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Stadtleben

3 Jahre Veranstaltungsagentur „Mit Vergnügen“

MitVergnuegen_MatzeHielscher_PierreTuerkowskyUm es mal ganz aktuell anzugehen: Wie wetterfühlig ist euer Geschäft eigentlich?
Matze Hielscher
Wir haben in den letzten zwei Jahren ja nicht nur Partys, sondern auch eine Eisdiele gemacht, da unten auf der Karl-Liebknecht-Straße, und in dem Bezug ist unser Metier schon sehr wetterfühlig.
Pierre Türkowsky Letztes Jahr im August war das Wetter so mies, dass wir 15 Tage lang zuhatten. Wenn wir Partys machen, ist das Wetter dagegen nicht so gravierend. Natürlich fällt es den Leuten schwer, aus dem Haus zu gehen, wenn es ein Scheißwetter ist, aber wir versuchen den Anreiz bei unseren Veranstaltungen so groß zu machen, dass man es dann trotzdem tut.
Matze Aber durch die Unbeständigkeit des Wetters in Berlin sind schon einige Sachen flöten gegangen, Open Airs, der Freischwimmer …
Pierre Also wir wollen uns definitiv aus der Open-Air-Branche raushalten.
Matze Und auch Eis werden wir nicht mehr machen.

Ihr habt die Anzahl der von euch selbst durchgeführten Veranstaltungen generell verringert. Weshalb?
Matze
Auslöser war Weihnachten vor zwei Jahren. Ich bin nach Hause gekommen und meine Mutter sagte: „Na, du siehst ja aus!“ Und Pierre hatte auch schon ein zuckendes Auge. Da haben wir uns gesagt: Lass uns mal weniger machen. Wir haben das aber auch deshalb etwas runtergefahren, weil wir inzwischen als Agentur auch sehr viele Sachen für andere Leute machen. Und: Wir sind 33; man wächst auch aus der Sache raus. Wir wollen nicht als 40-jährige Typen noch im Laden stehen und sagen: Wir sind die Club-Zampanos. Das fühlt sich nicht richtig an.
Ich finde, das sollte immer eine Augen­höhennummer bleiben. Wenn 40-Jährige für 20-Jährige was im Partybereich machen, finde ich das komisch. Ich möchte auch nicht mehr zu DJs gehen, die 50 sind.
Pierre Das fühlt sich nicht mehr ehrlich an. Wir hatten jetzt drei Jahre lang eine Hochphase, in der wir jeden Monat eine Party hätten machen können, die dann bumsvoll gewesen wäre und bei der wir uns wohlgefühlt hätten, weil wir eben die richtigen Leute angesprochen haben. Aber wenn man das jetzt nach dem gleichen Muster immer weitermachen würde, dann wäre das auch nicht mehr ehrlich. Durch den Club, den wir jetzt auch nicht mehr machen …

… es handelte sich um den What?! Club …
Pierre …
waren wir teilweise jedes Wochenende am Start, und das ging nicht mehr.

Ihr seid beide auch Väter geworden.
Pierre Das war dann der größte Stinke­finger in Richtung Nachtleben. Wir machen schon noch Partys, aber sehr viel weniger.
Matze Wir tun es halt, wenn DIE Idee da ist. Es gibt zu viele gute Leute, die Partys machen in der Stadt. Tolle Sachen. Dann macht es auch nur Sinn, wenn einem selbst etwas Besonderes einfällt.

Stattdessen gebt ihr euer Know-how nun vermehrt an andere weiter, oder?
Matze Ja, wir unterstützen Markenveranstaltungen, helfen konzeptionell, bringen Ideen ein, führen aber auch dienstleistungsmäßig Veranstaltungen durch, machen auch Werbung dafür. Mittlerweile kommen durch unser Blog und seine Vielseitigkeit auch Leute mit ganz anderen Sachen zu uns. Wir helfen gerade der Gruppe Yello, ihre Musik-App einzuführen. Es ist so vielseitig geworden, dass es gar nicht mehr nur damit zu tun hat, dass da jetzt ein dunkler Raum ist, in dem es eine Disco gibt.

Gibt es auch Sachen, die ihr ablehnt?
Matze Viele. Wir sagen oft Nein.
Pierre Da bleiben wir unserem Namen verbunden: Es muss uns halt in irgendeiner Form Vergnügen bereiten. Es klingt jetzt banal, ist am Ende aber wirklich so: Wir machen nichts, was uns nicht gefällt.
Matze Es gibt so zwei Sachen aus dem letzten Jahr, die wir jetzt nicht mehr machen würden. Da hatten wir nicht aufs Bauchgefühl gehört, sondern dachten ans Ka-Ching. Aber dann gab’s überhaupt nicht Ka-Ching, sondern nur totalen Ärger. Und so etwas kannst du eigentlich schon im Voraus ahnen.

Die Stadt ist voll mit Events und Veranstaltern, mit Indie-Clubs und Nobel-Schuppen. Sind das Parallelwelten oder habt ihr Macher miteinander zu tun?
Pierre
Es gibt so Ecken, an denen man sich mal trifft, aber eigentlich sind das schon Parallelwelten, weil man da selber eigentlich auch nicht hingehen würde. So wie das Soho House. Da sind wir auch keine Mitglieder, aber wir haben trotzdem damit zu tun, weil man dort immer mal wieder irgendwas macht, eine Konferenz oder so. Es gibt halt sehr viele Veranstalter in Berlin, die wir gar nicht mehr kennen, weil sie aus einer anderen Generation kommen. Es gibt viele Elektro-Veranstaltungen, es gibt sehr viele Clubs, die wir nicht mehr besuchen, einfach auch aus diesen familiären Gründen und aus zielgruppentypischen Gründen. Es herrscht definitiv ein Überangebot.
Matze Für mich definiert sich ein Club aber auch gar nicht danach, wen ich da antreffe. Wenn ich mit den richtigen Leuten unterwegs bin, ist mir das völlig egal. Bei unseren Veranstaltungen sind inzwischen auch viel mehr Grafiker und andere Vergnügungsschaffende zugange. Das ist ja längst nicht mehr nur auf die Nacht beschränkt. Ich gehe saugern in Ausstellungen – ganz altersgerecht – denn ich will auch kein Berufsjugendlicher sein. Jung bleiben immer, spielerisch sein, kindlich sein, klar. Aber jetzt nicht die zerrissenen Jeans anziehen, sich die Haare bunt färben und um acht Uhr morgens im Ritter Butzke stehen und sich Konfetti in den Mund stecken.

Wenn man sich die einschlägigen Partyfotos anguckt, etwa in unserer Rubrik „14 Tage, 14 Nächte“, dann tauchen dort auch viele Ältere auf, die sich die Kante geben …
Pierre
Die kann man aber auch an zwei Händen abzählen.
Matze Du hast das so ja auch mit der Musik. Bei mir gab es irgendwann mal solch ein erschreckendes Erlebnis, als ich auf einem Festival war und eine Band gesehen habe, die ich früher sehr verehrt habe. Den Namen will ich jetzt nicht nennen. Und so etwas will ich auf keinen Fall: Ich will nicht auf dem Immergut Festival vor den 18- bis 20-Jährigen spielen und selber schon über 40 sein – und spiele aber die Lieder, die ich gemacht habe, als ich 20 war. Wenn du es schaffst, dass du mit 40 immer noch Lieder schreibst, dann ist das was anderes, aber wenn sich das nur noch in einer Retrospektive abspielt … Ich bin ein unnostalgischer Mensch, ich renne eigentlich meist raus, wenn die Leute sagen: Weißte noch? Ich finde, es muss weitergehen. Mit 33 interessiert mich der belgische Remix einer französischen Deephouse-Nummer echt nicht mehr. 

War das für Virginia Jetzt!, die Band, in der du bis 2010 den Bass gespielt hast, der Grund, keine Musik mehr zu machen? 
Matze Warum die anderen keine Musik mehr machen, kann ich jetzt nicht beurteilen, aber für mich war das auf jeden Fall so. Es gibt nichts Geileres, als seine Zwanziger  auf der Bühne zu verbringen. Das ist der Hammer. Aber es gibt auch nichts Geileres, als mit 30 seine eigene Firma zu gründen und die Geschicke selbst in die Hand zu nehmen. Ich kann mir jetzt nicht vorstellen, noch einmal in den Sprinter einzusteigen und in Augsburg im Kerosin zu spielen. Leck mich am Arsch, auf keinen Fall. Du wirst ja auch nicht schlauer dabei.

Was waren eigentlich die Zutaten, mit denen ihr eure Agentur zum Laufen gebracht habt? Wo kommt das Rüstzeug her, mit dem ihr eure PR-Aktionen, die florierende Webpräsenz mit Blog und vor allem eure Veranstaltungsideen umsetzt? 
Pierre Eine gewisse Vorerfahrung haben wir schon mitgebracht. Ich war im WMF und im Magnet.
Matze Du hast eine richtige Ausbildung dort als Veranstaltungskaufmann gemacht!

Und du, Matze, hast neben deiner Erfahrung als Musiker ja auch bei den Plattenfirmen Virgin und V2 gearbeitet.
Pierre
Wir haben uns beide, um es mal ganz platt zu sagen, zehn Jahre unsere Kontakte zusammengesucht. Beziehungen sind da sicher die Basis, und auch, sich in Berlin auszukennen. Ohne dies hätte es sicher nicht so einfach funktioniert, wie es für uns jetzt die letzten Jahre lief.
Matze Dadurch, dass Pierre schon im Magnet Partys gemacht hatte und wir zusammen bereits als Remmidemmi Partys veranstaltet hatten, wussten die Leute bereits, was sie bei uns erwartet. Wir können a) einen Club vollmachen und b) eine Veranstaltung unter schwierigsten Bedingungen durchführen. Wir hatten 2010 im Michelberger Hotel, da war das noch eine Baustelle, den WM-Sommer mit täglichem Programm veranstaltet, das war eigentlich meine Ausbildung – auch wenn das damals natürlich keiner wusste.
Pierre Wir wussten auch immer, wen wir ansprechen sollten, wenn wir eine offene Frage hatten oder einen Spezialisten suchten. Das hat sich für uns immer gut gefügt.
Matze Und wir sind trotzdem noch am nächsten Morgen um zehn Uhr klar genug im Kopf, um denen eine Abrechnung schicken zu können.  

Selbst die Büroarbeit macht ihr mit Vergnügen?
Matze Klar. Das liegt auch in meiner Vita begründet. Meine Mutter ist Buchhalterin. Ansonsten: Immer gucken und sehen, was für einen interessant sein kann.

Da liefert Berlin natürlich allerbeste Vo­raus­setzungen …
Matze
Absolut. Es macht so viel Spaß, weil du hier echt geile Leute treffen kannst. Ich nenne das das Senden-und-Empfangen-Prinzip. Wer auf uns aufmerksam wird, der findet auch meist Gefallen an unseren Partys – und sorgt dort seinerseits dafür, dass es dann auch für andere Gleichgesinnte attraktiv ist. 

MitVergnuegen-Matze_PierreAber nicht jeder kommt ja auch überall rein, wo er hinwill. Die strikte Türpolitik des Berghain ist bekannt, in anderen Läden reicht nicht einmal die Volljährigkeit aus. Geht es da eher um Zahlungskraft?
Matze Na klar.
Pierre Aber das ist auch nur bei manchen Clubs so. In Berlin kannst du dann halt auch einfach in die nächste Straße gehen, und da kommst du dann in den Laden rein.
Matze Deswegen finde ich es auch gar nicht so schlimm, einen gewissen elitären Ansatz zu haben. Sicher, es kann simple finanzielle Gründe haben, wer wo rein gelassen wird, aber ich vertraue da auch den Türstehern. Wir arbeiten immer mit dem Gleichen zusammen und der weiß genau, wer zu uns passt. Da geht es gar nicht mal darum: Hey, du siehst scheiße aus, sondern eher – das passt nicht für dich. Du wirst dich hier nicht wohlfühlen. Die meisten Leute verstehen es als Ablehnung, aber eigentlich – so sagt es Cliff, unser Türsteher – ist es eher eine Empfehlung und die ist nicht böse gemeint. Bei einer Geburtstagsparty bei dir zu Hause überlegst du ja auch, wen du einlädst. 

Zu Hause sollte es nicht so laut wie im Club sein. Das finden jedenfalls manche zugezogene Neuberliner, die mit ihren Beschwerden Institutionen wie dem Knaack und Icon den Garaus gemacht haben …
Matze Das ist schon sehr uncool, ein sehr komischer Umgang mit dem Herzstück, was diese Stadt hat, was sie so anziehend macht. Wenn jemand an die Autobahn zieht, dann weiß er doch auch, was ihn erwartet. Er kann doch dann nicht fordern, das Teilstück neben seinem Haus abzusperren.

beschweren sich über feierwütige Touristen. Habt auch ihr damit Probleme?
Pierre Eigentlich gar nicht. Die Art, wie wir Partys machen, ist schon sehr speziell.
Die Leute kommen, weil sie uns kennen – und jemand aus Barcelona kennt uns nicht, der kennt schon eher das Watergate und das Berghain.
Matze Wenn man einem Spanier sagt, heute spielen „Die 100 schönsten DJs der Stadt“, dann versteht er das ja eh nicht. Der weiß sich auch gar nichts drunter vorzustellen und geht dann lieber in eine Club-Institution. Aber ich freue mich generell, dass ich beim Weggehen so viele Leute aus anderen Ländern treffe und mich mit denen austauschen kann. Deshalb möchte ich auch auf keinen Fall in dieses Touristen-Bashing miteinstimmen.
Pierre Die halten das Nachtleben letztlich am Laufen, im Gegensatz zu den meisten Deutschen, die hier leben oder nach Berlin ziehen, und die sich davon dann zunehmend gestört fühlen.
Matze Und die Touristen werden noch wichtiger werden, jetzt, wo wir es mit den geburtenschwachen Jahrgängen in den Clubs zu tun bekommen.

Was hat es mit dieser demografischen Entwicklung auf sich?
Matze Zu Beginn der Neunzigerjahre gab es hier einen absoluten Babystopp …
… der vermutlich mit der einsetzenden wirtschaftlichen Unsicherheit der Nachwendezeit in Verbindung steht.
Matze Ja, ich denke auch. Und diejenigen, die damals geboren wurden, kommen nun mit 18 bis 20 ins beste Club-Alter. Und wenn du da 30 Prozent weniger Leute hast, aber im gleichen Zuge noch einmal höhere Kosten – wie nun etwa durch die GEMA – auf dich zukommen, dann steigt der Druck schon, mit dem sich die Veranstalter künftig auseinanderzusetzen haben.
Pierre Und nicht vergessen: Während die meisten Berliner auf der Gästeliste stehen, zahlen die Touristen ja sogar Eintritt (lacht)

Interview: Hagen Liebing
Foto
: Harry Schnitger


3 JAHRE MIT VERGNÜGEN
,
Gäste: eine Band (mit 3 Buchstaben) + DJs + Chor
Fluxbau, So 31.3., 16 Uhr,
VVK: 10 Ђ zzgl. Gebühr, 333 limitierte Tickets, exklusiv bei Koka 36
Blog auf www.mitvergnuegen.com

 

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