Stadtleben

Ab ins Berghain

Oliver Reese, der Intendant der Deutschen Theaters und ein Musterexemplar des bürgerlich-seriösen Theatermanagers, ist nicht unbedingt der typische Clubgänger. Dass er derzeit öfter in’s Berghain geht als Jackie A. oder Rainald Goetz, liegt nicht an einer Midlife-Crisis oder dem Wunsch, nach all den Jahren im Theater endlich mal in ganz andere Exzesse abzutauchen. Reeses Abstecher in Nachtleben hat rein berufliche Gründe: Das Deutsche Theater geht mit einer Produktion in den Club.

Deutsches_Theater_ChristinaGoersBarrie Kosky wird hier Strindbergs Traumspiel inszenieren – und welcher Ort könnte für Träume, welcher Art auch immer, geeigneter sein (Premiere: 4. Dezember). Der Ortswechsel hat einen banalen Grund: Bei der DT-Sanierung wurde Asbest gefunden, die Bauarbeiten dauern länger als geplant und länger, als das Theaterzelt vor dem DT bespielbar ist. Das Theater machte sich auf die Suche nach Ausweichquartieren. Jürgen Gosch wird „Die Möwe“ an der Volksbühne inszenieren (Premiere: 20. Dezember). Die Koproduktion der beiden Theater ist nicht ohne biografischen Reiz: Goschs letzte Inszenierung an der Volksbühne, „Leonce und Lena“, liegt Jahrzehnte zurück und wurde nach der Premiere von den DDR-Kulturaufpassern verboten. Danach hat Gosch in der DDR keine Arbeitsmöglichkeiten mehr und ging in den Westen. Ein anderes DT-Ausweichquartier ist das Haus der Berliner Festspiele, dort zeigt das Theater ab Januar einen Teil seines Repertoires.

Ins Berghain kam Reese durch seine 18-jährige Tochter (O-Ton: „Ihr wollt doch immer cool sein…“). Erste Überraschung: diese fremde, seltsame Welt gefiel dem DT-Chef ziemlich gut. Inzwischen schwärmt er von Minimal-Techno, abstrakten Rhythmus-Strukturen und der Panoramabar wie sonst nur von Goethe oder Shakespeare. Zweite Überraschung: Die Liebe war gegenseitig. Die beiden Berghain-Betreiber stellten sich als große Theaterkenner und Fans des DTs heraus, die so ziemlich jede wichtige Inszenierung der letzten Jahre gesehen hatten. Schließlich geht es im Theater im Prinzip ums gleiche wie im Club: Um eine sehr spezielle Form von Kommunikation.

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