Stadtleben

A 100 – Neben der Spur

Die Elsenbrücke, ein später Dienstagnachmittag, der alltägliche Verkehrswahnsinn. Autos im Stau, Stoßstange an Stoßstange. Es stinkt zum trüben Himmel. Tief hängen über Treptow schwere Wolken. Wie eine düstere Vorahnung auf das, was kommen könnte. Die A 100. Wenige hundert Meter weiter soll der Verkehr der Stadtautobahn-Erweiterung ab 2017 vom Dreieck Neukölln aus hier am Treptower Park anbranden. Die Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) will es so, ihr Chef Klaus Wowereit auch. Es könnte alles längst geklärt und beschlossen sein. Aber das Gegenteil ist der Fall. Manche Zeitungen schreiben, die A-100-Verlängerung sei Junge-Reyers Crashtest. Mehr noch: der Crashtest der rot-roten Koalition. Vielleicht ist es sogar ein Lehrstück in politischer Eigendynamik.

Es geht um 3,2 Kilometer Autobahn. Um Kosten von 420 Millionen Euro, die aber der Bund berappen muss. Um vier Häuser und einige Kleingärten, die weichen müssten. Um 15 heimische Vogelarten allein an der geplanten Anschlussstelle am Treptower Park. Um 120 Jahre alte Platanen, die dort gefällt werden sollen. Und um viele Gutachten und Studien, die sich Autobahngegner und -befürworter gegenseitig um die Ohren hauen: Verkehrsprognosen, Feinstaubbelastungen, Lärmgutachten. Die Autobahn 100 spaltet die Stadt.
Die Industrie- und Handelskammer ist dafür, der Bezirk Neukölln auch, Treptow-Köpenick und Friedrichshain-Kreuzberg dagegen. Der Baubeginn soll im nächsten Jahr sein. Im Wahljahr. Ausgerechnet.

Auf der Elsenbrücke verstehen sie jetzt schon kaum ihr eigenes Wort. Hartmut Fritsch und Andrea Gerbode. Fritsch, 47, Programmierer bei der BVG, ist ein großer schlaksiger Mann mit Allwetterjacke. Gerbode, 37, Finanzbeamtin, trägt einen Stoffbeutel, auf den sie ein durchgestrichenes Autobahnschild aufgestickt hat. Beide wohnen im Kiez. Sie arbeiten in der Bürgerinitiative Stadtring Süd mit, kurz BISS. Die kämpft seit fünf Jahren gegen diesen 16. Bauabschnitt. Wie vorher gegen den Ausbau durch Neukölln. Nur jetzt erfolgreicher.
Andrea Gerbode schreit fast gegen den Straßenlärm an: „Manche werfen uns vor: Ihr wollt die Autobahn nicht, weil sie bei euch stattfindet.“ Das stimme aber nicht. „Autobahn heißt: Stadtzerstörung. Immer mehr ein Stück Heimat, das verloren geht.“ Fritsch nickt: „Dieser Autobahnabschnitt führt vor allem den Verkehr in die Innenstadt hinein. Das schöne Ziel des Senats, in der Innenstadt ein vernünftiges Verhältnis von Autoverkehr auf der einen und Fahrrad- und öffentlichem Nahverkehr auf der anderen Seite zu gestalten, wird dadurch völlig konterkariert.“ Beide fahren meist Fahrrad.
Fritsch: „Wir haben keinen Führerschein, aber Angehörige unserer Familien. Wir nutzen auch mal die A 100 bis zur Grenzallee.“
Gerbode: „Das klingt jetzt irgendwie doof.“
Fritsch: „Na ja, einmal im halben Jahr, höchstens.“
68.000 Autos befahren pro Tag die Elsenbrücke. Nach Senats-prognosen sind es ab 2016 mit der A 100 noch 12.000 mehr. „Aber die Zahlen werden ja dauernd hin- und hergewürfelt“, sagt Fritsch. Und Gerbode orakelt: „Das wird der totale Verkehrskollaps.“

In einem Innenhof, den es bald nicht mehr geben soll, schließt Herbert Gutwirt, einst 45 Jahre lang Reichsbahner, sein Fahrrad an. Draußen hängen an einigen Balkonen noch Tücher und Plakate. „Wir bleiben hier wohnen. Kein Abriss für die A 100“ und „Stop A 100“. Es ist ein Altbau in der Beermannstraße. Einer der vier, die die Autobahn platt machen soll. Gutwirt nimmt seinen Helm ab: „Wat, A 100? Fragen Sie meine Frau. Ach, sie kommt ja schon runter.“ Dass Erika Gutwirt im Rentenalter noch einmal so etwas wie ein kleiner Medienstar werden soll, hätte sie sich nie träumen lassen. Die BISS suchte vor gut drei Jahren Anwohner, die sich vor die Kameras und Mikrofone trauten. Erika Gutwirt, 67 wie ihr Mann, ist ein Gesicht des Protestes geworden. „Ich habe vor 2000 Leuten auf einer Fahrrad-Demo gesprochen, auf’m Alex bei ,Harry hilf‘“ – das ist eine TV-Berlin-Sendung – „mit’m Gysi in einer Kirche.“ Zwei Tage nach Kriegsende ist Erika Gutwirt in das Haus eingezogen, am 10. Mai 1945. „Manche Leute sagen jetzt, ich sollte mir schon mal eine neue Wohnung suchen. Die können mich mal!“

Ein schmaler Gang an der S-Bahn-Trasse führt zu ihrem Garten hinter dem Haus. Auch die Parzellen stehen der Autobahn im Weg. Und Erika Gutwirt ist jetzt in Hochform. „200 Tulpen habe ich dieses Jahr, letztes Jahr waren es noch 240. Ach, der Garten ist so schön! Vater, wo haste denn den Schlüssel?“ Vater steckt sich grinsend eine Zigarre an. Letztes Jahr hat Erika Gutwirts Herz Alarm gefunkt. Kurz vor einem Schlaganfall, wer weiß. Sie sagt, sie müsse jetzt einfach mal kürzer treten: „Ich rege mich doch sonst wieder so auf.“

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Text: Erik Heier
Fotos: Oliver Wolff

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