Stadtleben

A 100 – Neben der Spur – Teil 2

FriedemannKunstManchmal fragt sich Friedemann Kunst, wie diese ganze Debatte eigentlich dermaßen aus dem Ruder laufen konnte. Im Büro von Berlins oberstem Verkehrsplaner in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hängt ein sehr buntes Gemälde einer lettischen Künstlerin: „Weil der Behördenalltag ja nicht immer farbenfreudig ist.“  Kunsts Schreibtisch ist penibel aufgeräumt. Akten, Kante an Kante. Täglich liegen bis zu 70 Vorgänge darauf. Die A-100-Verlängerung ist nur einer davon. Aber der umstrittenste. „Wir fühlen uns zum Teil schon missverstanden“, sagt Kunst. Er spricht langsam, geduldig.  Immer wieder versuche die Verwaltung darauf hinzuweisen, dass es nicht „um eine stinknormale Autobahn“ gehe, „sondern um die Korrektur einer Inkonsistenz der Verkehrswege von Ost nach West“. Es fehle die leistungsfähige Anbindung nach Osten. „Die Verlängerung bewirkt eine wichtige Reorganisierung des Straßenverkehrs.“

Friedemann Kunst, 61, geboren in Stuttgart, ist seit 25 Jahren in der Verwaltung tätig, seit 2007 als Leiter der Verkehrsabteilung. Er hat Pläne zur Radverkehrsförderung mitentwickelt, sich mit Elektroautos befasst. Kunst steht nicht gern als Autobahnbetonkopf da. Denn schon das Senatsmotto des Stadtentwicklungsplanes Verkehr von 2003, von Kunst federführend miterarbeitet, hieß: gerechtere Mobilitätschancen für alle Verkehrsteilnehmer anstatt einer einseitigen Privilegierung der Autorfahrer. Derzeit laufen die Arbeiten am Nachfolger, gültig bis 2025. Mit dem 16. A-100-Bauabschnitt bis nach Treptow würden die umgebenden Stadtstraßen um 320.000 Kraftfahrtzeugkilometer entlastet. Sollte dann, wie auch geplant, auch der 17. Abschnitt bis zur Frankfurter Allee gebaut werden, wären es sogar 680.000. Kunst sagt: „Für die umliegenden Straßen versprechen wir verbreiterte Gehwege, mehr Radwege, mehr Busspuren.“ Das Problem dabei ist nur: Dafür müsste Berlin eigenes Geld in die Hand nehmen. Anders als für die Autobahn. Man wird sehen.

Zwar stand die A-100-Erweiterung bereits 2002 im rot-roten Koalitionsvertrag, die ersten Pläne dafür stammen sogar noch aus den Nachkriegsjahren. Nun aber hat der SPD-Landesparteitag vor einem Jahr knapp dagegen votiert, der der Linken im April sogar deutlich. Der Parlamentshauptausschuss blockiert derzeit 3,1 Millionen Euro für die Ausführungsplanung. Nichts geht mehr. Bleibt das so bis zur Sommerpause, wankt der Zeitplan. Darauf hoffen die A-100-Gegner.
Kunst weiß, wie es sich anfühlt, einen ambitionierten Plan in die Tonne zu treten. Mitte der 80er arbeitete er drei Jahre lang am neuen Flächennutzungsplan für Westberlin mit. Die alten gesamtstädtischen Pläne sollten korrigiert werden, an ein einiges Berlin glaubte fast keiner mehr. Damals sei die Bürgerbeteiligung unglaublich gewesen, erinnert sich Kunst. 300.000 Bedenken und Anregungen. Dann war der Plan fertig, rund ein Jahr vor dem Mauerfall.

Daniel_BuchholzManche sagen, Daniel Buchholz habe den SPD-Parteitag gekippt. Mit einer fulminanten, kurzen, improvisierten Rede. Sätze wie: „Die Logik des Autobahnbaus ist unendlich.“ Dabei sei die Stimmung anfangs eher pro Autobahn gewesen. Er möge es aber nicht, „A-100-Rebell“ genannt zu werden, sagt er. A-100-Kritiker, das schon. Die Abstimmung ging dann 118 zu 101 gegen den Bau aus. Die Genossen beschädigten ihre eigene Senatorin Junge-Reyer. Ganz offen.
Jahrzehntelang war es einfach in Berlin. Schwarz-Rot regierte, die Mehrheit stand meist wie betoniert. Jetzt hat Rot-Rot ein Drei-Stimmen-Polster. Und die Autobahn ist mehr als nur Asphalt. Sie ist ein Lebensgefühl. Eines, das polarisiert. Ein sehr deutsches Gefühl.
Während der Abgeordnetenhaussitzung am vergangenen Donnerstag macht Buchholz, 42, mit jungenhaftem Gesicht, Spandauer SPD-Abgeordneter, Pause in der Cafйteria im Preußischen Landtag. Gerade hat die Stadtentwicklungssenatorin im Plenum nochmal ein Bekenntnis zur A 100 abgegeben, wie sie es ständig tut. Jetzt kommt Ingeborg Junge-Reyer in die Cafйteria, sieht Buchholz, winkt. „Haben Sie gesehen? Sie hat gerade gelächelt“, sagt Buchholz fast begeistert. „Wir haben trotzdem ein sehr gutes Verhältnis.“ Buchholz ist umweltpolitischer Sprecher seiner Fraktion. Er redet viel und gern über Berlins „sensationell niedrige“ Motorisierungsquote, die Notwendigkeit verbindlicher Finanzfestlegungen etwa für den Ausbau von Straßenbahnstrecken, die Zurückdrängung des Individualverkehrs. „Wir müssen Verkehrspolitik wieder größer denken. Dann brauchen wir keine erweiterte A 100“, sagt er.

Am 18. Mai will die SPD-Fraktion über den Bau ein neues Meinungsbild erstellen. Ende Juni könnte der Parteitag womöglich doch noch für das Projekt stimmen. Buchholz ist höchst unwohl bei dem Gedanken. Nicht nur wegen des Wahlkampfes, wo die Grünen diese Steilvorlage dankbar nutzen dürften. Konsequent wäre es, wenn die Befürworter dann auch den Mut aufbrächten, den Autobahnring ganz zu schließen, findet Buchholz und ätzt: „Dann viel Spaß beim Wegsprengen oder Untertunneln der halben Innenstadt.“ 

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Text: Erik Heier
Fotos: Oliver Wolff

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