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12 berühmte Brachen in Berlin: Die Geschichte der Leere

Lange haben die innerstädtischen Brachen Berlin bestimmt. Nach dem Krieg entstanden in vielen Bezirken Leerstellen, die aufgrund der politischen Situation nicht gleich aufgefüllt wurden. Diese urbanen Narben blieben in Mauerzeiten bestehen, plötzlich lagen innerstädtische Grundstücke am Stadtrand, auch wollte man weder in Ost und West zu viel in diese Einöden investieren. Potsdamer und Leipziger Platz wurden zu unwirtlichen Orte, alte Bahngelände verfielen, Brachen in Kreuzberg und Prenzlauer Berg boten der Natur Raum zur Entfaltung. Andere wurden von Künstlern, Aussteigern oder der Partyszene genutzt.

Spätestens seit 2000 verwandelten sich die einst ungewollten Flächen in begehrte Lagen für finanzstarke Investoren. Die Brachen wurden zugebaut, Wohn- und Bürohäuser stehen heute, wo einst Birken wuchsen und Nachtigallen nisteten, wo es Open-Air-Clubs gab oder Wagenburgen. Hier blicken wir auf 12 berühmte Brachen in Berlin: Eine Geschichte der Leere in der Stadt.


Kreuzberg 36

Wagenburg in Kreuzberg in den 1970er-Jahren. Foto: Imago/Serienlicht
Wagenburg in Kreuzberg in den 1970er-Jahren. Foto: Imago/Serienlicht

Besetzte Häuser, alternative Kinderläden und auch Wagenburgen gehörten in Kreuzberg spätestens seit den 1970er-Jahren zu dem neuen Erscheinungsbild des einstigen Arbeiterbezirks. Auf den Freiflächen rund um den Mariannenplatz fanden urbane Nomaden mit ihren zu minimalistischen Behausungen umfunktionierten Bauwagen eine neue Heimat. Damit boten Brachen in Mauernähe Raum für die Entwicklung einer alternativen Lebenskultur. Das berühmte Baumhaus an der Mauer des Berliner Türken Osman Kamin (1925–2018) ist bis heute ein bei Touristen beliebtes Beispiel für die kreative Nutzung von leerem Stadtraum.


Potsdamer Platz

Brachen in Berlin: Der Potsdamer Platz, im Hintergrund das Tower Hotel, 1990. Foto: Imago/Camera4
Der Potsdamer Platz, im Hintergrund das Tower Hotel, 1990. Foto: Imago/Camera4

In West-Berlin war der Potsdamer Platzt eine urbane Einöde, von Pfützen und Schlamm durchsetztes Ackerland, auf dem in den 1980er-Jahren am Wochenende ein Flohmarkt stattfand, der übrigens erst in den Wendejahren „Polenmarkt“ genannt wurde. Wim Wenders hielt die unwirkliche Stimmung des historischen Ortes in „Der Himmel über Berlin“, seinem vielleicht berühmtesten Film, fest. Zwar versuchte man auf der West-Seite mit der Wiedereröffnung des Martin-Gropius-Baus und der Errichtung der M-Bahn, den Platz etwas zu beleben, aber ein neuer Wind zog erst nach dem Mauerfall auf.


Topographie des Terrors 

Fläche hinter dem Topographie des Terrors, 2007. Foto: Imago/Schöning
Fläche hinter dem Topographie des Terrors, 2007. Foto: Imago/Schöning

Die Ausgrabungen am früheren Standort der Zentralen von Gestapo und SS sowie des Reichssicherheitshauptamts begannen Mitte der 1980er-Jahre. Das Gelände direkt an der Mauer, in direkter Nachbarschaft zum Martin-Gropius-Bau, war eine historisch kontaminierte Brache am Rande von West-Berlin. Bis 1945 planten und organisierten die Nazis von dort aus Teile ihrer Terror-Politik. 

Nach dem Krieg wurde die Geschichte verdrängt, das Gelände diente als Abladeplatz für Bauschutt und wurde vergessen. Bis Bürgerinitiativen begannen, sich für die Sichtbarmachung des Ortes und eine historische Auseinandersetzung zu engagieren. So legten Archäologen an der Kreuzberger Niederkirchnerstraße Kellerwände und Fundamente der NS-Gebäude frei. 1992 wurde auf dem Gelände die Stiftung „Topographie des Terrors“ gegründet und seit 2010 befindet sich dort ein Museum mit Dokumentationszentrum.


Botschaftsviertel

Innerstädtische Brachen im Botschaftsviertel von Berlin, 1995. Foto: Imago/Detlev Konnerth
Innerstädtische Brachen im Botschaftsviertel von Berlin, 1995. Foto: Imago/Detlev Konnerth

Seit dem 3. Oktober 1990 ist Berlin wieder Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland, damit endete offiziell die Ära der Bonner Republik, doch die vielen Botschaften zogen erst Ende der 1990er-Jahre vom Rhein an die Spree. Das historische Botschaftsviertel in Tiergarten hat sich in West-Berliner Jahren teilweise in eine wild überwucherte Brache verwandelt. Gestrüpp, Wiesen, Müll und historische Botschaftsgebäude sorgten für eine seltsam dystopische Stimmung. Wie es heute im Botschaftsviertel aussieht kann man hier sehen.


Nordbahnhof

Brachen in Berlin: Brachgelände am Nordbahnhof in Mitte, 2005. Foto: Imago/Seeliger
Brachgelände am Nordbahnhof in Mitte, 2005. Foto: Imago/Seeliger

Als Fernbahnhof wurde der imposante Bau an der Invalidenstraße bereits 1836 eröffnet. Unter dem Namen Stettiner Bahnhof war er ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt und verband die preußische Metropole mit nördlich von Berlin gelegenen Städten wie Angermünde, Eberswalde und Stettin. Die geografische Ausrichtung der Strecken gab dem Bahnhof 1950 den neuen Namen: Nordbahnhof. Jedoch verlor er nach dem Krieg an Bedeutung, der Fernbahnhof wurde 1952 geschlossen und das während des Krieges stark beschädigte Bauwerk abgerissen. Damit gehört der Nordbahnhof zu den spannendsten verschwundenen Bahnhöfe in Berlin.

Heute fährt die Berliner S-Bahn am Nordbahnhof immer noch in Richtung Norden und an die Geschichte des ehemaligen Fernbahnhofs erinnert das noch erhaltene Empfangsgebäude der Vorortbahn. Noch um 2005 herum herrschte um den Nordbahnhof eine urbane Leere. Die Nordbahnhof-Brache bot sich für romantische Spaziergänge an, es war eine Oase inmitten der Stadt. Heute ist davon nichts zu sehen und auch die unweit gelegene Brache an der Schwartzkopffstraße ist verschwunden. Dort, wo sich in DDR-Zeiten das Stadion der Weltjugend befand, steht heute die monströse Zentrale des Bundesnachrichtendienstes.


Alter Zentralvieh- und Schlachthof

Brachgelände rund um den Alten Schlachthof in Prenzlauer Berg, 2003. Foto: Imago/Seeliger
Brachgelände rund um den Alten Schlachthof in Prenzlauer Berg, 2003. Foto: Imago/Seeliger

Am 1. März 1881 eröffnete der Zentralvieh- und Schlachthof in Berlin. Damals gehörte das Areal zu Lichtenberg, zwischendurch zu Friedrichshain, heute befindet es sich nach Grenzkorrekturen in Prenzlauer Berg. Der Schlachthof galt als eine der größten und modernsten Anlagen seiner Art in Europa und versorgte über Jahrzehnte den Großraum Berlin mit Frischfleisch. In DDR-Zeiten wurde der Standort erweitert und als VEB Fleischkombinat Berlin fortgeführt. 1991 wurde der Schlachtbetrieb eingestellt und so verwandelte sich das Gelände in den ersten Jahren nach der Wende in eine überwucherte Industriebrache, die in Berlin der 1990er-Jahre noch zum Stadtbild gehörten.

Nach Jahren des Stillstands begannen Investoren, das Grundstück aufzuteilen und zu bebauen. Ein riesiges Neubauquartier im Herzen der Stadt entsteht seit den frühen 2000er-Jahren auf dem Areal. Das Entwicklungsgebiet Alter Schlachthof ist noch nicht vollständig abgeschlossen, aber die Zukunftspläne sind heute klar. Hier erzählen wir die Geschichte des Zentralvieh- und Schlachthofs in Berlin.


RAW Gelände

Gelände rund um das ehemalige Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) in Friedrichshain, 2003. Foto: Imago/Seeliger
Gelände rund um das ehemalige Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) in Friedrichshain, 2003. Foto: Imago/Seeliger

Das RAW-Gelände in Friedrichshain, das sind 71.000 Quadratmeter, die nach der Wende verwaist waren und anfangs Künstler und die Partyszene statt Investoren anzog. Um 1999 richtete sich auf dem verfallenden Gelände der Reichsbahn zunächst der RAW-Tempel mit seinen vielen Untermietern und soziokulturellen Angeboten ein. Heute leider geschlossen, waren die kreativen Köpfe des Tempels eine Weile allein auf weiter Flur.

Bis langsam eine illustre Nachtleben-Karawane nachzog: das Cassiopeia, der Club Suicide Circus, das Astra Kulturhaus, das Badehaus Szimpla, die aus dem Prenzlauer Berg vertriebene Bar Zum schmutzigen Hobby, dazu die Skater und Kletterer, Imbissstuben und Kneipen und der Kunstraum Urban Spree samt großem Biergarten. Ein großer Abenteuerspielplatz für Erwachsene, mehr Berliner Partystimmung auf einem Fleck geht kaum.


Spreeufer

Spreeufer in Kreuzberg, 2006: Imago/Kai Bienert
Spreeufer in Kreuzberg, 2006. Foto: Imago/Kai Bienert

Es gibt einige Orte in Berlin, die sich seit dem Mauerfall komplett verändert haben. Dazu gehört mit Sicherheit der Potsdamer Platz, die Heidestraße zwischen Mitte und Moabit und auch das Spreeufer entlang der Grenzen von Friedrichshain, Mitte, Kreuzberg bis zur Treptower Brücke. Es war lange ein von Brachen und leeren, verwilderten Grundstücken geprägtes Gebiet, auf dem sich Kreative und Natur breit machen konnten. Das ist längst Geschichte. Das Spreeufer ist heute vermutlich das symbolträchtigste Entwicklungsgebiet der Stadt.

Hier residierten einst die Party-Aktivisten von der Bar25 und verwandelten sich mit dem Holzmarkt selbst in Bauherren, hier entstanden die neuen Bürohäuser internationaler Medienunternehemen, allen voran von Universal, hier begann die erste groß angelegte Anti-Gentrifizierungskampagne, die unter dem Slogan „Mediaspree versenken“ gegen die neuen Zeiten anzukämpfen versuchte. Das klappte nicht wirklich. Auf Kreuzberger Seite wurden alle Lücken mit Lofts aufgefüllt, die Clubs verschwanden, entlang der East Side Gallery machen sich Büro- und Wohntürme breit und der Mercedes-Benz-Platz wurde zum ultimativen Manifest von Geld und Macht in dem vermeintlich alternativen, weil grün regierten Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.


Leipziger Platz

Brachen in Berlin: Verwilderte Brache hinter dem Leipziger Platz, 2005. Foto: Imago/Rolf Zöllner
Verwilderte Brache hinter dem Leipziger Platz, 2005. Foto: Imago/Rolf Zöllner

Vor dem Krieg gehörte der Leipziger Platz zu den vornehmen Adressen der Stadt, hier eröffneten die Kaufhausunternehmer Tietz und Wertheim ihre Konsumtempel, in mondänen Kaffeehäusern traf sich die Elite der preußischen Metropole, machte Geschäfte, Politik und tratschte über die neusten Skandale. Nach dem Krieg und der Teilung der Stadt verlor der Leipziger Platz an Bedeutung. Die Stadtplaner in der DDR ließen den Platz verfallen, zu kaputt, zu nah an der Mauer.

Eine Brache entstand, die nach der Wende den Festival-Organisator und Club-Betreiber Dimitri Hegemann interessierte, direkt am Leipziger Platz entdeckte er ein leerstehendes Gebäude und eröffnete dort den Tresor-Club, der Rest ist Techno-Geschichte. Die Brache am Leipziger Platz blieb lange, noch bis in die 2000er-Jahre hinein. Heute ist sie jedoch, so wie der nahegelegene Potsdamer Platz, komplett zugebaut und wird von Bürohäusern und dem Shopping-Center Mall of Berlin dominiert.


Cuvry-Brache

Brachen in Berlin: Provisorisches Camp an der Cuvry-Brache in Kreuzberg, 2014. Foto: Imago/Bernd Friedel
Provisorisches Camp an der Cuvry-Brache in Kreuzberg, 2012. Foto: Imago/Bernd Friedel

Die Brache an der Cuvrystraße in Kreuzberg vereint die Geschichte der Clubkultur, Gentrifizierung, alternativer Kunstkonzepte, Street-Art-Subkultur und sozialer Brennpunkte. Heute stehen dort glänzende Neubauten, sie werden zu Höchstpreisen auf dem Immobilienmarkt angeboten, doch nach der Wende erlebte das Spree-Grundstück zahlreiche Phasen. In den 1990er-Jahren siedelte sich hier die Keimzelle des Yaam-Club an. Man saß auf Holzkisten am Feuer und hörte Reggae. Die Stadt entdeckte den Fluss und die Ufer, ein neues Lebensgefühl entstand.

Ende der 2000er-Jahre siedelten sich Punks, Aussteiger, Obdachlose und Roma-Familien auf dem verwilderten Grundstück an. Die Boulevardpresse empörte sich über „Berlins erste Favela“. Der Street-Art-Künstlers Blu pinselte sein legendäres Mural an die angrenzenden Brandwände. Um 2012 wollte BMW gemeinsam mit Guggenheim auf dem Gelände ein Lab errichten, ein Denklabor an der Schnittstelle von Stadtentwicklung, Kunst, Architektur und innovativen Zukunftsideen.

Daraus wurde nichts, die linken Kreuzberger stürmten gegen die Idee an, das Lab zog den Schwanz ein und richtete sich in Prenzlauer Berg ein. Irgendwann wurde das Grundstück geräumt und umzäunt, kurz darauf begannen die Investoren ihr millionenschweres Bauprojekt zu verwirklichen. Blu pinselte 2014 sein markantes Werk mit schwarzer Farbe über, aber das hielt den Lauf der Dinge auch nicht mehr auf.


Dragoner-Areal

Dragoner-Areal am Mehringdamm in Kreuzberg, 2015. Foto: Imago/Schöning
Dragoner-Areal am Mehringdamm in Kreuzberg, 2015. Foto: Imago/Schöning

Kreuzberg bleibt an jeder Ecke umkämpft, jede Baulücke, jede Brache, jedes Fitzelchen Stadtraum wird zum feuchten Traum von Investoren, die von teuren Eigentumswohnungen und modernen Büros fantasieren oder gleich Hotels und Shopping-Center bauen wollen. Auch auf dem seit Jahren heiß umkämpften Dragoner-Areal sieht die Situation nicht anders aus. Immobilienhaie gegen kleine Fische. Luxusbauherren gegen Kleingewerbe. Im 18. Jahrhundert diente das Gelände als Stützpunkt des 1. Garde-Dragoner-Regimentes von Königin Viktoria von Großbritannien und Irland. Dort, wo der Mehringdamm auf die Obentrautstraße trifft, liegen die knapp fünf Hektar beste Lage. Auch hier wird das wuchernde Gras wohl bald Glas und Beton weichen.


Stralauer Halbinsel

Brachen in Berlin: Industriebrache in Alt Stralau, 2005. Foto: Imago/Steinach
Industriebrache auf der Stralauer Halbinsel, 2005. Foto: Imago/Steinach

Wie schnell auch gewaltige Brachen aus dem Stadtbild verschwinden können, zeigt sich gut am Beispiel der Stralauer Halbinsel. In DDR-Zeiten verfiel Alt-Stralau, die alten Industriebauten standen in der Gegend herum, jenseits des alten Dorfkerns rund um die malerische Kirche lebte kaum jemand. Die Stralauer Bucht war still und einsam. In den 1990er-Jahren verwandelte sich das Gebiet an der Grenze von Friedrichshain und Lichtenberg in einen kreativen Abenteuerspielplatz. Dann begannen die Bauarbeiten und heute entsteht dort ein neues Stadtviertel.

So verschwinden nach und nach die Brachen aus Berlin, die Stadt verdichtet sich, sie wird zubetoniert und sie wird teurer. Jeder ungenutzte Quadratmeter weckt Begehrlichkeiten und lässt sich in Gold verwandeln. Für kurze Zeit waren die Brachen so etwas wie urbane Verschnaufpausen, aber die sind der Stadt in Zukunft wohl nicht mehr gegönnt.


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