Stadtleben

Alles echt!



Volker Lösch, immer auf der Suche nach den Erniedrigten und Beleidigten, die er
in seinen Inszenierungen im Chor aufmarschieren lassen kann, hat eine neue
Opfergruppe des Kapitalismus ins Visier genommen: Nach Arbeitslosen,
Ausländern, Strafgefangenen und Kindern, wollte er diesmal echte Banker in
seiner neuen Schaubühnen-Inszenierung auftreten lassen. Aber Bankmitarbeiter
sind hinterhältig: Erst verursachen sie eine Wirtschaftskrise, und dann ist es
ihnen auch noch zu blöd, sich in einer Lösch-Inszenierung zum Affen zu machen.
So wird das ja nie was mit der Kapitalismuskritik! Aber Lösch ist flexibler als
jeder Anlageberater. Weil sich nicht genug Bankmitarbeiter bei der Schaubühne
zwecks Lösch-Arbeiten meldeten, engagierte der gefürchtete Agit-Prop-Regisseur
halt Angehörige einer anderen Zielgruppe: Sexarbeiterinnen. Schön, wenn ein
Regisseur in so erfreulicher Klarheit demonstriert, wie komplett austauschbar
seine Themen, Stücke und Figuren sind. Titel des geplantes Werkes: „Lulu – Die
Nuttenrepublik“. Hossa! Und das, obwohl die Schaubühne durch ihre
Marktforschung jüngst rausgefunden hat, dass die ewigen Nackten auf ihrer Bühne
die Endverbraucher im Zuschauerraum auf Dauer eher nerven als erfreuen.
Lustiger als Volker Löschs Chöre von echt Betroffenen, sind die Kommentare auf
der Internetplattform nachtkritik: „Und als nächstes kommt der Biberpelz – mit
echten Bibern!“, „Oder ein Kirschgarten – mit echten Kirschen.“ Ein User wirft
„andere Vorschläge“ in die Runde: „Die Ratten mit echten Ratten. Den Tasso mit
echten Tassen. Den Tell mit echten Tellern.“ Letzter Vorschlag: „Goethes
Werther mit Werthers Echten.“

 

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