• Stadtleben
  • Alles aus einer Hand: Handwerk in Berlin

Stadtleben

Alles aus einer Hand: Handwerk in Berlin

Guenter_AdamMaßschneider Günter Adam hat sein Atelier in Ku’damm-Nähe

1965, als er sein Atelier in der Meinekestraße eröffnete, gab es rund 300 Maßschneider in Berlin. Heute ist Günter Adam einer der Letzten seiner Art. Im Etikett seiner Modelle steht W15. Damit wurde der Zustellbezirk am Ku’damm bezeichnet, bevor 1962 die vierstelligen Postleitzahlen eingeführt wurden. „Das hat Tradition“, sagt der Herrenschneidermeister. „W15 stand für den feinen Westen.“ Heute sei es dort zwar immer noch fein. Dennoch hätten damals die Leute mehr aus sich gemacht, bedauert er. „Die meisten geben jetzt ihr Geld lieber fürs Restaurant aus.“ Nichtsdestotrotz hat er viele Kunden, die nach wie vor sein Handwerk schätzen. Früher waren das Harald Juhnke und Günter Pfitzmann. Heute sind es Udo Lindenberg, Max Raabe und Till Brönner, die sich von ihm einen Anzug auf den Leib schneidern lassen. Massschneider_Guenter_AdamSelbst Christian Ulmen hat er schon die ausgefallensten Wünsche erfüllt. Man muss aber kein Promi sein, um seine Dienstleistung in Anspruch zu nehmen. Man braucht nur das nötige Kleingeld: Für einen Standardanzug verlangt er 1?400 Euro. Dafür bekommt man ein Stück Schneiderkunst mit Adams unverkennbaren Merkmalen wie der knöpfbaren Ärmelknopfleiste beim Sakko.

In den 47 Jahren, in denen er das Atelier nun führt, hat er einiges erlebt. Einmal musste er sogar in den Affenkäfig. Das Tier hat ihm den Vogel gezeigt, als er Maß nehmen wollte. „Für diesen Beruf braucht man eben viel Fantasie“, erzählt er. Genauso wie Sitzfleisch und das Gefühl für Formen und Stoffe. Die Zukunft seiner Zunft betrachtet er dennoch nicht als rosig. „Die moderne Konfektion ist heute beinahe besser als Maßkleidung“, sagt er. Die Technik mit all den Computern habe da ganz schön aufgeholt. Ans Aufhören denkt er trotzdem nicht. „Bis ich 80 werde in drei Jahren, mache ich das noch. Dann habe ich 50 Jahre voll.“    

Text: Wolfgang Altmann
Foto: Harry Schnitger

Günter Adam Meinekestraße 6, Charlottenburg, Tel. 881 19 19
Mo–Fr 9–12 & 14–18 Uhr, Sa 9–14 Uhr,

Brutto_GustoDie Floristen Geer Pouls und Takayuki Tomita respektieren Pflanzen

Die Galerie des „schlechten Geschmacks“, wie „Brutto Gusto“ übersetzt heißt, ist aus der Idee entstanden, Kunst und Blumen gemeinsam zu inszenieren. Diesen Wunsch hatte der Niederländer Geer Pouls schon vor 25 Jahren. 2007 zog der studierte Kunstmanager und ausgebildete Florist dann nach Berlin und eröffnete zusammen mit dem japanischen Blumenkünstler Takayuki Tomita sein Geschäft in Mitte. Und das Angebot an Blumen, Zweigen und Vasen ist – natürlich – alles andere als geschmacklos. Jedes Objekt, ob Behältnis oder Pflanze, wird sorgfältig ausgesucht und kombiniert.

Das Wichtigste sei, so Pouls, „die Blume zu respektieren und sie so naturalistisch wie möglich zu inszenieren“. Die Blume suche sich ihre Vase, nicht der Florist. Hört man Pouls zu, wie er über Blumen oder ihre Darstellung in Mapple­thorpe-Fotos spricht, wird man Zeuge einer großen Liebe. Hier hat ein Mensch seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Der besondere Reiz seiner Arbeit ist die Brutto_Gustounmittelbare „Direktheit des Fühlens, des Riechens und das Erleben“ der unterschiedlichen Pflanzen und Materialien. Die Inspiration für ihre floralen Kunstwerke finden Pouls und Tomita in Museen, Galerien oder einfach auf der Straße. Doch nicht nur außergewöhnliche Ideen sind gefragt, wenn man als Florist arbeiten möchte. „Überleben wird auch hier nur, wer sich spezialisiert“, sagt Pouls. Die Spezialität von Brutto Gusto sind zurückgenommene, puristische Arrangements. Ihre Kunden – hauptsächlich Menschen, die selbst einen kreativen Background haben – wissen diesen Stil zu schätzen. Viele von ihnen lassen sich wöchentlich neue Gebinde in ihre Geschäfte, Restaurants oder Agenturen liefern. Die fortschreitende Digitalisierung der Gesellschaft habe einen interessanten Trend ausgelöst, sagt Pouls. Die Rückbesinnung auf das Handwerk als eine Art Gegenentwurf führe dazu, dass die Menschen wieder mehr auf Qualität und Natürlichkeit achten.    

Text: Dina Herrler
Fotos: Harry Schnitger

Brutto Gusto Torstraße 175, Mitte, Mo–Sa 10–18 Uhr, www.bruttogusto.com

 



JanineWildhageInnere Ruhe gehört zum Beruf der Geigenbauerin Janine Wildhage

Interesse an historischen Arbeitsweisen, handwerkliches Geschick und eine gewisse Klangsensibilität – diese Eigenschaften hält Janine Wildhage für ihren Beruf als Geigenbauerin für besonders wichtig. Seit 2007 führt sie gemeinsam mit dem Franzosen Christophe Landon, der bereits viele Auszeichnungen für seine Arbeit erhielt, eine Geigenbauwerkstatt in Kreuzberg. Während sich Landon inzwischen auf den An- und Verkauf antiker Violinen spezialisiert hat,  liegt Wildhages Expertise vor allem in der Reparatur und der Restaurierung verschiedenster Streichinstrumente. Sie wechselt Wirbel, Steg oder Griffbrett aus, schließt Risse im Holz mit speziellem Leim und nimmt Änderungen am Geigenhals vor. GeigenbauNeben diesen regulären Instandhaltungsarbeiten, die bei empfindlichen Instrumenten wie der Violine oder dem Cello von Zeit zu Zeit nötig sind, gibt es aber auch aufwendigere Reparaturen, die bis zu zwei Jahre in Anspruch nehmen können. Darunter fallen beispielsweise Wölbungskorrekturen, die den ursprünglichen Klang der Geige wiederherstellen.

Die innere Ruhe, die Konzentration und die Fingerfertigkeiten, die sie für diese feinen Handgriffe braucht, hat Wildhage in Geigenbauwerkstätten in Berlin, New York und Paris sowie in der traditionsreichen Geigenbauschule Antonio Stradivari in Cremona gelernt. JanineWildhageNeben der Internationalität der Branche schätzt Wildhage vor allem ihre relative Stabilität. Da die klassische Geigenform seit dem 16. Jahrhundert festgelegt ist, sind modische Trends von vornherein ausgeschlossen. Und auch der Bedarf an Streichinstrumenten hält sich, so Wildhage, auf einem konstanten Niveau – zumindest in einer Musikstadt wie Berlin. Denn eine Geige sei trotz ihrer filigranen Erscheinung schließlich kein Luxusobjekt, sondern ein Gebrauchsgegenstand, den Musiker für ihre Arbeit benötigen.   

Text: Henrike Möller
Fotos: David von Becker

Janine Wildhage & Christophe Landon Rare Violins Charlottenstraße 95, Kreuzberg, Tel. 20 83 33 63, www.wildhage-violins.de

 

 

Buchbinder__CrisGrieserBuchbinder Cris Grieser rettet Comics und Familienchroniken

Cris Grieser betreibt ein Geschäft, um das wohl so mancher in den Zeiten der Digitalisierung bangen mag: die Buchbinderei. Der Familienbetrieb Grieser wurde 1896 in Thüringen gegründet und hat schon einiges erfolgreich überstanden. So verkaufte das Geschäft während des Zweiten Weltkriegs Zigarren – weil keiner Bücher binden lassen wollte. 1985 zog der Betrieb schließlich in die Czarnikauerstraße nach Berlin, weil der Vater eine Zeitungsannonce entdeckt hatte: „Buchbinderei zu verkaufen“. Cris Grieser ging nach der Schule bei seinem Vater in die Lehre und übernahm 1996, also genau 100 Jahre nach Gründung, das Geschäft. „So richtig gefragt worden bin ich eigentlich nicht“, sagt Grieser und lacht. Mittlerweile ist er Alleininhaber. „Nach der Wende haben wir hier noch zehn Leute beschäftigt, jetzt bin ich allein. Das sagt eigentlich alles“, meint Grieser. „Ich hab dafür immer was zu tun.“

Seine Kunden sind ganz unterschiedlich: Studenten, die ihre Examensarbeiten binden lassen, Comicsammler, die ihre lieb gewonnenen Hefte retten. Schriftsteller oder Fotografen, die ihre Bücher schön verlegt sehen wollen. „Eine Kundin von mir fotografiert Friedhöfe. Und ich mach’ ihr, bestimmt schon seit zehn Jahren, Bücher aus den Fotos. Ich finde das interessant. Außerdem ist es schön, wenn man die eigenen Vorstellungen verwirklichen kann, wie ein Buch aussehen soll: Für die Familienchronik setz’ ich mich dann auch mal für die hochwertige Fadenbindung ein.“ Auf die Frage nach der günstigsten Bindung hat der Buchbinder auch eine Antwort parat: „Büroklammer.“ Was den Fortbestand von Buchbindereien betrifft, ist Cris Grieser optimistisch: „Uns wird’s so lang geben, wie es Hufschmiede gibt. Solang’ Leute reiten wollen, obwohl es Autos gibt, wird es auch Leute geben, die Bücher lesen, statt auf einen Bildschirm zu starren.“   

Text: Teresa Geisler
Fotos: David von Becker

Buchbinderei Cris Grieser Czarnikauer Straße 14, Prenzlauer Berg, Tel. 445 58 51, www.buchbinderei-grieser.de

 


Morgenstern_und_HertlingFranziska Morgenstern und Till Hertling tischlern für übermorgen

Wer sich ein Einzelstück bei den Möbelgestaltern Franziska Morgenstern und Till Hertling anfertigen lässt, rechnet mit längeren Gebrauchszeiträumen als nur ein paar Jahren. Ihre Möbel sind Maßanfertigungen, entworfen mit Sinn für die Schönheit, der entsteht, wenn man sich am Gebrauchswert und am Material orientiert. Eine Idee, die sie mit der Bauhaustradition teilen oder auch mit dem Biedermeier, beides Inspirationen für sie. Zu ihren Referenzstücken gehören zart geschwungene Birnbaumanrichten ebenso wie Kinderhochbetten, die aussehen, als könnten noch ein paar weitere Generationen darin groß werden. Verwendet werden bei der Arbeit generell nur europäische Hölzer.

Morgenstern_und_HertlingIhre verzweigten Ausbildungswege haben Morgenstern und Hertling aus Berlin bis nach Paris, London oder Buenos Aires geführt. In diesen Jahren hat sich nicht nur ihr eigenes Verständnis herausgebildet, sondern auch neue Bedürfnisse der Kunden sind mächtig geworden. „Der Handwerksbranche geht es besser als noch vor zehn Jahren“, sagt Morgenstern, die gemeinsam mit Hertling vor drei Jahren das gemeinsame Label gegründet hat. „Die Menschen investieren durch die fortschreitende Digitalisierung und die sich daraus ergebende Unsicherheit wieder in kulturelle Werte“, ergänzt Hertling die Beobachtung und betont zugleich die Langlebigkeit und Zeitlosigkeit ihrer Arbeit, in der die Vorstellungen der Kunden verwirklicht werden. Produziert wird in den Wildwerkstätten in der Togostraße im Wedding. Dort hat sich eine Gemeinschaft von acht selbstständigen Möbelbauern zusammengefunden, die sich allesamt auf die Herstellung handgemachter Tischlerarbeiten spezialisiert haben.    

Text: Gina Dubiel
Fotos: David von Becker

Morgenstern und Hertling Togostraße 76, Wedding, Tel. 451 40 16 www.morgensternundhertling.de
 

weiter | 1 | 2 |

Mehr über Cookies erfahren