Verlassene Orte

Abenteuer in der Stadt

Leben Sie noch? Oder funktionieren Sie bloß? Wer sich unsicher ist, ob er diese Frage mit „ja“ oder „nein“ beantworten kann, sollte es mal mit einem der zehn nachfolgenden Abenteuer in der Stadt probieren. Dazu braucht man nur ein bisschen Neugier, etwas Mut, und außerdem die Lust, ausgetretene Pfade zu verlassen und ein paar Unbequemlichkeiten in Kauf zu nehmen. Als Belohnung winken: Herzklopfen, Selbsterfahrung – und vielleicht ein paar neue Freunde

Lost Places
Foto: Lutz Göllner

Verlassene Orte erforschen

Meine Karriere als Einbrecher beginnt mit der Autobahn. Ich weiß, dass irgendwo im Düppeler Forst die Trasse der alten Dreilinden-Autobahn liegt. Als ich sie endlich finde, stehe ich am Checkpoint Bravo in der verfallenden, aber zugänglichen Raststätte Dreilinden – und die Erinnerung überwältigte mich, einen gebürtigen Berliner: Plötzlich sehe ich wieder den Siebenjährigen, der wie ein Schlosshund heulte, weil die Grepos ihm seine Karl-May-Bücher abnahmen, und habe den Geruch von Kaffee, der zu lange auf der Warmhalteplatte stand, in der Nase, vermischt mit dem Aroma von viel zu vielen Zigaretten.

Dieses Erlebnis wird Auftakt, nach leerstehenden Gebäuden in Berlin und Umgebung zu forschen und dort einzusteigen, immer auf der Suche nach gelebtem Leben. Meine Regeln sind einfach: Beim Einsteigen werden keine Schlösser geknackt, höchstens Zäune überklettert, im Gebäude werden nur Fußabdrücke hinterlassen, es wird nichts zerdeppert und es werden keine Souvenirs mitgenommen. Immer dabei: mein Terrier Spike.
Manchmal, wie im Fall des Potsdamer Terrassenrestaurants Minsk, kommen wir zu spät. Die Vandalen waren schon da und haben keinen Stein auf dem anderen gelassen. Und in der alten Filmfabrik am Ufer der Spree ist recht schnell der Wachschutz zur Stelle. Aber wenn man denen gegenüber nicht aggressiv auftritt, passiert nichts. Eine gefährlichere Begegnung haben wir im riesigen Komplex des VEB Edelgrau in Spindlersfeld: Zwar kleben in den Umkleideschränken faszinierende Pin-ups von sozialistischen Schönheiten, aber wir stoßen auch auf eine Gruppe von Nichtsesshaften, die sich in dem Gebäude eingerichtet  haben – und bereit sind, „ihr“ Revier zu verteidigen. Unser taktischer Rückzug geht sehr schnell.

Besonders faszinierend fand ich das Einkaufszentrum der Cité Foch in Wittenau, das wie eine verfallende Banlieue wirkte, jetzt jedoch abgerissen wird. Überhaupt sind einstürzende Neubauten immer spannender, als alte Gründerzeitbauten. Schließlich war das doch die Zukunft, die uns die Städteplaner in den 60er Jahren versprochen hatten. Und diese Zukunft liegt in Trümmern.

Mein absolutes Lieblingsobjekt allerdings ist die sowjetische Militärstadt Vogelsang in Brandenburg. 20.000 Menschen lebten hier einst, es war die erste Garnison außerhalb der UdSSR, in der Atomraketen stationiert waren, alle auf West-Berlin gerichtet. Heute holt sich der Wald alles zurück, aber die militärischen Strukturen, die Raketensilos, die breiten Alleen, auf denen marschiert wurde, der Appellplatz vor dem Kommandantenhaus, die dunkelbrauen Offiziershäuser, sie sind alle noch da, zusammen mit vielen Zeugnissen des Alltagslebens. Risiko Streng genommen handelt es sich um Einbruch, mindestens um Hausfriedensbruch. Polizei oder Wachschutz haben aber oftmals für die Neugier Verständnis. Wenn sie ein Hausverbot aussprechen, sollte man aber gehen. Außerdem: Manche Gebäude/ Anlagen sind sehr baufällig – Verletzungsgefahr. Das Kinderkrankenhaus Weißensee etwa ist so marode, dass letztens ein „Entdecker“ durch das Dach gekracht ist.

Aufwand Suche der Orte. Außerdem: Anfahrt, Überwinden von Hindernissen wie Zäunen, Mauern. Schlösser knacken, um in ein Gebäude zu kommen, ist keine gute Idee (siehe oben).

Kosten Nur Anfahrtskosten.

Info Auf www.verlasseneorteberlin.com oder www.22places.de/lost-places-berlin gibt es einige schöne Anregungen. Auch beim Stadtplanvergleich auf www.alt-berlin.info findet man interessante verlassene Orte. Darüber hinaus empfiehlt sich, stets die Augen offen zu halten, wenn man in Berlin unterwegs ist.

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