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Ausbau der A 100: Wer braucht diese Rallye-Strecke für Individualverkehr?

Der Ausbau der A 100 ist Berlins umstrittenstes Bauprojekt. Ein Ungetüm aus Beton, das sich durch Neukölln und Treptow fräst – und sogar um eine Piste bis Prenzlauer Berg ergänzt werden soll. Der Besuch einer Autobahn im Werden, die von Politiker:innen in der Ferne durchgepeitscht wird.

Die Erweiterung der A 100 an der Sonnenallee: Eine Wanne aus Beton für Riesen. Foto: Stephanie von Becker
Die Erweiterung der A 100 an der Sonnenallee: Eine Wanne aus Beton für Riesen. Foto: Stephanie von Becker

A 100: Asphaltstromtal durch Neukölln und Treptow

Die teuerste Autobahnstrecke Deutschlands ist den jungen Leuten schnuppe. „Ich finde Autofahren schwachsinnig“, sagt Chris, 28, ein Graffiti-Künstler, der eben am Bauzaun entlang geschlendert ist, vorbei an Planierraupen und Baggern. Vom Schreibtisch seines Agenturjobs ist dieser bärtige Anti-Held gerade gekommen.

Drüben lärmt der Bau dieses Meilensteins des fossil betriebenen Verkehrs. Die Erweiterung der A 100, eine der meistbefahrenen Autobahnen in der Republik der Staumeldungen.

Jetzt ist da einer wie Chris, der, so erzählt er, nicht einmal den Führerschein gemacht hat. „Das Auto ist für viele nicht gang und gäbe“, sagt Chris über seine Generation. Er arbeitet als Kreativer einer Eventfirma, der im Auftrag seines Chefs legal Wände besprüht. Und er verkörpert eine Jugend, denen die Lust an einem Fetisch abhanden gekommen ist. Über Jahrzehnte hinweg hat das Automobil die alltägliche Kultur geprägt, von „Easy Rider“ bis „Manta Manta“, vom VW-Bus im Marokko-Urlaub bis zur gepimpten S-Klasse im Gangsta-Rap-Video.

A 100 Die Baustelle im Gewerbegebiet. Gegenüber: "KFC". Foto: Stephanie von Becker
Die Baustelle im Gewerbegebiet. Gegenüber: „KFC“. Foto: Stephanie von Becker

Ausbau der A 100 kostet 200.000 Euro pro Meter

Chris schlendert weiter in Richtung Nordost, derweil wuseln über das abgesperrte Gelände die Arbeiter – viele aus Osteuropa – wie Trupps eines Ameisenstaats. Hier an der Grenzallee in Neukölln, wo gegenüber eine riesige „Kentucky Fried Chicken“-Filiale steht und auch sonst die Zweckbau-Architektur eines Gewerbegebiets herrscht. In der Nähe dreht das Autobahndreieck Neukölln eine Schleife.

Von dort soll der Schnellverkehr gen Osten der Stadt erweitert werden, das ist der Ausgangspunkt des Vorhabens. Über 3,2 Kilometer hinweg, ein Asphaltstromtal durch Neukölln und Treptow. Auf mehreren Spuren, 700 Millionen Euro teuer. Das wären über 200.000 Euro pro Meter. Das Volumen des Betons: in etwa so groß wie die Kubikmeter-Zahl deutschen Atom-Mülls.

Eine Autobahn quer durch zentrale Kieze der Stadt: der 16. und 17. Bauabschnitt der A 100. Bild: Alexrk2/Wikimedia Commons/CC BY-SA 3.0
Eine Autobahn quer durch zentrale Kieze der Stadt: der 16. und 17. Bauabschnitt der A 100. Bild: Alexrk2/Wikimedia Commons/CC BY-SA 3.0

16. Bauabschnitt, so heißt das Projekt in den Behörden. Er endet am S-Bahn-Ring in Höhe des Treptower Parks – und soll von dort um einen 17. Bauabschnitt erweitert werden, über die Spree, bis nach Prenzlauer Berg.

Wer braucht diesen Irrsinn? Eine Rallye-Strecke für den Individualverkehr in Zeiten der Klimawandels?

Das Mammut-Projekt entzweit die Stadt. In Freund:innen des Pkws und ins Lager der Öko-Reformer, die Berlins CO2-Ausstoß verringern wollen, ebenso die Zirkulation von Feinstaub und Stickoxid – und den Bau ablehnen.

Reizthema vor der Wahl, aber Berlins Einfluss ist begrenzt

Der Ausbau ist auch ein Reizthema vor den Wahlen zum Abgeordnetenhaus am 26. September. Die Grünen und Linken verschmähen das Projekt; SPD, CDU und FDP befürworten es. Der zivile Protest bündelt sich in Initiative wie „A 100 stoppen“ oder „Sand im Getriebe“. In der Auflehnung steckt viel Ohnmacht: Das Ganze ist ein Bundesprojekt – womit der Einfluss der Landespolitik begrenzt ist. Im Lager der Gegner:innen setzt man vor allem auf Sabotage. Der Plan: den Verkehrssenat beispielsweise zur Planfeststellungsbehörde zu machen. Und dort den Bau zu verschleppen, bis rund ums Kanzleramt eine neue Regierungskoalition amtiert, etwa Grün-Rot-Rot.

2013 hat Michael Müller, damals Verkehrssenator, heute Chef im Roten Rathaus, den Spatenstich für den Ausbau gesetzt. Zusammen mit dem damaligen Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU). Es war die Ära der rot-schwarzen Senatskoalition unter Party-Bürgermeister Klaus Wowereit. Zwei Häuser und hunderte Kleingärten mussten dem Ingenieurstraum weichen.

Die Autobahn ist ein deutscher Mythos

Die Idee hinter der Landnahme: mehr Gerechtigkeit zwischen Ost und West, rund drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall.

In der Zeit des geteilten Deutschlands waren im US-Sektor die Kapillaren der City-Autobahnen immer dichter geworden, während jenseits des Checkpoints Charlie die Pisten für Trabis selten blieben. Die Verlängerung der A 100 war ein verspätetes Willkommensgeschenk an die Menschen im ehemals kommunistischen Gebiet der Stadt. Pendler:innen aus Treptow, aber auch aus Friedrichshain, Lichtenberg oder Prenzlauer Berg sollten nun auch schneller vorpreschen können auf ein Territorium, das ein deutscher Mythos ist: die Autobahn. Deren Netz soll tief in die Ost-Bezirke hineinreichen.

Brutalismus unter Normal-Null

Die Fahrbahn ist ein Trog, der bis zu sieben Meter tief ins Erdreich drückt – und zwischendurch von einem 386-Meter-Tunnel überwölbt wird. Die optische Signatur ist das Gegenbild zu einem High-Way, der gleichsam über der Stadt schwebt, wie die Trasse einer futuristischen Magnetbahn in einem Science-Fiction-Film. In Berlin wird stattdessen Brutalismus unter Normal-Null gebaut.

Entlang der Strecke residiert der Bauherr: die Autobahn GmbH, eine Bundesbehörde, die sich zwischen Kiel und Konstanz um das Netz der Fernwege kümmert. Ihre Bau-Büros befinden sich in Trakten eines verwitterten Hochhauses, wo einmal eine deutsche Schuhmarke ein Großquartier betrieben hat, „Leiser“, die schnörkeligen Leuchtbuchstaben haften noch riesenhaft am Dach. Man denkt an Großtanten oder Großonkel, die Faltenröcke oder beigefarbene Hosen zu ihren ledernen Tretern tragen.

Im fünften Stock steht Thomas Heyder, Projektleiter des A-100-Ausbaus, ein Bauingenieur mit Igelfrisur, in einem Konferenzraum. Aus den Fenstern blickt man auf ein Landschaftsgemälde aus grauem Beton und Baufahrzeugen.

Bauingenieur Thomas Heyder. Foto: Stephanie von Becker
Bauingenieur Thomas Heyder. Foto: Stephanie von Becker

„Wir haben die Aufgabe, deutsches Recht in Form zu gießen“, sagt Heyder. Die Autobahn GmbH, sie ist die Exekutive für Verkehrswege mit Erlaubnis für hohe Geschwindigkeit. Sie folgt den Weisungen aus den Bundesministerien, loyal und unentwegt.

„Spezialtechnik vom Allerfeinsten“ werde angewendet, sagt Heyder stolz. Vor den Arbeiten am Rohbau musste etwa Grundwasser abgesaugt werden; außerdem sind entlang des früheren Mauerstreifens im Boden einige Altlasten gefunden worden, versetzt mit Öl und Eisen. Eine Entsorgung war nötig.

„Die meisten Anwohner, die direkt drumherum wohnen, sind gegenüber dem Weiterbau der A 100 aufgeschlossen.“ Er meint die Menschen, die dies- und jenseits der neuen Autobahnstrecke wohnen, ob in den Altbauten von Rixdorf, dem historischen Kern des schillernden Neuköllns, oder südlich der Gleise, in der Weißen Siedlung, ein Ensemble von Wohnsilos, erbaut in den 1970er-Jahren.

Die Weiße Siedlung in Neukölln. Foto: Stephanie von Becker
Die Weiße Siedlung in Neukölln. Foto: Stephanie von Becker

Sehnsucht nach dem motorisierten Leben

In dieser Arme-Leute-Gegend, deren Fassaden teils von weißgrauem Wellblech bedeckt sind, eine Exaltiertheit der schmucklosen Bauweise, steht die 48-jährige Sabrina. Die Frau ohne Auto, eine Einwohnerin des Viertels, trägt Leggings und eine cyanblaue Fleecejacke. Und ist noch so jemand, der niemals in einer Fahrschule angemeldet war.

„Es wäre schon gut, wenn ich das Geld dafür hätte“, sagt sie über ihre Sehnsucht nach einem motorisierten Leben. Sie arbeitet im Kundencenter des Pay-TV-Senders Sky; dabei verdient sie knapp über zehn Euro pro Stunde. Ein Leben an der sozialen Abbruchkante. Über das Multi-Millionen-Budget für die Ausbau den A 100 sagt sie: Es sei sinnvoller, das öffentliche Geld „für alte Leute und für Kinder“ auszugeben. Also, mit anderen Worten, für die Sozialsysteme.

Ein paar Steinwürfe entfernt siedeln die Laubenpieper einer Kleingarten-Kolonie. Hinter den Zäunen der Parzelle, die „Treue Seele Nr. 1“ heißt, zum Beispiel: Da faulenzen zwei Rentner:innen in ihren Liegen. Drumherum normierte Idylle. Blockhütte, Sonnenblumen, Gemüsebeete. Und ein sattgrüner Rasen, gestutzt wie die Arbeitsfläche eines ehrgeizigen Greenkeepers.

Früher donnerten nachts Flugzeuge über Hecken und Häuschen. Maschinen, die am Tempelhofer Flughafen, der 2008 geschlossenen Drehscheibe der Berliner Luftfahrt, abgehoben waren. Oder bald landeten.

Maria Schabe (l.) und ihre Freudin Rita schieben in der Kleingarten-Kolonie "Treue Seele" nahe der A 100 eine ruhige Kugel. Foto: Stephanie von Becker
Maria Schabe (l.) und ihre Freudin Rita schieben in der Kleingarten-Kolonie „Treue Seele“ nahe der A 100 eine ruhige Kugel. Foto: Stephanie von Becker

„Man gewöhnt sich an alles“, meint die Kleingärtnerin

Demnächst brettern massenweise Autos durch die Schale aus Beton, die den Verkehrsfluss der verlängerten A 100 betten wird. Ob trotz dieser Dämpfung eine Schallschutzmauer errichtet wird? Die beiden Frauen wissen es nicht so genau. „Wir müssen uns dem fügen, was die uns vor die Nase setzen“, sagt Maria Schabe, 67, die am Kreuzberger Planufer wohnt, früher Köchin, auf dem Oberarm ein Tattoo. Die Freizeitexpertin trägt die dicke Haut einer Ur-Berlinerin, von der Unerbittlichkeit einer wilden Stadt gegerbt. „Man gewöhnt sich an alles.“

Die andere Frau, 77, ist die Pächterin des Schrebergartens, bereits seit 41 Jahren. Was für ein Glück im Lebensplan: Nebenan musste die traditionsreiche Kleingarten-Siedlung „Weißer Stern“ abgerissen werden. Zugunsten von Straßenland für die neue Autobahn.

Deren Schneise fräst sich durch Niemandsland. Firmenzentralen, Höfe, dazwischen struppige Brachen. An der Sonnenallee verläuft die Strecke unter einer neuen Überführung namens Hatun-Sürucu-Brücke – benannt nach einer Deutsch-Kurdin aus Kreuzberg, getötet 2005 von einem Bruder mit drei Kopfschüssen. Der Ehrenmord eines fanatisierten Machos an seiner 23-jährigen Schwester. Die Brücke bietet der Trauer eine triste Bühne. „Der toteste Ort der Stadt“, sagte eine Grünen-Politikerin aus dem Abgeordnetenhaus einmal.

Verkehrswende LOL

Nebenan wird sich bald ein 175-Meter-Turm in die Höhe schrauben. Noch ist dort Ödnis, bedeckt von Baucontainern. Dort ist der nächste Blockbuster geplant: das höchste Hotelgebäude in Deutschlands. 43 Etagen, die Platz für 750 Zimmer bieten, ein Wolkenkratzer. Der „Estrel Tower“ soll das Hotel Estrel um einen Beherbergungspalast ergänzen, jene Bettenburg am Kanal gegenüber, wo Handelsreisende aus deutschen Klein- und Mittelstädten nächtigen, Leute wie das Personal der Sitcom „Stromberg“, die vom Drama einer Versicherung erzählt. An der A 100 soll das Hotel Estrel einen eigenen Abbieger bekommen. Auf der Erdoberfläche stehen entlang der neuen Autobahn kleine Pavillons, die Nottreppen hinunter zur Straße überdachen. „Verkehrswende LOL“ hat ein Witzemacher an ein Häuschen geschmiert.

Noch im Juni haben hunderte Aktivisten die A-100-Baustelle blockiert, einmal in Treptow, einmal in Neukölln. Eine Kundgebung, die auf der Skala des zivilen Ungehorsams noch nicht ganz Gorleben-Stärke erreicht hat. Irgendwo hing ein Banner: „Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten.“ Von der Polizei ist die Demo aufgelöst worden. Wird aus der Rebellion eine Massenbewegung?

Ausbau der A 100: Achterbahn bis Prenzlauer Berg?

Nahe des S-Bahnrings in Treptow findet das umkämpfte Projekt ein jähes Ende. Die A-100 dötscht gegen eine Betonwand, groß wie ein Staudamm. Hier endet der 16. Bauabschnitt. An dieser Stelle soll einmal eine Rampe errichtet werden – zu einer Überführung über die Gleise von S 41 und S 42. Die Ouvertüre zum 17. Bauabschnitt, dem Plot einer Fantasie aus dem Öl-Zeitalter, so retro wie die Zapfsäule einer Texaco-Tankstelle. In diesem Szenario soll die Autobahn über die Spree führen, über eine erneuerte Elsenbrücke, und in einen Tunnel unterm Ostkreuz münden. Später soll die Achterbahn an der Storkower Straße in Prenzlauer Berg ausfransen. Bis zu eine Milliarde Euro könnte das Ganze kosten.

Über die Mathilde-Rathenau-Brücke, noch so ein steingrauer Bau, der zur Überquerung errichtet worden ist, schlendert Sedona Walker, 27. Das Haar der Exil-Amerikanerin ist rot, ihr Pulli rosa. Die Fotografin jobbt in einem Impfzentrum; zudem verkauft sie Eis. Die Existenz einer Berliner Künstlerin. Sie wohnt am Treptower Park, dem Grünflächen-Klassiker, der nur ein paar hundert Meter entfernt ist.

Sedona Walker, 27, eine amerikanische Berlinerin, fährt nur in ihrer Heimat mit dem Auto: im US-Wüstenstaat New Mexico. In der deutschen Hauptstadt ist auch mal zu Fuß unterwegs – zum Beispiel am Ende der A-100-Baustelle. Foto: Stephanie von Becker
Sedona Walker, 27, eine amerikanische Berlinerin, fährt nur in ihrer Heimat mit dem Auto: im US-Wüstenstaat New Mexico. In der deutschen Hauptstadt ist auch mal zu Fuß unterwegs – zum Beispiel am Ende der A-100-Baustelle. Foto: Stephanie von Becker

Ins Auto steigt sie nur in ihrer amerikanischer Heimatregion, wo sie sich mit ihren Eltern einen Toyota Prius teilt. Sie stammt aus Santa Fe, der Hauptstadt von New Mexico, jenem dünn besiedelten Wüstenstaat im Süden der USA, wo die Distanzen weit sind. „Es gibt so viele Autos in Berlin“, sagt sie über die Blechlawinen in der Diaspora. „Wir brauchen diese Autobahn nicht.“

„Durch Andis Adern fließt Superbenzin“

Der 16. Bauabschnitt wird wohl 2024 fertig. Das Bundesverkehrsministerium hat das Projekt im Bundesverkehrswegeplan 2030 mit seinem Rattenschwanz, dem 17. Bauabschnitt, verknüpft. Das erschwert eine kritische Betrachtung des zweiten Akts im Straßentheater, etwa mittels einer Bürgerbeteiligung oder eine Umweltprüfung. Damit nicht genug: Beide Bauvorhaben sind mit dem Etikett „höchste Dringlichkeit“ versehen.

Geleitet wird das Bundesverkehrsministerium übrigens von CSU-Filou Andreas Scheuer. Ein Mann, über den ein Parteikollege einmal gescherzt hat: „Durch Andis Adern fließt Superbenzin.“


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