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Sebastian Lehmann – „Aber woanders wohnen? Wo denn?“

Blog: ?Abandoned ?Berlin– Leer stehende Ruinen, bröckelnder Putz und abgeplatzter Lack dokumentieren in dramatisch inszenierten Architekturaufnahmen den -jetzigen Zustand Berlins und seine wechselvolle Geschichte. www.abandonedberlin.com

„Lassen Sie mich durch, ich bin Hipster.“ Diesen Satz würde ich gern öfter hören in Kreuzberg, in Berlin überhaupt. Aber sie sind zu höflich, die Hipster, stellen sich immer schön an der Club-Schlange an und warten geduldig an der Bar, bis sie ihre Club-Mate-Wodka – geschüttelt, nicht gerührt – ausgehändigt bekommen.

Vielleicht hört man diesen Satz aber auch so selten, weil ein Hipster natürlich nicht sagen darf, dass er einer ist – dann wäre er nämlich schon gar keiner mehr. Das klingt sehr kompliziert und ist es leider auch.

Mark Greif, Herausgeber des New Yorker Hipster-Magazins „n+1“, veröffentlichte schon 2010 ein Buch mit dem Titel „What was the Hipster?“. Er benutzte absichtlich die Vergangenheitsform, weil er das Phänomen längst beerdigt sah. Was ihn nicht davon abhielt, noch mal schön auf die Hipster einzubashen, schließlich seien diese keine Künstler, sondern immer nur Konsumenten, gentrifizierten arme Stadtbezirke und überhaupt, diese hässlichen engen Hosen immer. Hipsterbashing wird vor allem von Hipstern betrieben.

Das kann man schön analog auf Berlin anwenden: Berliner würden Berlin nie als hip bezeichnen. Berliner (oder solche, die sich so nennen, obwohl sie eigentlich woanders herkommen, aber schon länger in der Hauptstadt wohnen – so wie ich) finden Berlin grundsätzlich scheiße. Zu Recht natürlich. Es funktioniert ja wirklich nichts: Alle sind unfreundlich, die Busse fahren, wann sie wollen, und es gibt ausschließlich unfähige Politiker. Außerdem ist Berlin sehr hässlich, zum Beispiel im Vergleich zu Paris. Oder Görlitz. Aber woanders wohnen? Also bitte, wo denn? Dieses Prinzip funktioniert übrigens auch bei den Berliner Bezirken. Kreuzberg ist so was von over, aber deswegen nach Moabit ziehen – ein grotesker Gedanke.

Jetzt jammern also die ganzen New Yorker, dass Berlin nicht mehr so cool sei wie vor fünf Jahren. Vielleicht hätten sie mal nach Tempelhof fahren sollen, statt immer nur im Berghain abzuhängen, dann wären sie schon damals nicht auf die Idee gekommen, in der geilsten Stadt der Welt zu wohnen. Andererseits: Tempelhof hat auch schöne Ecken. Habe ich gehört.

Übrigens verbrachte ich letztes Jahr mehrere Wochen in New York, Brooklyn vor allem, und da ist es ja mal richtig hip. Das fanden die Brooklyner allerdings nicht, sondern erzählten mir stattdessen, nach „Newkölln“ ziehen zu wollen. So schlimm steht es also doch noch nicht um den Mythos Berlins. Ich riet ihnen allerdings ab und empfahl Leipzig. Oder Görlitz. Aber da guckten sie nur verwirrt, die Brooklyner Hipster, davon hatten sie noch nie gehört.

Weiterlesen: Berlin ist nicht mehr die cooleste Stadt der Welt? Das behaupten sie zumindest anderswo.

Wir halten also fest: Berlin ist nicht hip und war es auch nie, es gibt gar keine Hipster hier und echte Berliner sowieso nicht. Das sage ich als Hipster aus Berlin. Nein, das war jetzt falsch. Das darf ich nicht sagen. Vergessen sollten wir außerdem auf keinen Fall, dass es diese Diskussion schon länger gibt: „Berlin war eine Zeit lang besonders. Heute sind da zu viele Künstler, zu viele Leute mit Karottenjeans. Idioten.“ Das hat Iggy Pop gesagt. 1980.

Sebastian Lehmann
trägt seine Texte bei der Lesebühne Lesedüne im So36 und neuerdings auch bei der Lesebühne Fuchs & Söhne im Gemeindesaal Moabit vor. Er moderiert zudem den Kreuzberg Slam im Lido. Zuletzt erschien 2013 sein Roman „Genau mein Beutelschema“ im Aufbau Taschenbuch Verlag.


Foto: Hendrick Schneller

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