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Wilmersdorf – Wo alles geht

Wo sich Berlin wie New York anfühlt, Hypes Hausverbot haben und Diversität einfach Alltag ist. Ortserkundungen in Wilmersdorf
Text: tipBerlin Redaktion
Veröffentlicht am: 27.05.2026
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Austern im Bostich: Auch das ist ein ziemlich Wilmersdorfer Gefühl. © Foto: Valentin Cheli

Text: Clemens Niedenthal & Lennart Koch

Warum Wilmersdorf? Nein, wir fragen hier nicht, warum wir hier eine große Geschichte über Berlins wahrscheinlich weltstädtischsten Stadtteil schreiben. Diese These werden wir, versprochen, im Folgenden gleich mehrfach belegen. Warum aber ist Caprice Crawford ausgerechnet nach Wilmersdorf gezogen? Immerhin kam die zwischen Nordrhein-Westfalen und Nordamerika aufgewachsene Agentin, Produzentin und Schauspielerin direkt aus Los Angeles, wo sie so energisch wie erfolgreich in der Filmindustrie Fuß gefasst hatte.

Die eine Wahrheit: Wilmersdorf hatte, zumindest vor ein paar Jahren, noch eine vergleichsweise entspannte Wohnsituation. Mindestens genauso aber, so Caprice Crawford „wurde Wilmersdorf für mich zu einer Nachbarschaft, die mich am deutlichsten von ganz Berlin an die besten Momente von New York erinnert. Es gibt eine chinesische Community, es gibt eine türkische und libanesische Community. Es gibt die tollen alten Damen mit den riesigen Kleiderständern, es gibt die Kunstszene und neuerdings auch immer mehr junge Menschen – und alle identifizieren sich als Wilmersdorfer:innen. Diese Nachbarschaft gibt den Menschen eine Identität.“

Caprice Crawford hat das am eigenen Leib erfahren. Mit den täglichen Besorgungen, mit dem Lunch im Shaniu’s Noodle House oder dem Kaffee im SweetGo am Ludwigkirchplatz, wuchsen die Beziehungen. Manche könnte man längst Freundschaften nennen. Und als das Ehepaar, bei dem sie immer den losen Grüntee gekauft hatte, vor gut einem Jahr ihren Laden auf der Uhlandstraße aufgeben wollten, fragten sie freundschaftlich nach, ob die Filmagentin nicht eine geeignetes Büro bräuchte.

Noch so eine ganz beiläufig gelöste Immobilienfrage, hier in Wilmersdorf.

Nichts ist geleckt, nichts aufgeblasen

Theo Ligthart, der Partner von Caprice Crawford, nimmt mich mit auf einen Rundgang durch seine Nachbarschaft. Es ist der Mittwochabend vor einem Feiertag, in die Frühlingsluft mischt sich eine vorfreudiges Erwartungshaltung. Aber auch die ist hier zwischen Fasanenplatz, Pariser Straße und Ludwigkirchplatz viel entspannter als in all den aufgeheizten Ecken der Stadt. Stehbierrunden vor dem Kuchel-Eck, gutbürgerliches Bierlokal seit 1920. In Shaniu‘s House of Noodles, – Gastgeber Lin Changging sieht so aus wie die Musik, die er am liebsten hört, amerikanischen Jazz und Bebop der 1950er-Jahre – ist das Publikum um die Siebzig und unter Dreißig. Und es scheint, als wüssten alle ganz genau, was sie tun, also was sie bestellen. Das koreanische Chicken, die Dumplings, auch und vor allem die Innereien vom Rind. Nichts ist geleckt in Shaniu‘s House of Noodles, nichts inszeniert oder aufgeblasen.

Die Ludwigkirchstraße ist die nachtaktivste Meile Berlins

Alle sind hier glücklich, oder sie sehen mindestens ziemlich glücklich aus. Was, zugeben, auch daran liegen könnte, dass scharfes Essen ja angeblich euphorisch macht.

Ums Eck in der Ludwigkirchstraße ist die Stimmung im Bostich auch um Mitternacht hervorragend. Was auch an dieser smarten Pointe des herrlich übertriebenen Bistros mit der chronischen Champagnerlaune und den Meeresfrüchte-Etageren liegen könnte: Dem Bostich ist es egal, ob man es nun als très parisienne liest. Oder umgekehrt als eine ironische Inszenierung, als Camp.

Dass das Lokal unter anderem dem Künstler und Yello-Musiker Dieter Meier gehört, setzt noch ein Ausrufezeichen hinter diesen Mythos. Der junge, gut aussehende Service umsorgt ein altersloses Wilmersdorfer (und durchaus auch gesamtberliner) Publikum so galant wie nonchalant. Und wäre es nun noch ein paar Grad wärmer, würden sie alle schon wieder auf dem Trottoir und den Terrassen sitzen, bis nachts um Eins oder Zwei. Das Dreieck Ludwigkirch- Fasanen- und Pariser Straße, sagt Charlotte Fedtke aus dem Rum Trader, eben dort „ist vermutlich die nachtaktivste Meile Berlins“.

Die älteste Bar Berlins

Im Rum Trader am Fasanenplatz sind wir auch gelandet, weil der Wilmersdorfer Theo Lighthart der Gründer der Berliner Spirituosenmanufaktur Freimeisterkollektiv ist. Ein Mann mit einem Geist für gute Drinks. Aber natürlich gehört die 28 Quadratmeter kleine Bar in jede Geschichte über Wilmersdorf. Gerade erst, im Mai, hat man den 50. Geburtstag gefeiert.

Fedtke und ihr Partner Sahand Zamani hatten Berlins dienstälteste Bar kurz vor der Pandemie übernommen. Nach Herrn Schröder und Herrn Scholl, mehr Inhaber gab es in all den Jahrzehnten nicht. Auch das erzählt viel von der Verlässlichkeit dieses Stadtteils. Mit der Pandemie kam die unerhörte Idee, das ehedem geheime Leben an der Bar auch in den Stadtraum zu öffnen. Seitdem hat auch der Rum Trader eine Terrasse. Und im Rum Trader sind die Nächte lang. „Seitdem hatten wir noch nicht eine Beschwerde, selbst die alte Dame in der Wohnung direkt über der meinte nur, dass das doch toll sei: ,endlich Leben‘.“

Und dann sagt Sahand Zamani, in Teheran geboren und in Charlottenburg aufgewachsen, noch diesen Satz: „In Wilmersdorf sind wir alle erstmal Wilmersdorfer. Der chinesische Wirt, der Gemüsehändler aus dem Libanon und auch der iranische Barkeeper, das hat mich in einer bestimmten Phase meines Lebens aufgefangen.“

Ein Ort, der sich damit auskennt, Menschen aufzufangen ist, eineinhalb Kilometer Richtung Schöneberg, der Tresen-Treff. Eine Bierkneipe, noch immer. Auch wenn Julia Bentzien, Josha Karlborg und Laurens Friedl aus dem Lokal mit den Hertha-Fähnchen und den Stammtisch-Runden doch auch ein Neo-Wirtshaus gemacht haben, einen Gastro-Pub. Friedl, aufgewachsen im Kreuzberger Graefekiez, hat in den besten Restaurants gekocht. Jetzt kocht er die besten Rouladen und die leckerste Sülze für ein Publikum, dass unterschiedlicher nicht sein könnte. Die einen kommen schon immer, die anderen zum Fußball gucken. Die nächsten, weil es ihnen zu blöd und zu teuer wäre, ihren Pastis in den üblichen Berliner Gesellschaftslokalen zu trinken. Der Rapper Ski Aggu, aktuell der berühmteste Sohn Wilmersdorfs, ist auch schon einmal dagewesen.

„Wilmersdorf“, sagt Laurens Friedl, „ist so wie Kreuzberg früher war.“ Das stimmt natürlich gar nicht. Und dennoch hat er recht.

Was wir hiermit zum Anlass nehmen, nach einer Wilmersdorfer Nostalgie zu fragen.

Man schwört auf seine Boulevards

Die purpurne Seidenbluse hing früher in der Pariser Straße. Im Schaufenster einer Boutique, die es schon länger nicht mehr gibt. Wer das Etikett studiert, erinnert sich. Denn in Wilmersdorf schwört man auf seine Boulevards und Geschäfte, seine Bürgersteige und Lokale. Wenn es das Gespräch erfordert, fällt einem sogar die Modehändlerin ein. „Die hat sich nur von Ernte 23 und Eierlikör ernährt“, könnte man sagen. Oder: „Sie hatte eine 200-Quadratmeter-Wohnung in der Konstanzer“. Und: „Ihr Mann war lange an der Schaubühne.“ Hier auf dem Fehrbelliner Platz, dem trödeligsten aller Trödelmärkte, kennt man sogar Leute, die nie existiert haben.

Es gibt viele Mythen in Berlin. Das Schöneberg der 1970er, das Kreuzberg der 1980er, das Mitte der Jahrtausendwende. In den großen Erzählungen ist Wilmersdorf selten mehr als der kleinbürgerliche Nachbar von Charlottenburg. Im berühmten Musical „Linie 1“ sehnen sich die Wilmersdorfer Witwen nach einer Zeit, in der sie die „Diademe der Reichshauptstadt“ waren – und ihre Ehemänner hohe Tiere im Regime.

Wenn man auf dem Flohmarkt am „Fehrbi“ zwischendurch mal von den mit Raritäten gefüllten Schallplattenkisten, handgefertigten Schmuckstücken und blumenverzierten Porzellantellern aus den 1920er-Jahren hochblickt, sieht man nicht nur den knallroten U-Bahnhof von Rainer G. Rümmler, der zu seiner Eröffnung 1971 für ordentlich Empörung gesorgt hatte, sondern auch die mit Naturstein verkleidete monumentale Randbebauung im typischen Architekturstil der NS-Zeit.

Was hier funktioniert, klappt ohne Spektakel, Inszenierung, Instagram

Die Wilmersdorfer Witwen von heute haben damit nichts mehr zu tun. Ihre Ehemänner waren Notare, Oberärzte oder Alt-68er im Kulturbetrieb. Wenn die gut betuchten Damen in ihrer Festtagsgarderobe an den liebevoll sortierten Marktständen vorbei schreiten, beim Gespräch mit den Händlern ihres Vertrauens auch mal mit einem Glas Sekt anstoßen und immer wieder beweisen, dass sie das Flanieren perfektioniert haben, freut man sich, dass hier in Wilmersdorf doch auch Einiges beim Alten ist.

Seit 1985 findet der Kunst- und Trödelmarkt am Fehrbelliner Platz immer samstags und sonntags statt. Das ganze Jahr über trifft man sich hier zum Tratschen und Feilschen. Zum West-Berliner Adel gesellen sich exzentrische Antik-Experten und ein paar wenige Touristen. Und selbst Expats aus Friedrichshain haben längst erkannt, dass es am Boxhagener Platz nichts mehr zu holen gibt. Dafür umso mehr im Westen, und sei es nur das beste Pad Thai der Stadt, das man bis vor ein paar Jahren noch auf Papptellern im benachbarten Preußenpark serviert bekam.

Guerilla-Picknick im Preußenpark

Was sich in den frühen 1990er-Jahren aus losen Picknicks thailändischer Frauen entwickelt hat, konnte so nur hier passieren. Im gemütlichen Wilmersdorf gab es plötzlich den ersten Streetfood-Markt Berlins. Und der war genauso improvisiert, chaotisch und empowernd wie die sagenumwobenen Berlin-Orte aus den wilden Bezirken. Auch wenn der Thai Streetfood Markt 2024 in die Württembergische Straße umziehen musste und seither etwas gemäßigter und organisierter abläuft, hat zumindest ein kleiner Wilmersdorfer Mythos überlebt.

Überhaupt wäre Mythos hier das richtige Wort. Woanders wären sowohl der Kunst- und Trödelmarkt als auch der Thaipark vom Hype erdrückt worden. Hier im Westen sprechen sich die Dinge aber ganz anders herum, was hier funktioniert, klappt auch ohne Inszenierung, Spektakel und Instagram. Und darin gleichen sich Thaipark und der Fehrbelliner Platz dann doch, egal wie verschieden sie sind. Sie stehen für Wilmersdorf, den beständigsten aller Ortsteile.

Diese Beständigkeit hat auch einen zum Wilmersdorfer werden lassen, den man flüchtig betrachtet eher in den Kunst- und Kulturblasen von Mitte oder im hipsterisch aufgeladenen Neukölln vermuten könnte: Den Künstler Stefan Marx, bekannt für seine minimalistischen, listigen Schriftbilder oder seine Kooperationen mit der Königlichen Porzellan–Manufaktur KPM.

Marx war aus Hamburg nach Berlin gekommen, und ist in eine der südlichen Seitenstraßen des Kurfürstendamms gezogen. An Wilmersdorf schätzt er die unaufgeregten, aber aufregenden chinesischen Restaurants, die überwucherten Tennisplätze hinter der Schaubühne (die nun doch einem Neubauprojekt weichen sollen) und das Avantgarde-Galeristenpaar Ursula und René Block. Vor allem schätzt er eine Nachbarschaft, die er gerade deshalb als weltstädtisch und weltläufig wahrnimmt, weil sie eine Vielzahl der Lebensentwürfe und Lebensstile und der architektonischen An- und Zumutungen zulässt: „Ich hätte nicht in Mitte oder Kreuzberg leben können, wo alle die gleichen Sneakers tragen und in die gleichen immer neuen und gehypten Läden gehen.“

Kunst braucht Reibung, ist es das, was Stefan Marx meint? Aber er möchte einfach in einer Nachbarschaft leben, die Alltäglichkeit zulässt und damit auch eine selbstverständliche Diversität meint.

„Und dann“, sagt Stefan Marx und zeigt lachend die Eisenzahnstraße hinunter, „gibt es in Wilmersdorf ja noch den Pain-Point meiner und aller nachfolgenden Generationen … die Bürobauten der Deutschen Rentenversicherung.“ So ganz kann sich dieser Stadtteil vom Klischee der Wilmersdorfer Witwen also doch nicht lösen.

Aber dann, und da ist diese Geschichte schon fast geschrieben, schlendert plötzlich Philipp Amthor über den Ludwigkirchplatz und kommt ein paar Minuten später mit einer brauen Papiertüte von Zigarren Arnold zurück, woraus sich jetzt folgende zwei Thesen ableiten ließen. Erstens: Was ist Wilmersdorf doch plötzlich für ein junger, viriler Stadtteil geworden. Oder zweitens: Alter ist immer auch nur eine Zahl.


Dieser Artikel ist Teil der Titelgeschichte unserer Ausgabe 6/26. Wir empfehlen auch gleich noch die besten Adressen in Wilmersdorf und unseren Text über Wilmersdorf – das Dorf für die Kunst. Viel Spaß beim Lesen!


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