„Die Nachtigall klingt wie Techno“

Frau Kipper, welcher Singvogel in Berlin ist eigentlich der größte Virtuose?
Das kommt ganz drauf an. Klassik-Fans, die sich für Kompositionen und vielschichtige Notensysteme interessieren, würden auf jeden Fall die Amsel nennen. Die Techno-Fraktion, die nachts unterwegs ist, findet vermutlich eher die Nachtigall spannend. Sie fabriziert ja ein Stakkato, das ganz gut mit den Beats per Minute eines Techno-Tracks vergleichbar ist. Und dann hätten wir noch die Lerchen, die viel durcheinander singen, wie zum Beispiel auf dem Tempelhofer Feld. Das dürfte Liebhaberinnen und Liebhabern von Jazz gefallen.
„Alle Vögel sind schon da / Amsel, Drossel, Fink und Star“ – die Verse aus dem berühmten Volkslied, das August Heinrich Hoffmann von Fallersleben im Jahr 1835 verfasst hat, werden auch in diesem Frühling an Kitas und Schulen gesungen. Dabei verbreitet das Lied eine Falschmeldung, wie Sie in Ihrem Buch „Vom Glück des Vogelgesangs“ herausarbeiten. Unsere Amsel ist schon lange kein Zugvogel mehr, der aus wärmeren Gefilden zurückkehrt. Sie bleibt auch winters in der gemäßigten Zone. Können Sie noch einmal erklären, wie es dazu gekommen ist?
Als das Lied entstanden war, zog die Amsel tatsächlich noch jedes Jahr in den Süden. Dass nun mehr und mehr Tiere dieser Art den Winter hier verbringen, hat damit zu tun, dass Amseln ihr Zugverhalten den Umständen anpassen können. Wenn die Winter in unseren Breitengraden wärmer und milder werden, dann hat ein Vogel, der an seinem Brutort in der gemäßigten Zone bleibt, unter Umständen bei der Revier- und Weibchenwahl im Folgejahr einen Zeitvorteil gegenüber einem fortgezogenen Artgenossen. Und auch der Zug selbst birgt ja Risiken. Dieser Trend zur Überwinterung vor Ort lässt sich auch bei vielen anderen Vogelarten beobachten.
Vogelforscherin Silke Kipper: „Der Zauber bleibt erhalten“
Als Verhaltensbiologin haben Sie jahrzehntelang die Gesänge von Vögeln studiert. Sie lieben vor allem die Nachtigall. Etliche Nächte haben Sie sich im Treptower Park um die Ohren geschlagen, um unter anderem die Auswirkungen des Melatoninspiegels auf gesangliche Aktivitäten zu untersuchen. Jenes Hormons also, das eine Rolle dabei spielt, den Organismus nachts in einen Ruhezustand zu versetzen. Warum fasziniert Sie der Gesang dieser Art?
Die Nachtigall birgt immer noch Geheimnisse. Ich habe zwanzig Jahre lang ihren Gesang erforscht und dabei den Forschungsstand um einige Bausteine ergänzt. Vieles im Nachtigallgesang bleibt aber weiter unentschlüsselt. Ein Grund für meine Begeisterung ist die Komplexität ihres Gesangs: ein Nachtigallmännchen ist in der Lage, zwischen 200 und 280 verschiedene erlernte Strophen zu singen. Was mich besonders umtreibt, ist die Frage, warum die Nachtigall aus diesem umfangreichen Repertoire schöpfen kann – während der Buchfink mit nur drei Strophen auskommen muss. Dabei wollen bei dieser Spezies die Männchen ja mit dem Gesang ebenso ein Revier verteidigen und den Weibchen imponieren.
Woran liegt es denn, dass eine Vogelart variantenreicher ist als die andere?
Je nach Blickwinkel bieten sich verschiedene biologische Erklärungen an. Zum Beispiel kann man fragen, wie sich die Gesänge der Arten in der Evolution entwickelt haben. Aus physiologischer Sicht beeinflussen Hormone wie das erwähnte Melatonin ebenso wie die Struktur des Nervensystems die Art und Weise, wie Vögel ihre Gesänge regulieren. Dabei tauchen immer wieder neue Fragen auf. So bleibt der Zauber erhalten.
Sie schreiben im Zusammenhang von Vogelgesängen auch von „Strophe“ und „Chorus“. Wie muss man sich diese Liedstruktur vorstellen?
Diese Begriffe sind von alten Herren geprägt worden, die das Beobachten von Vögeln verwissenschaftlicht haben. Sie zeugen vom Versuch, Gesänge von Vögeln mit menschlich-musikalischen Begriffen zu beschreiben. Mit einer Strophe ist ein Gesangspart mit Pausen davor und danach gemeint. Vom Chorus spricht man, wenn mehrere Tiere einer Art zeitgleich singen. Derselbe Begriff wird auch verwendet, wenn verschiedene Arten zur gleichen Zeit zu hören sind. Der Morgenchorus ertönt zum Beispiel, wenn Vögel zu früher Stunde ihre Gesänge parallel zum Besten geben.
Vogelforschung: „Mittels Akustik teilt Männchen mit, wie groß es ist“
In Ihrem Buch schreiben sie vom „Nachtigallisch“. Können Sie uns ein Beispiel für diese Sprache geben?
Das Männchen pfeift manchmal auf eine Art, die für menschliche Ohren romantisch klingt. Darauf folgt dann die eigentliche Strophe. Solche Pfeiftöne praktiziert das Männchen häufiger, wenn ein Weibchen in der Nähe ist. Sie dienen der Balz. Ebenso wie ein anderes Gesangselement der Nachtigall – der „Buzz“, ein unmelodischer Basston. Mittels dessen Akustik teilt das Männchen mit, wie groß und schwer es ist. Gewissermaßen berichtet es von seinem Body-Mass-Index. Diese Information kann das Weibchen nutzen, um zu entscheiden, ob hier Mr. Perfect singt.
Welche Auswirkungen hat das Zirpen, Trällern und Tirilieren vor der Haustür auf die mentale Gesundheit von Stadtmenschen?
Studien weisen eine Korrelation nach zwischen der Beheimatung in Gebieten mit ausgeprägten Vogelgesängen und einer größeren Lebenszufriedenheit. Demnach soll Vogelgesang die empfundene Lebenszufriedenheit sogar besser vorhersagen können als das finanzielle Einkommen. Das ist schon stark.
Falls jemand in einer steinernen Hochhaussiedlung wohnt: Reicht dann auch eine Audiodatei auf Spotify im eigenen Wohnzimmer?
Es gibt Hinweise, dass eine solche Klangkulisse dazu beiträgt, sich zu konzentrieren und an Dinge zu erinnern – selbst wenn die Klänge künstlich erzeugt werden. Eine Voraussetzung dabei ist, dass eine Vielfalt verschiedenster Gesänge zu hören ist und kein Sologesang. Dieses atmosphärische Hintergrundgeräusch perlt an uns ab und hilft dabei, sich zu fokussieren.
Zwitschern die Vögel in der Stadt eigentlich anders als ihre Artgenossen in ländlichen Regionen?
Vögel in der Stadt beginnen früher mit dem Singen – und hören später am Abend auf. Das hat schlicht damit zu tun, dass es in städtischer Umgebung aufgrund der elektrischen Beleuchtung heller ist. Einige Arten haben sich neuerdings sogar angewöhnt, nachts zu singen. Für viele Arten wurden auch Unterschiede in der Gesangsstruktur nachgewiesen. Hier ist vermutlich die städtische Geräuschkulisse die Erklärung.
Unter Vögeln in der Stadt gibt es auch Gentrifizierung…
Es gibt viele Arten, die von der Urbanisierung in die Flucht geschlagen worden sind. Vor der Verstädterung bestand der Großraum Berlin ja noch aus Wäldern, Sümpfen und Heideland. Ortolan, Blaukehlchen oder Heidelerche kommen zumindest mit innerstädtischen Verhältnissen nicht klar. Einige wenige Arten wiederum migrieren in großen Populationen in die Städte – wie der Hausrotschwanz, der eigentlich aus den Alpen stammt. Dessen Population ist in Berlin nach dem Zweiten Weltkrieg in die Höhe geschossen, weil die Ruinenlandschaft seinen Ansprüchen für erfolgreiches Brüten entsprochen hat.
Der Hausrotschwanz ist sehr verbreitet in Berlin und ist trotzdem weniger bekannt als die äußerst populäre Amsel. Warum fristet er ein Mauerblümchendasein?
In der Tat gibt es kaum einen Hinterhof, wo der Hausrotschwanz nicht morgens als einer der ersten Vögel aktiv ist. Er fühlt sich wohl in einer steinernen Umgebung und braucht nur wenig Grün. Viele Leute empfinden seinen etwas sperrigen Gesang als Beleidigung fürs Ohr. In meinem Buch habe ich eine eigene Beschreibung hinzugefügt. Ich finde, er klingt so, als ob man an einem Kirschkernkissen reiben würde.

Man lernt aus Ihrem Büchlein, die Laute von Vögeln korrekt in Worte zu fassen. Die Elster „schäckert“ oder „schackert“ zum Beispiel. Für den erwähnten Hausrotschwanz haben Sie sogar ein eigenes Sprachbild erschaffen. Muss man als Vogelkundlerin wortmächtig sein – weil der konventionelle Wortschatz oft nicht reicht, um eine Beobachtung zu artikulieren?
Eine Vogelkundlerin darf und muss sprachlich kreativ sein, wenn sie interessierte Menschen jenseits der Wissenschaft erreichen möchte. Es gibt ganze Bücher darüber, welche Worte kreiert oder umgedeutet wurden im Laufe der Jahrhunderte, um Vogelgesänge zu beschreiben. Lerchen tirilieren, Spatzen tschilpen, Schwalben zinzelieren. Als bekennende Freundin von Heinrich Heine mag ich dessen Lautmalerei für die Nachtigall. „Züküht! Züküht!“ singt sie im Gedicht „Im Anfang ist die Nachtigall“. Das klingt fantastisch. Es gibt diverse Versuche aus dem Mittelalter, teils sogar aus der Antike, um Vogelgesänge in Sprachmuster zu packen. Die technische Möglichkeit, Vogelgesänge aufzuzeichnen, existiert ja erst seit der Moderne.
Vogelforscherin Silke Kipper: „Fasziniert vom Vogelgesang in Brechts Werk“
Ein Trend in der Literatur ist das Nature Writing. Ein Beispiel dafür ist die Reihe „Naturkunden“, die die preisgekrönte Schriftstellerin Judith Schalansky im Verlag Matthes & Seitz herausgibt. Inzwischen sind in dieser Reihe schon mehr als 100 Bücher erschienen, sie handeln von Wespen, Krähen, Farnen oder Birken. Warum sollte uns heutige Menschen eigentlich die Tier- und Pflanzenwelt im Zeitalter der Erderwärmung so sehr interessieren?
Die Natur ist eine wunderbare Allegorie auf letztlich alles. Zum einen ist da der persönliche Aspekt. Natur erhöht das Wohlbefinden. Zum anderen schärft die Auseinandersetzung mit ihr den Blick für die Debatte, welche Arten die Gesellschaft schützen sollte. Eine Frage, die sich nicht pauschal beantworten lässt, zumal speziell die Verbreitung von Vogelarten in Berlin auch schon vor dem Klimawandel einem ständigen Wandel unterworfen war. Am Beispiel des Treptower Parks lässt sich das veranschaulichen: Vor der berühmten Gewerbeausstellung im Jahr 1896 hat sich dort ein anderes ornithologisches Erscheinungsbild gezeigt als in den unmittelbaren Jahren nach 1945. Welchen Zustand halten wir aber nun aus heutiger Sicht für erstrebenswert? Darüber lässt sich trefflich diskutieren. Unabhängig davon gibt es Sachverhalte, über die man sich einig sein sollte. Zum Beispiel darüber, dass die Grünflächenämter die Brennnesselstreifen in den Parks nicht beschneiden lassen sollten. Sie sind für das Überleben von Bodenbrütern wie Nachtigall oder Zilpzalp essenziell.
Sie sind lange Biologie-Professorin gewesen, haben aber auch ein großes Faible für kulturwissenschaftliche Querbezüge. In Ihrem Buch thematisieren Sie Auftritte von Vögeln in Mythos, Dichtung und Popkultur. Die bekannteste Hommage ist der Song „Blackbird“ von den Beatles, den Beyoncé auf ihrem aktuellen Album gecovert hat. Sie handelt von einer Amsel. Haben Sie einen Favoriten unter Vogeldarstellungen in der Kulturgeschichte?
Das hängt von meiner Tagesform ab. Während meiner Recherchen war ich ganz fasziniert, wie viel Vogelgesang im Werk von Bertolt Brecht steckt. In meinem Buch zitiere ich zum Schluss sein Gedicht „Als ich in weißem Krankenzimmer der Charité“, das er im Frühjahr 1956 geschrieben hat. Das Gedicht ist unendlich traurig, macht aber auch Hoffnung. Es geht darum, das Wissen zu ertragen, dass der Amselgesang selbst dann noch ertönt, wenn wir nicht mehr existieren.
Zur Person
Silke Kipper war Biologie-Professorin an der Freien Universität Berlin und der Technischen Universität München. Sie ist in Ost-Berlin aufgewachsen. Im Mittelpunkt ihrer Forschung steht die Frage, wie Tiere über Gesänge, Rufe und andere Äußerungen Informationen austauschen. Inzwischen lebt sie in der Prignitz in Brandenburg und arbeitet als Grundschullehrerin.