Stadtleben

80 Jahre 1. Mai in Berlin

1. Mai 1929Die Barrikaden brannten in Neukölln und in Wedding. Gerade in den Arbeiterbezirken war man dem KPD-Aufruf zum Streik am 1. Mai 1929 gefolgt. nd das trotz eines Verbots. Der damalige sozialdemokratische Polizeipräsident Karl Friedrich Zörgiebel hatte alle Mai-Demonstrationen untersagt. Vor allem wegen der aufgeheizten innenpolitischen Stimmung. Neu war das nicht. Bereits 1924 waren Mai-Kundgebungen unter freiem Himmel für illegal erklärt worden, ohne dass es zu nennenswerten Zwischenfällen gekommen war. Doch 1929 war alles anders. Die Weltwirtschaftskrise warf bereits ihre Schatten voraus. Schon im Februar, also weit vor dem Börsencrash am sogenannten Schwarzen Freitag im Oktober 1929, gab es im Deutschen Reich rund zwei Millionen Arbeitslose. Offiziell. Die inoffiziellen Zahlen dürften vermutlich weitaus höher gewesen sein. Denn viele Gelegenheitsarbeiter hatten überhaupt keinen Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung und haben sich entsprechend nicht bei den Ämtern gemeldet.

Als die KPD am Dienstag, den 30. April, auf Flugblättern wahrheitswidrig schrieb, das Demonstrationsverbot sei aufgehoben worden, nahm das Drama seinen Lauf. In der Kösliner Straße im Wedding und im Neuköllner Rollbergviertel versammelten sich rund 8000 Menschen. Bewaffnet mit roten Fahnen liefen sie in Demozügen von 50 bis 500 Menschen Richtung Stadtzentrum. Was sie nicht wussten: 13.000 Berliner Schutzpolizisten warteten zum Teil einkaserniert und gedrillt auf ihren Einsatz. An diesem Mittwochvormittag gingen die Uniformierten massiv mit Schlagstöcken und Spritzenwagen gegen die Demonstranten vor. Am Nachmittag brannten dann im Wedding und in Neukölln erste Hindernisse wie Bauwagen und Leitern. Die Polizei rückte daraufhin mit gepanzerten Fahrzeugen und Maschinengewehren an. Und sie schoss. An diesem Abend meistens noch auf Wohngebäude, an denen rote Fahnen hingen.
Am 2. Mai rief die KPD erneut zum Streik auf, diesmal gegen die unverhältnismäßige Polizeigewalt. Und 25.000 Arbeiter folgten dem Aufruf. Der neue Erlass des Polizeipräsidenten über ein „Licht- und Verkehrsverbot“ wurde größtenteils ignoriert. Doch die Polizei setzte die faktische Ausgangssperre mit Waffengewalt und etwa 11.000 Schuss Munition um.

Der letzte Tote war ein neuseeländischer Journalist. Er wurde am Abend des 3. Mai erschossen, vermutlich weil er die Aufforderung zum Verlassen der Straße nicht verstand. Insgesamt starben in den ersten drei Maitagen 33 Zivilisten, knapp 200 wurden verletzt, bei der Schutzpolizei waren es 47 Verletzte. Kein einziger Polizist wurde angeklagt. Aber mehr als 1200 Arbeiter verhaftet.
Ein gesetzlicher Feiertag wurde der 1. Mai, der in Erinnerung an die Opfer des amerikanischen Haymarket-Aufstands von der Zweiten Internationale 1890 als „Kampftag der Arbeiterbewegung“ ausgerufen wurde, erst ab 1933. Die Nazis begingen ihn als „Feiertag der nationalen Arbeit“.     

Text: Britta Geithe
Foto: Deutsches Historisches Museum

80 Jahre Blutmai in Neukölln Ausstellungseröffnung Do 30.4., 8 Uhr,
Geschäftsstelle Die Linke, Richardplatz 16, Neukölln;
Führung zum Blutmai

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