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Kommentar

Alkoholverbot in Berlins Kneipen? Kein Alkohol ist auch keine Lösung

Alkoholverbot in Berliner Kneipen – damit hat Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) in einem Interview mit der „Berliner Morgenpost“ gedroht. Nun ruderte sie eilig zurück, aber das Thema bleibt. Verbote sieht tipBerlin-Gastroredakteur Clemens Niedenthal kritisch. Sein Plädoyer: mehr Nüchternheit in jeder Hinsicht.

Werden Berlins Kneipen jetzt trocken gelegt? imago images / Seeliger
Werden Berlins Kneipen jetzt trocken gelegt? imago images / Seeliger

Kein Alkohol ist auch keine Lösung. Auch nicht in diesem Sommer, in dem schlechtes Benehmen ja leider im Wortsinn ansteckend sein kann. Sich gehen lassen. Und alle kommen mit. Der Schillerkiez, oder meinetwegen die Simon-Dach-Straße, als das Berliner Ischgl. Nur dass man in Berlin nicht einmal vorher Sport machen muss, um hinterher betrunken zu sein.

Neulich in einer Neuköllner Craftbierbar kam es genau deshalb zu einer gefährlichen Häufung der Covid-19-Infektionen. 68 Gäste und sieben Mitarbeiter*innen wurden in Quarantäne geschickt. Weitere 41, mindestens 41, konnten nicht einmal ermittelt werden. Wegen schlampig geführter Anwesenheitslisten. Auch wegen lustiger Wortspiele, die manch eine*r statt einer Kontaktadresse aufgekritzelt hatte. Am vergangenen Wochenende wurden in Neukölln in 13 von 14 kontrollierten Kneipen Verstöße gegen die Corona-Regeln festgestellt. Es gab tatsächlich nur in einer von 14 Kneipen keine Beanstandungen. Sind wir wirklich so infantil? 

Alkoholverbot in Berlin: Die Drohung ist gleich doppelt problematisch

Aber wie gesagt: Kein Alkohol ist auch keine Lösung. Auch wenn die für unsere Gesundheit zuständige Senatorin Dilek Kalayci gerade in einem Gespräch mit der „Berliner Morgenpost“ mit einem grundsätzlichen Alkoholverbot für die Berliner Gastronomie gedroht hat. Ich musste dabei spontan an meine Grundschulzeit denken. Wenn da zwei oder drei nicht die Klappe halten konnten, wurde der ganzem Klasse damit gedroht, den Ausflug in den Zoo zu streichen.

Das Problem dieser, nun ja, Strategie ist gleich ein doppeltes. Einerseits haben wir alle ja damals schon in der Grundschule gelernt, dass solche kollektiven Bestrafungsszenarien am Ende noch immer eine bloße Drohkulisse geblieben sind. Gut gebrüllt, Löwin.

Kalayci ist bereits zurückgerudert

Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci drohte Berlin mit einem Alkoholverbot. Nicht die beste Idee. Foto: imago images / Stefan Zeitz
Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci drohte Berlin mit einem Alkoholverbot. Nicht die beste Idee. Foto: imago images / Stefan Zeitz

Vor allem aber können sich jene, die wirklich alle Hygieneregeln unter den Tisch saufen, wunderbar in der kultiviert beschwipsten Masse verstecken. Wenn jemand gepflegt am Tisch sitze, die Abstandsregeln einhalte und Wein trinke, könne man nichts dagegen haben, rudert Kalayci inzwischen auch erwartungsgemäß zurück. Der Senat beschloss stattdessen, die Kontrollen zu verschärfen – und

Wir lernen also: Es gibt unterschiedliche Wege, sich zu betrinken. Im Sinne einer egalitären Gesellschaft sollten wir da vielleicht keine Unterschiede machen. Im Sinne einer Pandemie vielleicht schon.

Alkoholverbot in Berlin? Schon in Schwaben hat das nicht geklappt

Und überhaupt: Was könnten solche Verbote bringen? Der trollige Schwabe Boris Palmer beispielsweise – wobei trollig in diesem Fall ganz ausdrücklich nicht von Trollinger kommt – hatte im vergangenen Jahr ein Trinkverbot an den zentralen Plätzen des Tübinger Stadtraums erlassen. Die Zahl der Gewaltdelikte und Ruhestörungen ging allenfalls geringfügig zurück. Erfolgreicher wiederum war Palmers Stigmatisierung all jener, denen zum Feiern alleine der öffentliche Raum übrig bleibt. War nicht gerade erst eine recht feudale Hochzeitsfeier als Coronaparty aufgefallen?

Was dennoch genauso richtig und wichtig ist: eine weiterhin stringente und durchaus strikte Hygienepolitik. Schon alleine, weil die Regeln im Alltag ohnehin immer ein wenig legerer ausgelegt werden.

Apropos: Fassen wir uns bitte alle gemeinsam an die eigene Nase. Und wenn das bei geschlossenen Augen noch funktioniert, sind wir wohl auch noch nüchtern genug, die aktuelle Lage ganz nüchtern zu betrachten. Alkohol, und davon bin ich als Gastroredakteur schon von Berufs wegen überzeugt, ist zu allererst ein Genussmittel. Diese Freude sollten wir uns selbst und allen anderen nicht nehmen.

Achten Sie einfach beim nächsten Restaurant- oder Kneipenbesuch darauf, dass ihr*e Gastgeber*in die Hygieneregeln ernst nehmen. Und bestärken Sie sie darin. Auch wenn man gerade in solch schönen Momenten nicht unbedingt an das Virus, dieses Biest, denken will.


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