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100 Jahre Firma „Edsor Kronen“ in Berlin

Edson Kronen
Skalitzer Straße, beim Görlitzer Bahnhof. In der Nähe eines türkischen Imbisses und einer Hochzeitskleider-Boutique befindet sich die Hausnummer 100. Der Weg durch die Toreinfahrt führt in einen asphaltierten Hinterhof. Das Schild mit der Aufschrift „Edsor Kronen“ muss man suchen. Wer jedoch in den zweiten Stock steigt und die Eisentür zu der gleichnamigen Manufaktur öffnet, reibt sich erst mal die Augen. Denn der Gast landet in einem Besucherraum, in der die Zeit vor etwa 80 Jahren stehengeblieben zu sein scheint: Ein dezent geschwun­genes, samtenes Sofa lädt zum Ausruhen ein. Flankiert wird das Möbelstück von zwei dunkel türkis gemusterten Art-dйco-Sesseln. Würde jetzt eine Frau im Flapper-Look der 1920er Jahre den Raum betreten – kein Besucher würde sich wundern. Doch stattdessen tritt Jan-Henrik Scheper-Stuke ein. Der Juniorchef von Edsor Kronen bildet mit seiner britisch-blassen Haut, dem Anzug, dem mit Monogramm versehenen Hemd und der sorgsam gebundenen Fliege das perfekte Pendant zu der erdachten Flapper-Frau. Mindes­tens ge­nauso vollkommen verkörpert der 27-Jährige aber auch das Familienunternehmen selbst. Denn das stellt die Accessoires her, die aus einem Mann erst einen Herrn machen: feinseidene Krawatten, Schleifen, Schals, Kummerbunde und Hausmäntel.
Der Juniorchef ist bester Stimmung. Die anstehende Ablösung des Seniorchefs, seines Onkels Günther Stelly, durch ihn selbst scheint unter einem guten Stern zu stehen. Nach Jahrzehnten, in denen Sport, Freizeit oder gar diverse mitunter auch bizarre Subkulturen bei der Mode den Trend bestimmten, besinnen sich nun immer mehr Männer auf einen gediegeneren Look, gerne mit gewis­senhaft erwähltem Binder. Zum 100-jährigen Jubiläum der Firma Edsor Kronen kein schlechtes Zeichen.
Edsor Kronen KrawattenDabei hat es einen Mann namens Edsor Kronen nie gegeben, verrät Jan-Henrik Scheper-Stuke. „Edsor ist ein Kunstname und leitet sich von ,Edle Sorte‘ ab.“ Einen Schuss Adel habe die Kons­truktion dann noch durch den Namenszusatz „Kronen“ erhalten. Das versnobt klingende Label scheint jedenfalls den Stil des Hauses vorzugeben. „Wir arbeiten hier völlig ohne EDV“, erklärt der Juniorchef beiläufig. Über ein kompliziertes, handschriftlich aufgezeichnetes Nummernsystem werden die voluminösen, handgefertigten Kataloge mit Hunderten unterschiedlichster Stoffrollen in den meterhohen Regalen verbunden. Eine logistische Meisterleistung bei alleine rund 450.000 von Deutschland über Skandinavien bis in die USA verkauften Krawatten. Knapp 60 Mitarbeiter arbeiten für Edsor Kronen.
Immer häufiger beliefert die traditionsreiche Firma nicht nur alt­eingesessene Herrenausstatter, son­dern auch Mitte-Boutiquen wie Wood Wood oder Apartement. Letzterer empfiehlt etwa den silberseidenen Kummerbund zur Designer-Jeans. Aber auch Mo­de­ma­cher wie Michael Michalsky steuern gezielt den Hinterhof in der Skalitzer Straße an, um über Krawatten- oder Schal-Anfertigungen als Auftragsvergabe beziehungsweise Kooperation zu sprechen. Eine Firma, die seit 100 Jahren eine derart überschaubare Produktpalette fertigt, dürfte in der Herstellung eine gewisse Perfektion erlangt haben, mögen die Designer denken. Von der allgemeinen Krisenstimmung ist bei Edsor Kronen im Jubiläumsjahr jedenfalls nichts zu spüren. Was im Zusam­menhang mit der eigenwilligen Firma ir­gend­­wie sehr tröstlich ist.

Text: Eva Apraku

Fotostrecke: Jens Berger/tip

Edsor Kronen Skalitzer Straße 100, Kreuzberg, www.edsor.de, Produkte erhältlich im KaDeWe, Wood Wood, Apartement

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