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15 Jahre Radioeins Geburtstagssause am Gleisdreieck

Park_am_GleisdreieckEs ist herrlich beschaulich im neuen Ostpark am Gleisdreieck an diesem Tag im August. Auf der großen Kreuzberger Wiese haben sich ein paar Sonnenanbeter verstreut und verdösen die Mittagszeit. Auf den breiten Betonwegen ziehen Jogger und Inline-Skater ihre Bahnen, im „Kinderzimmer“, einem der drei Spielplätze des Parks, wiegen sich Vater und Tochter in einem großen Bastkorb hin und her. Der Wind säuselt durch die Wipfel von Birken, Robinien und Buchen, die sich im Wäldchen über alten Gleisanlagen gen Himmel erheben, auf den wilden Wiesentupfen des Parks summen Bienen um die Blüten von Schafgarbe, Klee und Kamille.
„Wunderschön“, meint auch Robert Skuppin, Programmchef von Radioeins. Deshalb, und auch, weil er so verkehrsgünstig gelegen sei, haben sich Skuppin und sein Team den Park für ihre große Geburtstagssause ausgesucht. 15 Jahre alt wird der Sender mit Sitz in Potsdam-Babelsberg. Er fährt zu diesem Jahrestag mächtig auf: Konzerte, Lesungen, Theater- und Kinovorstellungen sowie eine Menge Radio zum Anfassen soll es geben – und zwar nicht einen, sondern, logisch, gleich 15 Tage lang. „Wir schenken unseren Hörern ein Parkfest“, sagt Skuppin.

Nach der Eröffnungszeremonie vor knapp einem Jahr, im September vergangenen Jahres, ist es die erste große Veranstaltung am Gleisdreieck. „Wir wollen ausprobieren, ob sich so etwas hier durchführen lässt“, sagt Christoph Schmidt. Das Event ist also auch eine Art Testlauf für den Park. Schmidt ist Geschäftsführer der Grün Berlin GmbH. Als Tochterunternehmen des Landes Berlin betreut sie den Ostpark, zudem wird in ihrem Auftrag derzeit der Westpark fertiggestellt, dessen Pforten wohl im Frühjahr 2013 öffnen. GleisparkEinst stand hier der Anhalter- und Potsdamer Güterbahnhof, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg in eine Brachlandschaft verwandelte. Jahrzehntelang konnten auf dem Gelände Bäume, Gräser und Sträucher ungestört gedeihen, bis der Senat unter dem Druck örtlicher Bürgerinitiativen Mitte der 90er-Jahre beschloss, Teile des Areals in einen öffentlichen Park umzugestalten. Als Element des sogenannten „Freiraumsystems“, mit dessen Hilfe der Senat Berlin als grüne Metropole profilieren will, ist er sogar ein zentraler Baustein der „Strategie Stadtlandschaft“. Als „Besonders wichtig“ wurde  daher auch das Gleisdreieck im vergangenen Sommer in einem vom Senat beschlossenen Papier in seiner Rolle für den städtischen Naturraum etikettiert.

Ob solch ein beschauliches Fleckchen nun aber ein gut zweiwöchiges Fest verkraftet? Der Eintritt zu den zahlreichen Veranstaltungen ist kostenlos, da liegt es nahe, dass vor allem am Wochenende und bei schönem Wetter Tausende Besucher der Einladung folgen – an einen Ort, der vom Konzept her eigentlich keine Festwiese, sondern eben eher ein Refugium sein soll.
„Wir haben intern schon darüber diskutiert, ob das nicht ein bisschen zu viel Halligalli ist“, sagt Matthias Bauer von der AG Gleisdreieck. Die Bürgerinitiative hat jahrzehntelang gegen die Bebauung des Geländes etwa mit einer Autobahn gekämpft. Von ihrer Idee, die historische Infrastruktur des alten Bahngeländes sowie die artenreiche Vegetation aus den Zeiten der Brache weitgehend zu erhalten, ist aus Sicht der AG nun zu wenig übrig geblieben. Aber immerhin: Es gibt das Wäldchen, die Wildnisinseln sowie ein paar überwucherte Gleisanlagen. Dass denen nun aber infolge der 15-Jahr-Feier ein möglicher Besucherandrang ins Haus steht, weckt bei einigen Mitgliedern Bedenken.

Bauer selbst teilt diese Ansicht nicht. Vielmehr habe er im Zuge der Planungsgespräche den Eindruck gewonnen, dass Radioeins die Bedenken der Anwohner durchaus ernst nehme. Tatsächlich hat sich der Sender dazu verpflichtet, sein Quartier auf die Asphaltfläche vor der sogenannten Ladestraße zu konzentrieren. Dort soll es neben den Buden der gastronomischen Partner lediglich eine kleine Bühne geben. Sechs mal vier Meter Platz haben die Moderatoren, Musiker und Autoren, um ihre Live-Sendungen, Lieder und Geschichten zum Besten zu geben. Auf die große Wiese darf der Sender nur zwei Mal, für das Hörspiel und das Freiluftkino, daneben wird es im übrigen Parkareal einige Kurse im Rahmen der Radioeins Sportstunde geben.
GleisparkAngesichts dieser doch recht behutsamen Einbindung des Geländes findet Bauer andere Fragen wichtiger. So gelte es, die Bauarbeiten im Westpark weiterhin aufmerksam zu begleiten. Immer wieder, sagt er, sei Vegetation, die den Vereinbarungen mit Grün Berlin zufolge eigentlich stehen bleiben sollte, von den ausführenden Baufirmen zerstört worden, beispielsweise am geplanten Kiezplatz unter der Trasse der U2 oder am Naturspielplatz am Eingang Kurfürstenstraße. Ein Vorwurf, den Grün-Berlin-Geschäftsführer Schmidt freilich als „unfair“ bezeichnet. Zwar habe es bei gemeinsamen Rundgängen durchaus einen Dissens hinsichtlich einiger Bäume gegeben, unabhängige Gutachter hätten jedoch im Hinblick auf die Verkehrssicherheit deren Fällung empfohlen.

Einen Erfolg im Hinblick auf das Grün im Westpark hat die AG jedoch schon verbuchen können: Die Kleingartenparzellen der Kolonie „Potsdamer Güterbahnhof“ an der Bülowstraße, die ursprünglich mehreren Sportplätzen weichen sollten, dürfen bleiben. Vielleicht ist das ja auch für die Skeptiker ein Anlass, sich unter die Feierlichkeiten des Radioeins-Geburtstags im Ostpark zu mischen. Dort hängt derzeit an einer der Yorckbrücken als Teil einer Kunstausstellung ein rotes Dreieck, geschmückt mit den Worten: „Vor Ankommen wird gewarnt“. Es gehe darum, so erklärt es der dazugehörige Begleittext, „immer auf der Reise, mithin im Prozess und in Bewegung zu bleiben“ und sich die Frage zu stellen: „Wie lässt sich dieser Ort sozial und kulturell aneignen und weiterentwickeln?“ Das Parkfest von Radioeins, so viel scheint jetzt schon sicher, wird darauf eine Antwort geben. 

Text: Roy Fabian
Fotos: David Ulrich

15 Tage – 15 Jahre Radioeins
So 19.8.–So 2.9.
Fünf Tipps zum radioeins-Fest im Park am Gleisdreieck:


Berlin – Weltstadt oder Chaosmetropole

Talk u.a. mit Brigitte Fehrle (Berliner Zeitung), Lorenz Maroldt (Tagesspiegel), Henryk M. Broder (Publizist),
So 19.8., 12–14 Uhr

Das beste aus zwei Welten
Olli Schulz und Jan Böhmermann werten die Radioeinsgeschichte aus
So 19.8., 16–18 Uhr

Die Radioeins-Sportstunde
Leibesertüchtigung zum Mit­machen: von Inlineskaten über Crossboccia bis zum Tanzkurs,
Mo-Fr, jeweils 18–20 Uhr

Arena liga live
Zum Bundesliga-Start bekommt Moderator Andreas Ulrich fachkundigen Beistand von „11-Freunde“-Chefredakteur
Philipp Köster. Die Sendung feiert dabei auch ihren 10. Geburtstag, wie auch das Radioeins-Tippspiel,
Sa 25.8., 14–18 Uhr

Maike Rosa Vogel
Zu Gast bei Radioeins live aus dem Park: die Senderentdeckung mit Sprechgesang und Protest­gitarre,
Mo 27.8., 19–21 Uhr

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