Deutschlands kuriosester Feuerwehrwagen ist ein mobiles Kino

Wenn sich zwei Busfahrer auf der Straße begegnen, wird sich freundlich zugenickt. Auch unter Feuerwehrleuten grüßt man sich. Tobias Rank kennt diese Geste gut. In seinem roten Feuerwehrauto wird ihm regelmäßig zugewunken: von staunenden Passanten auf dem Gehweg genauso wie aus anderen Löschfahrzeugen heraus. Dabei rückt seines längst nicht mehr zu Bränden aus, und Rank – der ist offiziell auch kein Feuerwehrmann. Wohl aber: der entspannteste Feuerwehrfahrer des Landes. Mit einer Maximalgeschwindigkeit von 78 Stundenkilometern reist er zur Zeit durch Deutschland.
Rank, eigentlich Musiker, betreibt mit seinem Oldtimer ein Wanderkino und zeigt Stummfilme mit Livemusik-Begleitung. Damit reiht er sich in eine alte Tradition ein: Lange bevor es feste Lichtspielhäuser gab, zogen schon Ende des 19. Jahrhunderts Schausteller mit Projektoren von Ort zu Ort. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte das Wanderkino eine zweite Blüte.
Heute hingegen sind die mobilen Kinos zur Rarität geworden. Umso neugieriger die Menschen, wenn Rank mit seiner Feuerwehr vorbeifährt. Um wirklich mit einem Einsatzfahrzeug verwechselt zu werden, sei der Wagen zu alt: 1969 gebaut, war er früher im Dienst der Freiwilligen Feuerwehr im bayerischen Töging am Inn. Langstrecken waren für das Fahrzeug nie gedacht: „Die sind wirklich nur für kurze Einsätze gebaut gewesen“, erklärt Rank. Das scheint ihn jedoch nicht aufzuhalten: Jeden Sommer legt er 12.000 bis 15.000 Kilometer zurück. Für 2026 stehen über 100 Kino-Vorstellungen im Kalender. Zwischen den Spielorten verbringt Rank unzählige Stunden in dem Fahrzeug, das so laut ist, dass er es nur mit Kopfhörern aushält. „Ich bin eigentlich von Beruf Kraftfahrer“, witzelt er. Schließlich verbringe er in den Sommermonaten viel mehr Zeit auf der Straße als mit der Musik.

Dabei brachte ihn die Musik zu seiner heutigen Tätigkeit. Rank studierte Klavier, Cembalo, Komposition und Improvisation an der Hochschule für Musik „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig und gibt inzwischen Meisterkurse in Bangkok oder Tunis. Bereits während des Studiums hatte er Livemusik zu Filmvorführungen gespielt. „Viele Zuschauer wissen nicht, dass Stummfilme ursprünglich fast immer live begleitet wurden.“ Die Idee, diese Praxis fortzuführen, hatte Rank mit einem gemeinsamen Freund Ende der 1990er-Jahre.
Eine Rarität: Das Feuerwehr-Kino kommt nur selten vorbei
Der Umbau des Löschfahrzeugs zum Kino sei „kein Zauberwerk“ gewesen, sagt Rank bescheiden. Die frühere Rettungsleiter trägt heute die Leinwandkonstruktion. Auf dem Dach sind Stühle und Lautsprecher festgezurrt.
Kommt das Wanderkino an, verwandeln sich Dorfplätze, Parks oder Fußgängerpassagen in Freiluftkinos. Kaum ein Ort scheint ungeeignet: Jedes Jahr wird der Wagen etwa am Ostseestrand platziert, wo er von Traktoren in den Sand gezogen wird. Auf dem Friedhof Stahnsdorf zeigte Rank einst „Nosferatu“ direkt am Grab des Regisseurs Friedrich Wilhelm Murnau. „Man kommt viel rum“, erzählt Rank. „In Gegenden, in die man sonst vielleicht nicht fahren würde.“
Musikalisches Wanderkino: Improvisation auf höchstem Niveau
Kurz vor Sonnenuntergang treffen die ersten Gäste ein, viele breiten eigene Picknickdecken im Gras aus. Beim Kassentisch gibt es Tetra-Pak-Wein und Eintrittskarten. Ganz hinten steht der 16-Millimeter-Projektor. Daneben liegen sorgfältig vorbereitete Filmrollen, einige davon echte Raritäten, die er mitunter bei Sammlern im Ausland aufgespürt hat. Sobald alle Stühle aufgestellt wurden, platziert Rank das Herzstück des Abends: sein E-Piano.
Mit Einsatz der Dämmerung tritt er vors Publikum, wünscht einen zauberhaften Filmabend und verschwindet kurz, um den Film einzufädeln. Schon beginnt das vertraute Rattern des Projektors. Über den Köpfen der Zuschauer fliegt eine Fledermaus, im Hintergrund rascheln Bäume. Dann erklingen erste Klaviertöne.
Rank begleitet die Filme live, improvisiert mit Blick auf die Leinwand: Der Film ersetzt die Noten. Während skurriler Verfolgungsjagden spielt er schwungvoll; melancholisch, wenn die Liebenden im Film nicht zueinander finden. Natürlich helfe es, einen Film grob zu kennen, um gut improvisieren zu können, sagt Rank. „Wild wird es, wenn man den Film noch nie gesehen hat.“ Doch auch das komme vor. Manchmal spielt er allein, manchmal mit Gästen. An diesem Abend steht unter einem Baum die Violinistin Izabela Kałduńska und wartet auf ihren Einsatz. In Berlin begleitet ihn oft Bratschistin Waltraut Elvers; manchmal ergänzt Sebastian Pank, langjähriger Weggefährte, das Ensemble mit Saxofon und Bassklarinette.
Gezeigt werden teils über 100-jährige Komödien wie Charlie Chaplins „Der Boxer“ oder Buster Keatons „Sherlock, Jr.“ „Der Humor verbindet die unterschiedlichsten Zuschauer“, sagt Rank, deshalb funktionieren die Filme bis heute. Vieles an seinen Abenden wirkt angenehm aus der Zeit gefallen. „Die Sehnsucht nach dieser Art Kino ist groß“, beobachtet er und begründet das mit einem „digitalen Überdruss“, einer bewussten Rückkehr ins Analoge. „Ich merke, dass die Leute dies suchen.“ Um die Zukunft des Projekts mache er sich daher kaum Sorgen: „Ich habe so viele Anfragen, dass ich im Moment kaum akquirieren muss.“
Nach Ende der Vorführung werden letzte Picknickdecken gefaltet, während Rank die Leinwand abhängt. Sobald alles verstaut ist, wird er vielleicht in seiner mobilen Küche etwas kochen, in seine kleine Schlafkabine klettern und die Vorhänge zuziehen. „Extrem spartanisches Camping“, nennt er das. Vielleicht schafft er noch ein paar Seiten in einem der unzähligen Bücher, die er dabeihat. Am meisten freut er sich darauf, morgens wieder von Vogelgezwitscher geweckt zu werden. Im Herzen ist er schließlich immer noch – und vor allem – das eine: Musiker.




