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Der Kampf ums Gleichgewicht: „Albirea“ im Atze Musiktheater

In seiner neuen Großproduktion „Albirea“ erzählt das Atze Musiktheater mit Kammerorchester und Videoprojektionen von einem ungewöhnlichen Zwist zwischen Gut und Böse

Foto: David Ausserhofer

Ein Mann im silbrig-schwarz glänzenden Shirt steht abseits von den anderen Schauspielern auf einer Empore rechts im Bühnenbild und lässt den Bogen wütend über seinen E-Bass sausen. Auf einer großen Leinwand auf der Bühne kreist eine Sternenhimmel-Projektion. Links spielt ein Kammer-Orchester, in dem neben Geige oder Cello auch ungewöhnliche Instrumente wie ein Gitarrencister erklingen. Komponistin Sinem Altan dirigiert und spielt gleichzeitig Klavier.

Am Lichtpult im Zuschauerraum sitzt Atze-Leiter und Regisseur Thomas Sutter und prüft, ob alles schon zusammenpasst. Die vielschichtige Musik führt durch das gesamte Singspiel, Szenenuntermalung wechselt nahtlos in Gesangsbegleitung. Hier müssen noch ein paar Takte, dort ein paar Textzeilen gestrichen werden, damit das Timing stimmt. Die Proben für das neue Stück „Albirea“ sind in der heißen Endphase, es ist mit 25 Schauspielern und Musikern die größte Produktion, die das Musiktheater im Wedding je gestemmt hat.

Schon vor über einem Jahr fanden die ersten Produktionsgespräche statt, die Ur-Fassung schrieb Thomas Sutter bereits vor zehn Jahren. „Ich frage mich seit langem, warum wir uns so viel streiten, ohne uns gegenseitig wirklich zuzuhören“, sagt Sutter, „und zwar sowohl in Beziehungen, als auch auf großer politischer Ebene.“

Das Stück handelt von drei Welten-Geistern: Draco (Iljá Pletner), der zornige Mann mit dem E-Bass, säht Zwietracht unter den Menschen, die alte Dame Auriga schenkt den Menschen Lebenssterne und steht für friedvolles Miteinander. Als Draco immer mehr Macht gewinnt, gerät die Welt aus dem Takt. „Draco ist aber nicht per se das Böse“, erklärt Sutter. „Er trägt die destruktiven Kräfte des Streits in sich, aus denen Hass und Vernichtung werden können. Aber Streit ist an sich nicht schlecht. Würden alle Auriga folgen, stünde die Welt still und man müsste die Geschichte genauso erzählen.“ Der Kampf von Gut gegen Böse ist im Fantasy-Genre schon oft erzählt worden, allen voran in der „Harry Potter“-Reihe, die unter Kindern ab etwa acht Jahren immer noch enorm beliebt ist. In „Albirea“ ist es ein Mädchen (Guylaine Hemmer), das die Welt retten muss. Das Spannende an diesem Stück ist aber, dass nicht das Böse besiegt werden, sondern das Gleichgewicht wieder hergestellt werden muss. Diese Balance wird in der Geschichte verkörpert durch den dritten Weltgeist Albireo, der zu Beginn des Stücks verschwunden ist.

Dass Draco den gleichen Namen trägt wie Harrys gleichaltriger Gegenspieler im Zaubererinternat Hogwarts, ist Zufall. „Harry Potter habe ich gar nicht gelesen“, sagt Sutter, „für die Namen der Figuren habe ich mich am Sternenhimmel orientiert.“ Wie aus einer anderen Welt sollen am Ende auch die Schauspieler und das digitale Bühnenbild wirken, das Marc Jungreithmeier (Rimini Protokoll) geschaffen hat. Die Frontprojektion auf der Leinwand wird ergänzt durch Rückprojektionen, so dass die visuellen Eindrücke, wenn etwa ein Wald in Flammen steht, bis in den Zuschauerraum hineinreichen. Für die Webseite soll außerdem ein digitales Wimmelbild entstehen, so dass Kinder und Eltern nach dem Theaterbesuch Albireas Mission zu Hause weiterführen und zugleich nach dem eigenen Lebensstern forschen können.

Atze Musiktheater Luxemburger Str. 20, Wedding, Sa+So, 26.+27.10., 16 Uhr, Di+Mi 29.+30.10., 10.30 Uhr, ab 10 Jahren, 12,50–16,50 €,
www.atze-berlin.de

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