Stadtleben

Alkohol und Evolution, Teil 2

Lieber Jochen, danke für Ihre Kritik zur letzten Kolumne. Natürlich ist mir bewusst, dass die Aufzählung der „besoffenen Typen“ nur unvollständig war. Ich kann Ihnen aber versichern, dass dies nicht mit thematischer Inkompetenz der Schreibkraft zu tun hatte, sondern einzig im mangelnden Platz begründet war! Über die Bandbreite des Themas befinde ich mich durchaus im Bilde und als Zeichen meines Entgegenkommens möchte ich nun für Sie, Jochen F., die Typologie an dieser Stelle vervollständigen.
Jüngst verplauderte sich Talk­showmoderatorin Anne Will im In­terview, sie würde betrunken gerne Witze erzählen – damit ist  sie ein prominentes Beispiel der ersten Kategorie:

Der besoffene Witze-Erzähler
Egal wie gelangweilt Sie dreinschauen, oder ob Sie bereits vor Stunden ankündigten, Sie müss­ten aufs WC, der Witze-Erzähler wird Sie nicht gehen lassen, bevor er Ihnen sein vollständiges Witze- und Lustige-Anekdoten-Reper­toire präsentiert. Dass Sie dies nicht komisch finden, kann und will der Witze-Erzähler nicht akzeptieren. Im Gegenteil, sich selbst ist er
der größte Fan und lacht – selbst nach einem Vortrag wie diesem: „Kommt die 18-jährige Kerstin von der Party nach Hause. Fragt die Mutter: ‚Na, warst du auch artig?‘ – Sagt Kerstin: ‚Natürlich, Mutti. Und wenn ich den Worten von Sven und Maik glauben darf, war ich sogar großartig!‘“

Herr/Frau Casanova
Nüchtern ist er noch okay, besoffen hat er einen imaginären Zettel auf der Stirn kleben, auf dem steht: „Brauche dringend Sex, nehme alles.“
Weil dies aber auf potenzielle Kandidatinnen eher abschre­ckend wirkt, steckt er in einem Dilemma und kommt nur selten zum Ziel. Zwischenzeitlich trägt er daher auch Züge des besoffenen Melancholikers (siehe tip 17/08) – ganz anders bei Frau Casanova. Ihre launig-penetrante Art („Ick setz mich mal kurz auf deinen Schoß“) schafft bei den meisten Männern Vertrauen. Frau Casa­novas Bilanz ist deshalb durchschnittlich bis hervorragend.

Der temporäre Antialkoholiker (TAA)
Er informiert sie am Tresen, dass er keinen Alkohol trinkt, die Nega­tiv­faktoren des gesteigerten Konsums schildert er dazu auf dras-
­­ti­sche Weise. Spätestens wenn Ihnen dann Ihr Getränk  nicht mehr schmeckt, vollzieht der TAA einen plötzlichen Sinneswandel, und wäh­rend Sie sich noch wundern, hat er schon alle Grundsätze vergessen und ordert – ausnahmsweise – nur noch Hoch­prozentiges.

Der Diskoschläfer
Alkohol und laute Musik sind sein Sedativum. Wenn Sie so richtig in Fahrt kommen, fallen ihm die Augen zu. Der Discoschläfer ist meist männlich und kommt wegen der unfreiwillig zur Schau gestellten Hilflosigkeit vor allem bei Frauen  mit ausgeprägten Mutterinstinkten gut an.

Abschließend:
Der/die Entertainer/in
Nicht jeder hat das Zeug zum Harald Juhnke. Leider ist Selbst­reflexion keine große Stärke des besoffenen Entertainers. Unwürdige Tanzeinlagen, übertriebene Gesten, wirre Ansagen – dem besoffenen Entertainer fehlt es meist an Talent, nie jedoch an Ausdauer. Nüchtern mag er der Anwalt Ihres Vertrauens sein, besoffen ist er die ganz große Plage.

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