Coolnessfalle gefangen.“
Die Heterofatalismus-Debatte
Das Dating-Game mit Kind habe Anna Dushime zwar noch vorsichtiger werden lassen, als man ohnehin als Frau nun mal sei, und sie würde sehr lange warten, bis sie jemand ihrem Kind vorstellen würde. Vor allem hat sie für sich festgestellt: „Dass die höchste Beziehungsform die romantische Zweierbeziehung ist, checke ich nicht.“
Und sie sagt: „Es gibt gerade so eine Stimmung, wo sich die Dating-Verhältnisse verändern. Ist die höchste Beziehungsform wirklich die romantische Zweierbeziehung, oder können auch andere Formen gleichberechtigt, oder sogar drüber gestellt werden?“
Diese Debatte lässt sich seit geraumer Zeit auch in den sozialen Netzwerken beobachten.
Die Dating-Erfahrungen der tip-Leser:innen
Auf TikTok sprechen Content-Creatorinnen davon, Männer „dezentrieren“ zu wollen, also ihr Leben nicht länger nach Männern und romantischen Beziehungen auszurichten. Für diese Haltung hat sich inzwischen ein eigener Begriff etabliert: Heterofatalismus. Passend dazu ging kürzlich ein Vogue-Artikel mit dem Titel „Is Having a Boyfriend Embarrassing Now?“ viral. Ist es peinlich, einen Freund zu haben?
Laut einer Umfrage, die von Tinder 2025 in Auftrag gegeben wurde, fühlten sich außerdem 64 Prozent der Befragten im Dating-Kontext monatlich mit toxischer Männlichkeit konfrontiert, 40 Prozent sogar wöchentlich. Gleichzeitig gaben 56 Prozent der Männer an, sich unter Druck gesetzt zu fühlen, einem bestimmten Rollenbild zu entsprechen.
Grindr besteuern?
Der Frust über Dating-Apps hat inzwischen auch eine Gegenbewegung hervorgebracht, die Mechanismen der großen Plattformen hinterfragt – und die kommt nicht selten aus Berlin.
Ein Beispiel ist die 2021 gegründete Dating-App Blindmate. Statt selbst durch Profile zu swipen, können Nutzer:innen ihre Freund:innen als digitale Kuppler agieren lassen. Diese erstellen dann Teile des Profils und schlagen potenzielle Matches für ihre Single-Freund:innen vor. Die Idee dahinter: Wenn Algorithmen und endloses Swipen nicht zum Glück führen, müssen vielleicht Menschen wieder stärker vermitteln.
Einen anderen Vorschlag machte kürzlich der Sprecher für Queerpolitik der Linksfraktion im Bundestag, Maik Brückner: Die Bundesrepublik solle ausgerechnet Grindr besteuern. Seine Begründung: Digitale Angebote wie Grindr trügen zur Veränderung des Ausgehverhaltens bei, das Kennenlernen passiert im Digitalen anstatt, wie früher, in den queeren Bars der Stadt – diese wiederum bangen in Berlin vermehrt um ihre Existenz. In ihren Kassen fehlt Geld, während Grindr für ihre werbefreie Premium-Version zwischen 30 und 50 Euro im Monat nimmt.
Erledigt die KI bald das Matching?
Doch nun steht bereits die nächste Stufe der algorithmusgesteuerten Partner:innensuche ins Haus. Bumble kündigte neulich eine radikale Umstellung an: Das Swipen soll abgeschafft werden, die Künstliche Intelligenz übernimmt dann das Matching. Auch Tinder setzt in den letzten Monaten verstärkt darauf: Die neue Funktion „Chemistry“, die zunächst in Neuseeland und Australien getestet wird, läuft in Kooperation mit ChatGPT-Konzern OpenAI. Laut Berichten können Nutzer:innen der App damit Zugriff auf die eigene Fotobibliothek geben. Daraus leitet die KI dann „Insights“ ab, die auf die Persönlichkeit schließen, und schlussfolgert daraus, bei welchen Personen man interessiert sein könnte. In Deutschland ist die Funktion bisher nicht nutzbar, Grund dafür sind EU-Datenschutzbestimmungen.

Das Dating in der echten Welt
Emre* hat vor drei Monaten alle Dating-Apps gelöscht und probiert es nun offline. Vor zweieinhalb Jahren ist er von Istanbul nach Berlin gezogen.
Es ist ein Donnerstagabend im Electric Social, einer Barcade – halb Bar, halb Spielhalle – am Alexanderplatz. Hier findet an diesem Abend die Queer Edition von „Love at First Slide“ statt, ein Veranstaltungsformat, bei dem Freund:innen ihre Single-Freund:innen in kurzen PowerPoint-Vorträgen präsentieren – inklusive Hobbys, „Green Flags“ und „Red Flags“ sowie Vorstellungen von einer Beziehung. Eine Alternative zu den Apps.
Immer mehr Berliner:innen versuchen inzwischen, das Kennenlernen aus dem Digitalen zurück in die echte Welt zu holen. Dafür spricht, dass in den letzten Monaten vermehrt neue Veranstaltungen auftauchen, die sogenanntes Offline-Dating ermöglichen: vom Kennenlernen und Kebap beim Candlelight Döner, bis zum Mindful Dating, ein Speed-Dating-Format, das den Fokus auf Achtsamkeit statt auf oberflächlichen Smalltalk legen will.
„Drogen sind viel zu normalisiert in Berlin. Wenn man darauf keinen Bock hat, verkleinert sich der Dating-Pool direkt sehr stark.“
Eleni*, Teilnehmerin bei „Love at First Slide“
Oder eben „Love at first Slide“. Am Eingang kleben sich die Freundinnen Marlene* und Liv* kleine herzförmige Sticker auf die Kleidung. Die Farben signalisieren, wonach jemand sucht. Liv hat eine Präsentation vorbereitet, um Marlene vorzustellen – vielleicht sitzt ja ein potenzielles Match im Publikum.
Emre, jener Mann, der vor kurzem alle Apps gelöscht hat, ist mit Eleni* gekommen. Sie präsentiert ihren schwulen besten Freund. Die schwule Dating-Szene in Istanbul sei „noch oberflächlicher als hier“, sagt Emre. In Berlin hingegen würden alle am Anfang behaupten, sie suchten etwas Langfristiges – „und dann haben sie plötzlich doch „commitment issues“, also Bindungsängste.
Seine Freundin Eleni, die ebenfalls queer ist, aus Griechenland stammt und seit neun Jahren in Berlin lebt, hat dagegen überwiegend positive Dating-Erfahrungen gemacht – auch mit Apps.
Ihr größter Kritikpunkt: „Drogen sind viel zu normalisiert in Berlin. Wenn man darauf keinen Bock hat, verkleinert sich der Dating-Pool direkt sehr stark.“
Nachdem die Präsentationen vorbei sind und die Dragqueen Ocean, die durch den Abend moderiert, den offiziellen Teil für beendet erklärt, bleiben die meisten Besucher:innen noch in der Bar. Manche versuchen sich an den Arcade-Spielen, an Space Invaders oder Dance Dance Revolution. Später liegt sich eine kleine Gruppe vor der Karaoke-Maschine in den Armen und schmettert ins Mikrofon: „My Heart Will Go On.“ Wenn heute Abend keine Liebschaften entstanden sind, dann aber vielleicht neue Freundschaften.
Glück auch ohne große Liebe
Dass am Ende eines erfolgreichen Dates nicht unbedingt die „große Liebe“ stehen muss, zeigt auch die Geschichte von Lena und Nele, den beiden Frauen, die nach ihrem Match spontan spätabends ins Rollbergkino gingen. Aus dem Date wurde keine Beziehung, aber fast drei Jahre später sind die beiden immer noch eng befreundet.
Auch bei Sophie, der Musikerin, die einst mit einem Date in den Plänterwald einstieg, hat es erst später gefunkt – mit einem Schlagzeuger. Als sie ihr erstes eigenes Album aufnahm, suchte sie per Anzeige Mitmusiker:innen. Es meldete sich: Drummer Luis. Neben mehreren erfolgreichen Musik-Sessions funkte es auch anderweitig zwischen den beiden.
Zum ersten Date nahm sie ihn mit in die inzwischen geschlossene Kultstätte „Keller“ auf ein Gypsy Swing Konzert. Beide verliebten sich beim Tanzen.
Heute sind sie seit neun Jahren verheiratet und haben zwei Kinder. Ein sehr Happy End.







